Blood: The Last Vampire (2000) – Filmkritik

„Intergemezzo“

Trotz einer Laufzeit von nicht einmal einer Stunde und einer Prämisse so simpel wie die Tatsache, dass auf Knoblauchgenuss Mundgeruch folgt, hat der 2000er-Horror-Action-Anime BLOOD – THE LAST VAMPIRE über die Jahre hinweg einige Light Novels, Mangas, Videospiele und insbesondere die beiden auch hierzulande erschienenen Anime-Serien BLOOD+ und BLOOD-C sowie eine international produzierte Realfilm-Interpretation des Originalfilms hervorgebracht. Nicht schlecht für einen Kurzfilm.

Meine Erfahrung mit dem Franchise basierte bislang nur auf dem Anime-Ableger BLOOD-C, der leider scheiße ist. Nach fast zwanzig Jahren wird es also Zeit persönlich herauszufinden, was den leidlich originell betitelten Kultstreifen eigentlich von anderen Vampirgeschichten abhebt.

Blood: The Last Vampire (2000)

Dabei ist die Handlung, gelinde gesagt, einfach gestrickt: Mitte der 1960er-Jahre macht die junge Saya  im Auftrag der Amerikaner vampirartige Monster, die Chiropteras ausfindig und bringt sie zur Strecke. Ihre neueste Mission führt sie an eine Schule auf einer in Japan stationierten US-Militärbasis. Dort vermutet man die dämonischen Kreaturen, welche menschliche Gestalt annehmen können, hinter einer Reihe kürzlich stattgefundener „Selbstmordfälle“. Als Schülerin getarnt infiltriert Saya die Schule…

Der Rest ist Action. BLOOD kommt wirklich schnell zur Sache. Von einer echten Geschichte zu sprechen, wäre fast zu gnädig. Vielmehr wirkt der Film wie der Endteil eines mehrere Folgen überdauernden Handlungsbogens innerhalb einer längeren Serie oder auch wie eine animierte Kurzgeschichte. Das ist mit Sicherheit sein größter Kritikpunkt. Viele Zuschauer werden sich am Ende denken: „Das war’s? Und nu’?“ und möglicherweise unbefriedigt mit dem Wunsch nach mehr zurückbleiben.

Blood: The Last Vampire (2000)

Wie so oft ist aber die Frage weniger „Was?“, sondern „Wie?“. Denn BLOOD ist sowohl effektiv erzählt, als auch ebenso außergewöhnlich wie mitreißend in Szene gesetzt. Man spürt bereits deutlich die Handschrift Kenji Kamiyamas, der hierfür das Drehbuch geschrieben hat und später Anime-Meisterwerke wie GHOST IN THE SHELL – STAND ALONE COMPLEX und GUARDIAN OF THE SPIRIT verantwortete. So werden dem Zuschauer die Hintergründe des Geschehens nicht dick auf’s Brot geschmiert, sondern oft nur Informationskrümel gestreut und Andeutungen gemacht, gerade genug, um das Universum greifbar zu machen. Dadurch bewahrt sich der Film bis zum Schluss seine Mystik. Und ich meine damit nicht die nervtötende, pseudophilosophische Geheimniskrämerei aus dem Unwahrscheinlichkeitsgenerator, mit der einige Werke ihre Zuschauer auf ziellose Schnitzeljagd schicken und das dann als den Zenit der Metanarration verkaufen.

Blood: The Last Vampire (2000)

BLOOD zieht rein, weil er den Geist stimuliert, anstatt ihn zu verwirren wie es zum Beispiel auch einige Filme Nicolas Winding Refens schaffen oder – um mal medienübergreifend zu vergleichen – die Videospiele Hidetaka Miyazakis vom Entwicklerstudio From Software. Das Vampirgehacke weiß aber auch ästhetisch zu überzeugen. Die gräulich-ausgewaschene Optik wirkt zwar gelegentlich etwas aufgesetzt, wenn selbst die fröhlichsten Szenen eher wie Beerdigungen daherkommen, bei denen man sich direkt selbst ins Grab schmeißen will. Einige Kamerafahrten und stilistische Extravaganzen mögen zudem um die Jahrtausendwende auf jungfräulichere Augen getroffen sein. Dennoch verfehlt der Film nicht das Ziel eine unheilvolle Atmosphäre zu erzeugen, die durchgehend anhält. Dafür wird auch mal auf experimetellere Mittel zurückgegriffen, was nicht erst im Abspann deutlich wird, der selbst weiter zur Interpretation anregt.

Blood: The Last Vampire (2000)

Regisseur Hiroyuki Kitakobus (ROUJIN Z) eigenständige künstlerische Führung zeigt sich nicht nur visuell, sondern auch dramaturgisch. Er verzichtet auf billige Jumpscares – die Bedrohung lauert permanent. Treten die Chiropteras dann in ihrer wahren Form auf, ist ihr Design einerseits recht konventionell, verbildlicht jedoch einen ursprünglichen Schrecken, wobei sich Anklänge an das Body-Horror-Genre zeigen. Legen sie ihr, unbehaglich unnatürlich erscheinendes Menschenkostüm ab, sind sie nur noch instinktgesteuerte Bestien, stumm, frei von Empathie, aber auch seltsam unschuldig in ihrer Einfachheit. Sie sind gefährlich und stark, aber keine unbezwingbaren Wesen und durchaus verletzlich. Auch Saya ist keine (allzu) übermenschliche Superheldin. In der Konsequenz sind die Actionszenen beherrscht und erstaunlich realistisch angelegt – kein ausuferndes Klingenballett, kein wüster Kugelhagel, keine magischen Fähigkeiten. Das macht die Auseinandersetzungen erfrischend unmittelbar und packend, weil man das Gefühl bekommt, dass wirklich was auf dem Spiel steht.

Die kurze Spielzeit behindert natürlich ausgiebige Charakterisierungen. Doch hier schaffen es die Macher ebenfalls stets mindestens eine weitere Dimension unterzubringen. Gerade Saya – oberflächlich eher maulfaule Aggro-Göre – zeigt immer wieder ambivalente Züge, die nochmals das Universum vertiefen und ihrer Figur eine nachhaltige Faszination verleihen.

All die genannten Qualitäten, die BLOOD mitbringt, vereinen sich destilliert in dem grandios inszenierten Angriff im Krankenzimmer, der das Finale (also die zweite Hälfte der Spielzeit) einleitet. Und wenn man dann so eine Weile über das Gesehene nachdenkt, das sich zwangsläufig ins Gedächtnis brennt, möchte man zu dem Schluss kommen, dass Kamiyama und Kitakobu einen Film so präzise und auf seine Essenz reduziert machen wollten, dass er am Ende eben einfach so kurz geworden ist. Nicht, weil sie nichts mehr zu erzählen hatten, sondern, weil einfach nichts mehr erzählt werden musste.

Fazit

Reizvoll, anregend und ungewöhnlich: BLOOD – THE LAST VAMPIRE steht erzählerisch eher in der Art eines Musikvideos und wird nicht jeden Zuschauer befriedigen, dient aber dennoch als Musterbeispiel für effektive Filmkunst und die Vereinigung von Action und Horror.

© Johannes

Titel, Cast und CrewBlood: The Last Vampire (2000)
OT: When The Wind Blows
Poster
Releaseab dem 29.01.2016 auf Blu-ray

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RegisseurHiroyuki Kitakubo
Trailer
DrehbuchKenji Kamiyama
MusikYoshihiro Ike
Art DirectionYusuke Takeda
Filmlänge48 Minuten
FSKab 16 Jahren

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