Black Widow (2021) – Filmkritik

„Schwarze Witwen haben doch Familie“

Im vielfältigen MCU-Ensemble kommt mancher Held zu kurz. Zwischen den stählernen Muskeln, bunten Laserstrahlen und Verwandlungskünsten ist es vor allem für diejenigen schwer in den Vordergrund zu treten, die keine Superkräfte haben. Okay, IRON MAN hat auch keine übermenschlichen Fähigkeiten, wenn man mal von seinem hohen IQ und unerschöpflichen Vermögen absieht. Eine Kämpferin der ersten Stunden ist Natasha Romanoff alias Black Widow (Scarlett Johansson), die unersetzlich für den Erfolg der Filmreihe ist, aber ihre Hintergrundgeschichte viel zu kurz kam. Nun musste erst die INFINITY SAGA im Filmuniversum ihr Ende finden – und das Leben einiger Helden – bis die ehemalige sowjetische Super-Agentin endlich ihren eigenen Spielfilm bekommt. Wir springen jedoch etwas in der Zeit zurück, genauer gesagt ins Jahr 2016. Nach dem CIVIL WAR taucht Natasha unter, doch ihre Vergangenheit holt sie ein und wir erfahren mehr über die Kämpferin.

© Marvel. Alle Rechte Vorbehalten

Handlung

1995, die beiden Schwestern Natasha und Yelena sind unzertrennlich und leben sorgenfrei mit ihren Eltern Melina (Rachel Weisz) und Alexei (David Harbour) in Ohio. Doch eines Tages kommt der Vater von der Arbeit und erklärt, dass es nun an der Zeit für das große Familienabenteuer ist, von dem er immer gesprochen hat. Was genau bedeutet, Sachen packen und verschwinden. Nachdem sie S.H.I.E.L.D. geradeso entkommen sind, trennen sich die Wege der Familie auf Kuba. Es vergehen 21 Jahre bis alle wieder zusammenfinden. Zudem gibt es nicht nur eine „Widow“. Die tödlich ausgebildeten Kämpferinnen haben den Fall des Eisernen Vorhangs überstanden und werden von Dreykov (Ray Winstone) gelenkt. Die Geschwister Natasha (Scarlett Johansson) und Yelena (Florence Pugh) müssen sich nach Jahren der Trennung zusammenraufen, um ihm die Stirn zu bieten. Aber vorher müssen sie erst die Eltern finden. Vater sitzt im sibirischen Hochsicherheitsgefängnis und Mutter bringt Schweinen den Weg durch Labyrinthe bei.

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Bye-bye Miss American Pie

Eine verzwickte Angelegenheit ist das. Wie soll man nach dieser Hybris aus unterschiedlichsten Superhelden-Handlungen, die alle nur auf ein spektakuläres Finale in Form von AVENGERS: ENDGAME hingearbeitet haben, eine neue Geschichte erzählen, die eigentlich eine alte ist? Die Marvel-Filmschmiede hat uns immer wieder mit neuen Figuren aus dem Comic-Kosmos gefüttert und mit kleinen Hinweisen, die alle auf ein großes Ganzes hinweisen, in die Kinos gelockt. Nun kommt ein bisschen spät, auch dank der Covid-Pandemie, BLACK WIDOW auf die Leinwände und will ihre Geschichte erzählen. Die hat zudem ihren Ursprung im Kalten Krieg und die potenziellen jungen Zuschauer kennen so etwas nur noch aus dem trägen Geschichts-Homeschooling.

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Regisseurin Cate Shortland und ihr Schreiberteam (Eric Pearson, Jac Schaeffer, Ned Benson) machen das erstmal ganz clever und werfen die bekannten „Stilmittel“, nämlich der Kick auf die nächste größere Geschichte, die hinter einer weiteren Hidden-Credit-Scene lauert, über Bord. Auch die bereits erzählten Comicgeschichten werden im Schrank verschlossen – Natasha war in den bunten Heftchen sogar mit Red Guardian verheiratet, hier in BLACK WIDOW ist er jedoch ihr Vater. Und auch kein Hawkeye oder Dr. Banner schaut mal schnell um die Ecke. Natasha ist im trüben Norwegen von der Außenwelt isoliert, scheint auch damit recht glücklich zu sein und bekommt Hilfe von einem neuen Gesicht: Mason (O-T Fagbenle), der übrigens eine sehr sympathische Figur macht.

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Der Kalte Krieg wird über den Drehbuchzaun geworfen und die Terror-Schläfer-Black-Widow-Bedrohung von einem Wahnsinnigen gestartet. Der Storyplot wird geschickt mit Themen des Menschenhandels verknüpft und schon ist sämtlicher alter Geschichtsballast abgeworfen. Wenn man aber bereits 22 Marvel-Filme als Zuschauer auf dem Konto hat, kommt man auch mit seinem eigenen Ballast in die Kinovorstellung, was den gefürchteten Namen „Erwartungen“ trägt. Die unerwarteten Cameo-Auftritte, wie ein Tony Stark im Iron-Man-Anzug und das Erschaffen der nächsten Schurken, so etwas möchte man als Marvelfan sehen und erleben. Wer jedoch diesen Anspruch an einen weiteren MCU-Baustein ablegen kann, wird vor allem einen soliden Actionfilm mit einer verrückten Familienzusammenkunft erleben. Pluspunkt: keine Marvel-Hype-Maschine.

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Auftritt: Familie

BLACK WIDOW ist keine Ein-Frau-Show, denn es wurde gut daran getan ihr Florence Pugh (MIDSOMMAR) als Sidekick zu verpassen. Selten wissen wir, was ihre Yelena als nächstes tut oder sagt, vielleicht wusste es das Team am Set auch nicht, aber so bekommt die manchmal recht steife Natasha etwas Leben auf dem Beifahrersitz eingehaucht. In Lederjacke lässt es sich allein bekanntlich schlecht Bier genießen und auch die Wodka-Flasche findet einen Mittrinker. Yelena rumpelt sich direkt den Weg als zweite Hauptrolle frei, vor allem in Form ihrer Kritik an der schwesterlichen Haar-Schüttel-Heldinnen-Pose. Dass der Staffelstab an Yelena weitergereicht werden soll, ist kein Geheimnis und so wandelt sich auch das Frauenabbild in dieser Comicverfilmung. Auf den damaligen Zeichenpanels konnten sich vor allem Männerfantasien voll ausleben. Muskeln, die noch kein Bodybuilder kannte, wurden auf Oberarme gezeichnet und Frauen mit Wespentaille trieben zwischen kurvenreichen athletischen Körpern ihre Anatomie auf die Spitze. Scarlett Johansson konnte diesen Verweis noch teilweise vollführen, aber mit Florence Pugh beginnt ein neues, ehrlicheres Auftreten und Aussehen, mit dem sich hoffentlich viele Zuschauerinnen wohlfühlen werden. Pluspunkt: Florence Pugh als Yelena.

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In dieser russischen Patchwork-Familie kommt noch Rachel Weisz als Mutter zum Zuge, die ihre grazile Schönheit auf einer Schweinefarm entfaltet. Mit meditativer Einstellung hält sie die Familie davon ab gegenseitig über sich herzufallen. David Harbour (STRANGER THINGS) sorgt als vergessenes sowjetisches Captain-America-Pendant Red Guardian für einige Lacher auf seine Kosten. Er ist auch das russischste Klischee, was aus vergangenen Tagen übriggeblieben ist. Ihn wird vielleicht nicht jeder mögen, aber er macht eine bessere Figur als in der gähnenden HELLBOY-Neuauflage. Pluspunkt: verrückte Eltern.

Die Action

Die tödliche Killerin ist eine umfangreich ausgebildete Soldatin, Kämpferin, Pilotin und Athletin. Auch wenn Black Widow keine Gegenstände schweben lassen kann oder Hubschauer hochheben, reichen ihre Skills für ein vollumfänglichen Actionportfolio. Das wird wohl dosiert, aber mit der richtigen Vielfältigkeit eingesetzt. Wenn erst noch in der Küche die Messer gewetzt werden, geht es über das Motorrad direkt in den BMW (ja, Audi ist hier im Product-Placement raus) über die Treppe in die U-Bahnstation. Vom Nahkampf, der spontan, aber bissig inszeniert ist, greifen die Kämpferinnen alles was in ihrer Reichweite ist, um ihrem Gegenüber den Schädel einzuschlagen. Das wird zum großen Teil ohne dauerhaften Einsatz von Stuntdoubles gezeigt und gewinnt an Realitätsnähe. Für einen Sprung vom Tisch würden „Actionstars“ wie Bruce Willis heute nicht einmal mehr aus ihrem Luxus-Trailer steigen. Die Ladys kloppen sich hier aber gern die Fäuste auf die feinen Nasen.

Zudem wird durch den neuen Bösewicht Taskmaster ein gefährlicher und stummer Neuzugang eingeführt, der als eine gute Mischung aus Skeletor und Wintersoldier ins 21. Jahrhundert transformiert wurde. Seine Fähigkeit die Kampfskills seiner Feinde zu spiegeln, lässt 90s-Beat’em-up-Feeling aufkommen, als man bei Mortal Kombat und Co. auch irgendwann gegen seinen eigenen Charakter kämpfen musste. Fight! Die Kunst des Actionspektakels wird jetzt nicht neu erfunden, deswegen gibt es hier keine Punkte.

BLACK WIDOW hat durch Filmkomponist Lorne Balfe eine recht gut in den Gehörgang kriechende Score erhalten, die mit Chorgesängen etwas altbacken wirkt, aber vielleicht einen russische Kulturverweis darstellt.

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Fazit

Die Pluspunkte hier zusammenzuzählen und irgendein Rating auszuklamüsern ist genauso sinnlos wie eine allumfassende Empfehlung für BLACK WIDOW auszusprechen. Die Spinne verwebt sich etwas in ihrem eigenen Netz, da Marvel immer mit dem nächsten Filmleckerli gewedelt hat und hier nur ein schwacher Verweis auf die HAWKEYE-Serie nach dem Abspann erfolgt. Dennoch ist gerade wegen der kreativen Eigensinnigkeit BLACK WIDOW gute Unterhaltung. Sagen wir es mal anders: Für alle, die Freude an der guten Besetzung haben oder keinen Marvelfilm verpassen wollen, einen Blick wert!

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewBlack Widow (2021)
Poster
RegisseurCate Shortland
ReleaseKinostart: 08.07.2021
Trailer
BesetzungScarlett Johansson (Natasha Romanoff / Black Widow)
Florence Pugh (Yelena Belova)
Rachel Weisz (Melina Vostokoff)
David Harbour (Alexei Shostakov / Red Guardian)
O-T Fagbenle (Mason)
William Hurt (Thaddeus Ross)
Yolanda Lynes (Widow)
Ray Winstone (Dreykov)
DrehbuchJac Schaeffer
Ned Benson
Eric Pearson
FilmmusikLorne Balfe
KameraGabriel Beristain
SchnittLeigh Folsom Boyd
Filmlänge134 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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