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Benedetta (2021) – Filmkritik & Review des Mediabooks

Paul der Prophet

Altmeister Paul Verhoeven ist zurück. Mit seinem neuen Film widmet sich der 83-Jährige dem skandalträchtigen Leben von Nonne Benedetta Carlini (verkörpert von Virginie Efira), die im frühen 17. Jahrhundert als bisher jüngste Äbtissin in einem Kloster aufstieg, von Visionen und Stigmata gezeichnet war und in der Folge der Blasphemie beschuldigt wurde, weil sie eine Ordensschwester liebte. Mit der Unterstützung von Produzent Saïd Ben Saïd und Drehbuchautor David Birke, mit denen Verhoeven bereits bei ELLE (2016) zusammengearbeitet hatte, setzt er Judith Cora Browns Buch „Immodest Acts – The life of a lesbian nun in Renaissance Italy“ (1986) gewohnt provokant um. Nach geplantem Kinostart im Jahr 2020 kam BENEDETTA schließlich 2021 kurz in die Kinos und ist nun im Heimkino-Format erhältlich.

Verhoeven geht es, in dezidiert anderer Weise als etwa David Cronenberg, stets um das Spannungsfeld zwischen Fleisch und Geist, die in Koexistenz erscheinen müssen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Nachdem er 1985 in die USA zog, besuchte Verhoeven einige Jahre lang ein Jesus-Seminar und lernte dort mit einem faszinierten und mit einem kritischen Ohr über den (realen) Jesus von Nazareth. Diese Gedanken hat er in dem Buch „Jesus – Die Geschichte eines Menschen“ (2009) niedergeschrieben, dessen Lektüre an dieser Stelle wärmstens empfohlen sei.

BENEDETTA (2021)

© Capelight / Koch Films

„Dein Körper ist dein ärgster Feind“, sagt zu Beginn die Äbtissin (Charlotte Rampling) zur noch kindlichen Benedetta und thematisiert damit natürlich all die leiblichen Enthaltungen, diesen inneren Kampf der strengen Christen zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen, zwischen Leib und Geist. Für den Moment wird dies mit einem schlichten Nonnengewand aus kratzigem Stoff beschrieben, doch die Körper/Hülle-Metapher blieb bei Verhoeven schon immer wichtig, stets mit religiösen Motiven bzw. christlicher Symbolik: im Mensch-Maschine-Hybrid ROBOCOP (1987), dem personal jesus der Firma OCP, der unter pompösen Fanfaren eines Basil Poledouris im Finale sogar über Wasser läuft; in der Suche nach dem wahren, übergroßen Ich in TOTAL RECALL (1990), wenn Quaid/Hauser (Schwarzenegger) zuletzt als Erlöser der Unterdrückten auf einer Marskolonie wandelt und geradezu kreuzzughaft tötet; oder in der fast gottgleichen Kraft in HOLLOW MAN (2000) – das sagt der Protagonist, der mad scientist, gespielt von Kevin Bacon, einmal sogar wörtlich: „ich bin Gott“. Bereits FLESH+BLOOD (1985) spielt auf bildlicher und narrativer Ebene stark mit christlicher Symbolik wie auch mit Krankheit und Tod, und der leider nicht realisierte CRUSADE, geplant Mitte der 1990er, erneut mit Schwarzenegger, wäre vielleicht Verhoevens größter christlicher Film geworden. Dafür kam 2009 wie erwähnt sein „Jesus“-Buch – und nun BENEDETTA.

Sex & Crime im Nonnenstift

Die junge Benedetta Carlini tritt zu Beginn als Novizin in ein Kloster im toskanischen Pescia ein. Wir schreiben das 17. Jahrhundert, genauer die Zeit um 1620–1630, die Pest wütet im Land und rafft einen Großteil der Bevölkerung dahin. Schon früh wird Benedetta von Visionen „heimgesucht“, fühlt ihre Liebe zu Jesus, dem Herrn, in einer intensiven Mischung aus Wonne und Leid. Spätestens als junge Frau offenbaren blutige Wunden an Händen und Stirn sowie die einer Dämonisierung gleichende verbale Inkarnation eine ausgeprägte Form von Stigmata, woraufhin sie bald vom Kloster, ja von der ganzen umliegenden Gemeinde als Heilige verehrt wird. Sie wird zur bisher jüngsten Äbtissin ernannt. Die bisherige, die Erfahrene, die sie einst im Kloster empfang, muss fortan wieder auf „Schwester Felicita“ hören – und ausgerechnet Benedetta Folge leisten, die sich in ihrem nunmehr eigenen Gemach immerzu mit der hübschen Bartolomea (Daphné Patakia) vergnügt. Hierzu sagt Verhoeven im Interview, dass Benedetta in ihrer Liebe von Jesus geleitet würde, zunächst zu ihm selbst, dann aber schließlich zu der Frau an ihrer Seite im Kloster. Verhoeven: er sei „ihr“ Jesus, wenn sie sich von ihm geleitet fühlt; sollte er doch noch seinen Jesus-Film drehen, er würde ihn „My Jesus“ nennen.

© Capelight / Koch Films

Bereits zu Beginn der Erzählung wird klar, worauf es dem Regisseur ankommt: im Gewand des Historienfilms und Biopics entfacht er ein Thriller-ähnliches Drama, das über Machtstrukturen und (körperliche) Identität nachdenkt. Da geht es zunächst um Verdächtigung und Denunziation. Es geht um Schuld und Sühne, um Voyeurismus und Lust – einschließlich Peep-Holes in den tiefen Klostermauern. Mit 15 Jahren bekam Verhoeven von seinem damaligen Kunstlehrer gepredigt: das Schönste auf der Welt sei die weibliche Brust (siehe: Interview zu SHOWGIRLS auf der Blu-ray von capelight). Dem frönt Verhoeven immer noch mit unveränderter Hingabe. Folglich vollzieht sich entlang der sexuellen Eskapaden und auch Gewaltspitzen von BENEDETTA eine seduktive Tour de Force, wobei man sich mehrfach an seine früheren Filme wie eben SHOWGIRLS oder manch blutigen Action-Hybriden erinnert fühlt. Insgesamt hält sich der Film handlungstechnisch eng an die Vorlage, an das überlieferte Leben der realen Benedetta Carlini, einzig der „explosive Schluss“ (Verhoeven) sei erfunden und auf seinen Wunsch hin frei hinzugefügt worden. Der ursprüngliche Titel lautete BLESSED VIRGIN, setzte sich jedoch nicht durch, weil das Teaser-Poster, das die Brust der Ordensschwester durch das Habit hervorblitzen lässt, in Verbindung mit dem Arbeitstitel für ein Abbild der Gottesmutter gehalten wurde – und man ähnliche Ausschreitungen wie damals bei Scorseses DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI (1988) befürchtete.

BENEDETTA (2021)

© Capelight / Koch Films

In BENEDETTA wird das körperliche Ausmaß der Erzählung alsbald in nicht nur eigentümlich sleazig ausgeleuchteten Sexszenen seine Entsprechung finden, sondern vor allem im Körper als Überträger von Krankheit. Verhoeven mischt für seinen mittelalterlichen Cocktail aus Sex & Crime – im Rahmen seiner doch auch beschränkten Produktionsmittel – recht großzügig zusammen, von reichlich nackter Haut über Folterinstrumente bis hin zum manifestierten Gotteszorn in Form von Pest und Feuertod. Krankheit, Sex und Prostitution – das prägte bereits seine frühen Filme, etwa DAS MÄDCHEN KEETJE TIPPEL (1975) oder SPETTERS (1980). Verhoeven zögerte nie, das darzustellen, wovon die meisten Menschen nur zurückhaltend oder demütig sprachen, so auch hier in BENEDETTA: Mehrfach erscheint der Hauptfigur und uns Jesus, Mensch und Gott zugleich. Einmal sitzt er hoch zu Ross und schwingt aggressiv ein Schwert, was schon wieder etwas billig aussieht – in solchen Momenten bricht Verhoeven das Drama auf und gibt sich bereitwillig der Exploitation hin. BENEDETTA bleibt vor allen Dingen natürlich Drama, er ist in einigen Szenen aber auch Nunsploitation par excellence, unzensiert und auf Hochglanz poliert.

© Capelight / Koch Films

Um BENEDETTA nahezukommen, lohnt es sich, ihn als Film über Sinnlichkeit, Begehren und Identität zu begreifen. Benedettas Liebe zu Gott ist wie auch die fleischliche Liebe zum Menschen tief in ihrem Wesen verwurzelt. Beide werden geweckt von Kräften außerhalb ihres Körpers, aus ihrem Umfeld, führen aber schließlich dazu, dass sie als zutiefst ambivalente weibliche Figur, auch auf der Leinwand, erstrahlt. Dafür benutzt Verhoeven wahrlich nicht immer subtile Sprache, manche Dialoge und Szenen kommen bislang holprig, fast schon holzschnittartig herüber. Was tief in den Bann zieht, ist die Blickdramaturgie dieses Films: die Achsen von Kamera- und Schauspielerblicken bilden ein verführerisches Netz aus Enthaltung und Versuchung. Am spannendsten ist BENEDETTA, wenn kaum gesprochen wird. Verhoeven teilt seinen Film dabei in kleinere Etappen auf, die allesamt ihren eigenen kleinen Höhepunkt suchen. Er verspürt – wie auch wir Zuschauende immer stärker – Freude und Lust, dabei zuzusehen, wie die Figuren seines Films ihrer Bestimmung entgegentreten. Bildlich stark aufgeladen wird das alles, einmal verziert mit einem apokalyptischen Kometen, der den Nachthimmel unheilvoll zum Leuchten bringt, ein andermal mit einer schlichten halbdurchlässigen Wand aus zarter Seide.

BENEDETTA (2021)

© Capelight / Koch Films

So ist BENEDETTA am Ende, trotz des teilweise exploitativen Charakters und der qualvollen Pein, die einige Figuren ertragen müssen, ein wunderschöner Film geworden, der die Liebe und Lust als etwas wahrhaft Großes und Erhabenes darstellt: „Findest du mich schön?“, fragt Bartolomea anfangs Benedetta, woraufhin diese erwidert: „Weißt du das nicht selbst?“ – „Wir haben keine Spiegel.“ – „Dann nutze meine Augen als Spiegel.“ Durch Benedettas Augen lernen wir neu zu sehen.

Das Mediabook von BENEDETTA

In einem erneuten Joint Venture haben capelight und Koch Films BENEDETTA nun auch für den Heimkinomarkt herausgebracht: in zwei verschiedenen Mediabook-Designs, einmal in der gängigen G1-Größe (DVD-Höhe) mit dem wunderschönen Teaser-Motiv des weiß strahlenden Nonnenkörpers im capelight-Style, und einmal in der kleineren G2-Größe (Blu-ray-Höhe) mit neu gezeichnetem dunkleren Cover im Koch-Style. Inhaltlich sind beide Book-Varianten identisch und kosten natürlich auch das Gleiche (aktuell ca. 28-30 Euro). Der Film ist ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben.

Der Film liegt jeweils auf 4K-UHD mit HDR10+ und Dolby Vision vor, zudem auf Blu-ray. Beide Discs sind in ihrer Qualität in Bild und Ton erhaben, wobei die UHD hier klar zu bevorzugen ist. Für eine UHD-/HD-Combo im Mediabook ist der Preis attraktiv. Ob es zum Kauf lohnt, darüber entscheidet wie immer das mitgelieferte Zusatzmaterial. Vorfazit: es enttäuscht nicht, wenngleich es in Qualität und Umfang hinter anderen Veröffentlichungen doch etwas zurückbleibt. Es ist natürlich schwierig, einen aktuellen Film, der soeben erst erschienen ist, vollumfänglich mit reflektierendem Bonusmaterial zu segnen, aber ein, zwei Ideen wären mir schon noch gekommen. Als audiovisuellen Bonus gibt es demnach zwei Interviews mit Paul Verhoeven. Auch wenn diese jeweils sehr ausführlich gestaltet sind, einmal 43 und einmal 28 Minuten, sind es streng genommen doch „nur“ zwei Interviews mit dem Regisseur. Und das war es dann auch schon an anwählbaren Extras auf der Disc, die ich im übernächsten Absatz aber natürlich noch einmal etwas genauer beschreiben werde.

Das für mich relevante Extra bei diesem Mediabook, welches ich mir als Paul Verhoeven-Jünger und Sammler sowieso ins Regal gestellt hätte, ist der hoffentlich informative Booklet-Text, der zusammen mit den Medien in zwei Trays und in der würdigen Verpackung den Mehrwert und den Sinn des Formats „Mediabook“ ausmacht. Und hier muss ich sagen, dass ich erleichtert bin, ja, sehr zufrieden, denn man hätte hier viel falsch machen können. Einen anspruchsvollen und an Motiven so reichhaltigen Film von Verhoeven, noch dazu mit einem kontroversen und bildlich stark aufgeladenen Thema, da hätte ein kurzsichtiger Behind-the-scenes-Buchteil mit lediglich schicken Werbefotos und Angaben zu Cast und Crew das Ganze in Richtung Banalität getrieben. Marco Heiter, Produktmanager bei capelight, hat zusammen mit seiner Lebensgefährtin Laura Erler ein an eigenen Beobachtungen reichhaltiges Booklet geschrieben, das sich dezidiert mit den Motiven des Films auseinandersetzt. Autorin und Autor haben beide in Berlin studiert und sich in dieser Zeit auf kulturwissenschaftliche Analysen spezialisiert. Heiter hat u. a. bereits bei der beeindruckenden ROLLERBALL-Veröffentlichung einen sehr gelungenen, thematisch passenden Booklet-Text geschrieben.

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Und so tauchen die beiden in gut strukturierten Unterkapiteln in folgende Themenbereiche rund um BENEDETTA ein: kurz zur Entstehung, dann das Kloster als besonderer (filmischer) Ort, wobei hier zur besseren Verdeutlichung der Topographie zumindest kurz die Einbeziehung anderer Filme, die auch an solchen Orten spielen, hätte stattfinden können, und schließlich, durchweg stilsicher ab der Hälfte der Booklets, entlang der Themen „Animalische Frauenkörper“, „Blut und Geschlechtsidentitäten“ sowie die religiös-wundersamen Motive des Films, wobei Begrifflichkeiten stets akkurat hergeleitet und kontextualisiert werden. Der Text ist verständlich und vom Stil (zweier Verfasser) sehr homogen, durchweg lassen sich hier interessante und kluge Gedanken finden, die historisch und kulturwissenschaftlich unterfüttert sind. Täglicher Leser und selbst Autor von Booklettexten, traue ich mir hier ein konkretes Urteil zu und darf statuieren, dass es sich hier um einen wirklich gelungenen Booklettext handelt, der die Motive des Films ernst nimmt, sich mit ihnen auseinandersetzt und uns als Lesende ebenso dazu bringt, anstatt unsere wertvolle Lebenszeit mit banalen (Neben-)Infos zu vergeuden. Einzig capelights Label-Philosophie, die Namen der Verfasser bzw. den Texttitel hinten prinzipiell nicht mit auf der Umverpackung zu vermerken – und in diesem Fall gar das Booklet überhaupt nicht als Extra zu erwähnen! – wird sich mir zeitlebens wohl nicht mehr erschließen.

© Capelight / Koch Films

Die erwähnten Interviews mit Paul Verhoeven sind wie folgt zu sehen: das erste, mit 43 Minuten Laufzeit, wird als Videofeature mit dem Titel „Der Weg ins Kloster“ um Aussagen der Hauptdarstellerin Virginie Efira ergänzt sowie mit Szenenausschnitten aus einer paar seiner anderen Filme, etwa BLACK BOOK (2006), ELLE (2016) oder BASIC INSTINCT (1992). Produziert wurde dieses erste Interview-Feature von Pathé selbst, konzentriert sich aber vorrangig auf die Aussagen von Verhoeven entlang folgender Themen: Entwicklung des Projekts, anfangs noch mit Verhoevens lebenslangem Kollegen Gerard Soeteman, der ihm die Buchvorlage als Filmidee empfahl, deren Weg sich aber ausgerechnet bei diesem Projekt nach über 50 Jahren Zusammenarbeit trennte, da sich ihre Visionen letztlich zu sehr voneinander unterschieden (scheinbar aus der Sicht von Soeteman, nicht aus der von Verhoeven, wie der Regisseur statuiert, der hier mehr Gemeinsamkeiten sah). Neben der Buchvorlage wird dann ausführlich auf die Zusammenarbeit mit Hauptdarstellerin Virginie Efira eingegangen, später noch etwas auf die mit Daphné Pataika und Charlotte Rampling. Efira formuliert ganz offen ihr Glück und ihre Zufriedenheit, mit Verhoeven zusammenarbeiten haben zu können; ihre Ausführungen sind dabei stets sachlich, fokussiert und informativ, wenn sie ihr Verständnis als Aktrice im größeren Gesamtbild eines Films diskutiert, sie die Vision und Professionalität des Filmemachers lobt und betont, dass der Film auf seine ganz spezielle Weise wunderschön und komplex ist.

© Capelight / Koch Films

Der für mich interessanteste Aspekt waren die mit Filmszenen unterlegten Parallelen zu den Filmen ELLE und BASIC INSTINCT, hier jeweils in Bezug auf die weiblichen Nebenfiguren, wenn Efira in ELLE ja bereits selbst als eine dem Glauben sehr verbundenen Figur erschien, die die Hauptfigur am Ende des Films mit einer komplexen und kontroversen Aussage konfrontiert, und schließlich mit Sharon Stone, die Verhoeven in ganz ähnlicher Weise aus einer Nebenrolle (TOTAL RECALL) in eine dominierende Hauptrolle hob. Warum der Regisseur sich selbst allerdings erst seit BLACK BOOK als Regisseur mit dominanten weiblichen Figuren sieht, und da eben BASIC INSTINCT, SHOWGIRLS und HOLLOW MAN rausnimmt, erschließt sich mir nicht ganz (man sollte das vielleicht als eher fließenden Übergang begreifen, nicht zuletzt, da Frauenfiguren bei Verhoeven von Beginn an wichtig waren). Übergreifend wird schließlich noch das Motiv der Schuld bzw. Anschuldigung diskutiert, was ja den zweiten Akt des Films stark prägt. Zuletzt erwähnt Efira die Relevanz von überrumpelnden Szenen, wie der Auspeitschszene, die ein bestimmtes Gefühl bei den Zuschauern auslösen und in die man sich als Schauspielerin im Vorfeld nicht allzu sehr einfühlen könne, sondern „einfach machen“ müsse (hier hätten mich noch die Worte der Darstellerin Louise Chevillotte interessiert, auf die sich diese Szene/Aussage bezieht). Verhoeven schließt mit der uns bekannten Aussage, dass so ein Film in den USA nie hätte entstehen können, da er viel zu freizügig ist, was aber eben sein muss, um die Geschichte richtig zu erzählen.

BENEDETTA (2021)

© Capelight / Koch Films

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Das zweite Interview bietet, vor allem, wenn man es unmittelbar nach dem ersten anschaut, nur teilweise neue Erkenntnisse. Die Hälfte der Fragen/Antworten doppeln sich. Diesmal schlichter und noch persönlicher gefilmt, ausschließlich mit dem Regisseur, werden zwischendurch etwa ein Dutzend Schrifttafeln mit den Fragen eingeblendet. Zunächst wird auch hier über den Hintergrund bzw. die erste Entwicklung des Projekts gesprochen, was nun in beiden Interviews sowie auch anfangs im Booklet letztlich zur Genüge abgedeckt ist. Verhoeven betont hier noch einmal Bedeutung/Motive von Film und Buchvorlage, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Dann wird ihm eine Frage zur aktuellen Pandemie gestellt und dass dies ja auch in seinem Film eine Rolle spiele, was der Regisseur mit „Zufall“ abtut und den historisch-narrativen Baustein um die Pest im Film für sich stehen lässt. Anschließend äußert er sich zum Casting von Nebendarstellerin Daphné Pataika, über das Spiel von Charlotte Rampling, reagiert auf eine von außen auf ihn zugebrachte Beschreibung als „feministischer Regisseur“ und erläutert nochmals die Bezüge zu ELLE, insbesondere hinsichtlich Virginie Efiras Rolle. Am Ende wird er noch bezüglich zukünftiger Projekte befragt, worauf er drei Optionen in Aussicht stellt: entweder seine lange geplante Verfilmung über Jesus (als europäische Produktion), dann den möglichen Politthriller „Young Sinner“, in Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Ed Neumeier (ROBOCOP, STARSHIP TROOPERS), und zuletzt einen Film über Moulin im Jahre 1943, den er schon immer machen wollte. In Anbetracht seines hohen Alters sehnen wir geradezu herbei, dass zumindest noch einer dieser Filme in absehbarer Zeit das Licht der Kinowelt erblicken wird. Verhoeven selbst ist da bereits realistisch und sagt „entweder oder“.

BENEDETTA (2021)

© Capelight / Koch Films

Zuletzt, und das ist am Ende noch einmal hübsch erfrischend, äußert er sich noch über Interviews an sich, und das diese ihm stets sehr schwer fallen würden, also selbst über seine Filme zu sprechen, weil diese für sich genommen ja alles ausdrücken, was er künstlerisch zu sagen hätte. Mit dieser Aussage sollte man also die beiden langen Interviews mit ihm vielleicht gar nicht überbewerten, auch wenn sie sehr angenehm, wenngleich nicht völlig ergiebig zu hören sind. Der Abwechslung halber hätte man hier einen filmwissenschaftlichen Audiokommentar mit auf die Disc packen und/oder noch andere Stimmen – Journalisten, Historiker – in einem thematischen Feature um ihre Eindrücke und Aussagen befragen können. Bei diesem Film würde sich das auf jeden Fall anbieten. Auch die Pressekonferenz von Cannes als zeitgenössisches (Live-)Dokument hätte hier locker noch mit draufgepasst, aber man kann sie ja kostenlos auf YouTube schauen. Zu den Extras bleibt zuletzt noch zu sagen, dass sie sowohl auf der Blu-ray als auch auf der UHD enthalten sind, was bei einer Kombination beider Medien in ein und derselben Edition mittlerweile ja häufig bewusst vermieden wird, um die 4K-Qualität des Hauptfilms auf UHD vollends auszureizen und dort – bis auf Trailer und ggf. Audiokommentar – derartige Speicherplatz beanspruchende Features wegzulassen. Diesbezüglich wird der Hauptfilm, der immerhin 130 Minuten dauert, in 4K zwangsläufig ein paar Abzüge in Bild und Ton zu verzeichnen haben, die ich aber mit meinem günstigen Mittelklasse-Equipment nicht en detail beschreiben kann. Hierzu sei perspektivisch auf entsprechende Technik-Testseiten wie blu-ray-rezensionen.net verwiesen.

Fazit

BENEDETTA von Regielegende Paul Verhoeven ist im Rahmen dessen europäischer Produktionen der letzten Jahre genau jener provokante und künstlerisch freie Film geworden, den wir erwartet haben. Zugleich streng und verspielt nimmt uns seine Verfilmung der 1986 erschienenen Biografie von Judith Cora Brown mit auf die Reise in eine leidvolle wie lüsterne Frührenaissance. Eine Wiedergeburt für den Regisseur selbst ist es nicht, denn er war niemals weg, nur bereits seit längerem von der Bühne des kommerziell großen Kinos abwesend. Die Verhoeven-DNS lebt seither im Arthaus-Kino weiter: Seine erzählerischen Kernmotive um Identitäts- und Machtstrukturen ziehen sich auch hier quer durch die Handlung wie ein leuchtender roter Faden. BENEDETTA ist zutiefst sinnlich und am Glauben interessiert, auch wenn dies für die Figuren – und sicher auch einige Zuschauende – eine Herausforderung darstellt. Die seelisch-körperlichen Visionen, umwerfend gespielt von Virginie Efira, bekommen wir hier quasi am eigenen Leib zu spüren. Die aktuelle Mediabook-Edition stellt durchaus eine Kaufempfehlung dar. Und für Verhoeven-Jünger bleibt zu hoffen, dass dies nicht sein allerletzter Film bleiben wird. Die Kraft und der Glauben daran sind jedenfalls mit ihm – und mit uns.

© Stefan Jung

Titel, Cast und CrewBenedetta (2021)
Poster
Releaseseit dem 25.02.2022 im Mediabook (UHD-Blu-ray+Blu-ray) und Einzel-Blu-ray erhältlich.

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RegisseurPaul Verhoeven
Trailer

Englisch
BesetzungVirginie Efira (Benedetta)
Charlotte Rampling (Schwester Felicita, Die Äbtissin)
Daphne Patakia (Bartolomea)
Lambert Wilson (Alfonso Gigioli, der Nuntius)
Olivier Rabourdin (Alfonso Cecchi)
Louise Chevillotte (Schwester Christina, Die Äbtissin)
Hervé Pierre (Paolo Ricordati)
DrehbuchDavid Birke
Paul Verhoeven
Buchvorlage„Immodest Acts – The life of a lesbian nun in Renaissance Italy“ (1986) von Judith Cora Brown
KameraJeanne Lapoirie
MusikAnne Dudley
SchnittJob ter Burg
Filmlänge131 Minuten
FSKab 16 Jahren

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