Zum Inhalt springen

Babylon (2022) – Filmkritik

„Ich bin bereit für meine Großaufnahme, Mr. Chazelle“

„It’s the edge of the world and all the Western civilization“, sangen die Red Hot Chilli Peppers 1999 über Hollywood. Traumfabrik, Albtraumfabrik. Schon immer hat sich Hollywood selbst mythologisiert. Bereits in den 50ern ergründeten u.a. Billy Wilder (SUNSET BOULEVARD) oder Stanley Donen und Gene Kelly (SINGIN‘ IN THE RAIN) die, obwohl historisch gerade mal zwanzig Jahre entrückt, ferne Ära des Stummfilms.

Den Mythos Hollywood begreifbar zu machen ist eine schwierige Aufgabe, das Filmgeschäft an sich sowieso. Filme machen ist vor allem kräftezehrend, da ist wenig Magie am Set. In den letzten Jahren haben wir im populären Kino eine Vielzahl an Werken flimmern sehen, die sich mehr oder weniger kritisch mit ihm auseinandersetzen. Da war das postmoderne Intertextspiel UNDER THE SILVER LAKE, Spielbergs sentimentale und stark affirmative Autofiktion THE FABELMANNS und natürlich Damien Chazelles LA LA LAND. Wie jedes Werk des Aufsteigers wurde der Film viel diskutiert, war es ein verkitschter „hand job“ für die Filmindustrie, ein reaktionärer „Früher war alles besser“ Heuler, eine sentimentale Feier der klassischen Studiomusicals oder eine Ode ans Träumen? Es ist sehr schick geworden, zu Chazelles Filmen eine klare Position zu beziehen, die Positionen fallen stark polar aus. Ist WHIPLASH eine Affirmation von schwarzer Pädagogik und einer faschistischen Blut-und-Eisen-Ideologie? Was will LA LA LAND uns sagen? Und, mit Verlaub, was zur Hölle sollte FIRST MAN eigentlich sein? Man kann zu Chazelle stehen, wie man mag, aber so einfach, wie eine eher akademisch geprägte Filmkritik seine Filme gerne abwatscht, ist es wohl nicht. Auch BABYLON wirft mehr Fragen auf, als das er Antworten liefert. Diese könnte man sicherlich prosodisch eleganter ausführen, aber heruntergebrochen muss die zentrale Frage wohl tatsächlich lauten: Was will Chazelle?

Babylon (2022)

© Paramount Pictures

Größenwahnsinnige Projekte sind immer zu begrüßen. BABYLON ist größenwahnsinnig. Ein knapp 190-minütiger Film, bei dem DoP Linus Sandgren den Kodak-35-mm-Film an seine Grenzen brachte und ein riesiges Figurenensemble, Exzess also hinter und auf der Leinwand. Nicht nur eine Charakterstudie, sondern auch eine Studie Hollywoods von der Stummfilmzeit über die ersten Talkies bis zum heutigen Tage, über die Funktion von Stars im Wandel der Zeit und der Rolle die wir, das Publikum, bei all dem spielen.

© Paramount Pictures

Über eine Dekade verfolgen wir ein breites Ensemble. Da ist Nellie LaRoy (Margot Robbie), die so etwas wie die finale Subsumierung aller Chazelle Figuren ist. Sie kommt aus der Kleinstadt in die Traumfabrik, fest davon überzeugt, ein Star zu sein, fest davon übererzeugt, dass die Welt ihr etwas schulde. Jack Conrad (Brad Pitt) ist bereits ein etablierter Schauspieler, hinter seinem alkoholgetränkten Zynismus verbirgt sich tatsächlich so etwas wie echte Empathie und Überzeugung. Anhand von Manuel „Mannie“ Torres (Diego Calva) wird die in den 1920ern durch Autoren wie Fitzgerald populär gewordene Mär des American Dream verhandelt, vom Tellerwäscher zum Millionär, oder in seinem Fall eher vom Elefantenscheißeschieber zum Studioexecutive. Sidney Palmer (Jovan Adepo), der erst zur Hälfte der Laufzeit zum Ensemble dazustößt, erzählt von der Position der People of Color in Hollywood. Es ist die einzige Figur, für die Chazelle tatsächlich so etwas wie Empathie empfindet.

Babylon (2022)

© Paramount Pictures

Damien Chazelle nannte DER PATE, LA DOLCE VITA und NASHVILLE als Einflüsse für BABYLON. Alleine diese Auswahl an Vorbildern ist bereits spannend. Es sind keine klassischen Hollywoodfilme, sondern bereits Vertreter der Gegenbewegung des New Hollywood bzw. Fellinis Gegenpositionierung zum Neorealismus. Die Marschrichtung ist vorgegeben: Hier wird nicht sentimental pastichisiert, sondern wissend gebrochen. Gemessen an diesen Vorbildern passt es natürlich, dass es im ganzen Film eigentlich keine einzige sympathische Figur gibt (Palmer ausgenommen). Chazelle erniedrigt seine Figuren unter Einsatz jeder denkbaren Körperflüssigkeit, entlarvt sie immer wieder als die Schaumschläger, die sie eigentlich sind. Besonders spannend ist im Falle der Figur des Mannie Torres, der sich in den drei Stunden vom Träumer zum opportunistischen Dollarzeichen wandelt. Dieser Modus ist per se auch nicht fehlgeleitet, Scorsese „mag“ seine Figuren von Henry Hill über Jordan Belfort ja auch nicht. Der Unterschied zwischen Scorsese und Chazelle ist allerdings, dass sich Scorsese seinen Figuren stets vollends verschreibt, seine Filme sind stets hyperintern fokalisiert, den Aufstieg und Fall der GOODFELLAS erleben wir vollständig aus Henry Hills Augen und lauschen dabei seinem Voice Over. Chazelle wählt für BABYLON hingegen einen distanzierteren Blick, er beobachtet seine Figuren argwöhnisch aus der Ferne. Da wären wir dann natürlich sofort bei Robert Altman und NASHVILLE. Der Unterschied: Altman möchte keine Sympathien für sein abstruses Politik- und Countrymusik-Figurenensemble, Chazelle plötzlich doch. Da portraitiert man Brad Pitt 120 Minuten lang als dauerbetrunkenen Hallodri, inklusive minütlich wechselnder Ehefrauen (u.a. Olivia Wilde und Katherine Waterstone) um dann auf den letzten Metern doch ehrliche Anteilnahme an seinem Schicksal als aus der Mode gefallener Ikone zu nehmen. Da haben wir über eine ähnliche Zeit Manie Torres emotional wie Michael Corleone erkalten sehen, sollen dem Drehbuch aber dann doch etwas in die Richtung abnehmen, dass er ja doch immer nur Margot Robbies Nelly LaRoy geliebt habe und das Beste für sie wollte?

Babylon (2022)

© Paramount Pictures

In BABYLON häufen sich diese Momente, in denen die Inszenierung das eine, das Drehbuch aber das völlig andere möchte. Dies macht die Seherfahrung auch so frustrierend. Genauso wie die Tatsache, dass BAYLON bei all den namelosen nackten Statistinnen, die durch die Gegend tingeln, ein wahnsinnig prüder Film geworden ist. Fetische sind zum Ekeln da (muss man im Jahr 2023 SM-Sex wirklich noch als das Dantesches Inferno inszenieren?), echte Erotik, geschweige denn Verlangen, findet nicht statt. BABYLON widmet sich seinem Exzess nicht mit staunenden Augen, sondern mit so einer spießbürgerlichen geschürzten Lippe, die Kamera huscht verschämt durch die Szenerien und am Ende bleibt nicht viel mehr als die alte Klischeeaussage, das rauschende Partys voller Drogen, Partys und Sex in erster Linie natürlich ganz doll schlimm und runterziehend sind.

© Paramount Pictures

Es gibt dann da noch einen (Achtung, Witz) Elefanten im Raum, den man bei der Rezeption von BABYLON ansprechen muss. Chazelle präsentiert seine sehr dezidierte sich auf die Geschichte Hollywoods und äußert in den letzten Minuten von seinem Film eine, vorsichtig formuliert, gewagte These zum Kino an sich, die in ihrer reaktionären Qualität eigentlich eher in den Mund des heutigen Harald Schmidt passen würde. Es soll hier nicht zu viel vorweggenommen werden, so einen Moment muss man selbst erleben, aber Chazelles etwas technophobe Sichtweise steht doch in belustigender Diskrepanz zu seinem eigentlichen Film, der ohne die heutigen technischen Möglichkeiten so nicht möglich gewesen wäre.

© Paramount Pictures

Vier Filme sind sicherlich genug, um als unbedingt auch so wahrgenommen werden wollender Auteur, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Und die mitreißende Inszenierungsqualität kann Chazelle wirklich niemand absprechen. Vielleicht nutzt sich der Effekt, per close-up auf die jeweils verwendeten Musikinstrumente zu schneiden, nach WHIPLASH und LA LA LAND ein wenig ab, der Immersion tut das aber keinen Abbruch. Chazelle ist ein Regisseur der Prozesse. Deshalb ist WHIPLASH, der in sich ein einziger Prozess, das Arbeiten eines Musikstückes, ist, auch sein bester Film. Und deshalb funktioniert auch die erste Stunde von BABYLON so fabelhaft. Weil Chazelle uns hier detailliert zeigt, wie ein Stummfilm gedreht wird, wie die verschiedenen Zahnrädchen aus Regie (köstlich: Spike Jonze als Subsumierung aller deutschen Exilregisseure), Schauspiel, Journaille und Studio am Ende einen Film fertigen. Ein Figurenschieber war er allerdings noch nie. LA LA LAND geht spürbar die Puste aus, wenn der Film sich an seiner Stadt sattgesehen hat und dann relativ verloren ein unausgegorenes Beziehungsdrama über die Bühne bringen muss. Und FIRST MAN hatte letztendlich auch nicht viel mehr zu sagen als „Neil Armstrong, das ist schon ein toller Hecht“.

© Paramount Pictures

BABYLONS Figuren sind am Ende des Tages auch nicht mehr als Versuchsanordnungen, nur haben wir die Ergebnisse dieser Versuche bereits früher etwas eindrücklicher oder konsequenter bei Wilder, Altman, Scorsese oder Paul Thomas Anderson gesehen. Ebenfalls nach vier Filmen schmerzhaft offensichtlich: Chazelle tut sich schwer mit Frauenfiguren. Sie sind in seinen Filmen stets die bremsende Kraft, die die Vision des Mannes nicht sehen. Man denke da bitte kurz an die Trennungsszene aus WHIPLASH. In der benimmt sich die Miles Tellers Figur geradezu unmöglich. Aber die Szene ist nicht dazu da, uns das zu sagen, wie etwa die Eröffnungssequenz aus THE SOCIAL NETWORK. Sie präsentiert uns Teller final als das originäre Kraftgenie, dass verstanden hat, dass man entweder nur ein großer Künstler sein kann oder eine Beziehung führen kann. Und der begriffen hat, dass eine Beziehung ihn nur aufhalten würde. In FIRST MAN ist Claire Foy die ewig zagende Hausfrau, die einfach nicht verstehen will, dass das, was ihr Mann tut, a priori so bedeutsam ist, dass man dafür ruhig das Familienleben vernachlässigen darf. Und auch Nelly LaRoy ist letztendlich nur die destruktive Kraft, die mit ihrem zügellosen Lebensstil das zerstört, was sich Torres mühevoll aufgebaut hat.

© Paramount Pictures

BABYLON als Projekt konnte wahrscheinlich nur scheitern, weil es in sich schon zu größenwahnsinnig ist. Jetzt gibt es aber zwei Arten von Scheitern. Man kann spektakulär danebengreifen, wie HEAVEN’S GATE oder THE LAST MOVIE, wo die Vision eben zu viel für jede Art von Leinwand war. Oder man scheitert, wie von Donnersmarck mit WERK OHNE AUTOR, weil man nur behauptet, etwas zu erzählen zu haben. Leider liegen Chazelles Filme häufig eher bei letzterem. Das stimmt nur bedingt schadenfroh, es macht eher betroffen, vor allem ob Margot Robbies unvergesslicher Performance. Denn wenn BABYLON eins geschafft hat, dann wohl, dass er Robbie jetzt endgültig unsterblich gemacht und mit ihr im roten Kleid, getragen von der Menschenmenge, das Bild geliefert hat, an das wir uns für immer erinnern werden, wenn wir ihren Namen sagen. Ein bisschen wie Marylin Monroe im VERFLIXTEN SIEBTEN JAHR. Den Film BABYLON werden wir wohl eher schnell wieder vergessen. Auch ein bisschen wie den Film DAS VERFLIXTE SIEBTE JAHR. Und vielleicht auch Damien Chazelle.

© Fynn

Titel, Cast und CrewBabylon (2022)
Poster
RegieDamien Chazelle
ReleaseKinostart: 18.01.2023
Trailer
BesetzungMargot Robbie (Nellie LaRoy)
Brad Pitt (Jack Conrad)
Diego Calva (Manny Torres)
Tobey Maguire: (James McKay)
Max Minghella (Irving Thalberg)
Jovan Adepo (Sidney Palmer)
Jean Smart (Elinor St. John)
Samara Weaving (Colleen Moore)
Olivia Wilde (Ira Conrad)
Katherine Waterston (Ruth Arzner)
Eric Roberts (Robert Roy)
Flea (Bob Levine)
Lukas Haas (George Munn)
Spike Jonze (Regisseur)
Jennifer Grant (Mildred Yates)
Jeff Garlin (Don Wallach)
Li Jun Li (Lady Fay Zhu)
DrehbuchDamien Chazelle
KameraLinus Sandgren
MusikJustin Hurwitz
SchnittTom Cross
Filmlänge189 Minuten
FSKAb 16 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert