Aus der Mitte entspringt ein Fluss (1992) – Filmkritik & Review des Mediabooks

„Von der Natur der Dinge“

AUS DER MITTE ENTSPRINGT EIN FLUSS (A RIVER RUNS THROUGH IT) ist ein zutiefst würdevoller, ruhiger und in seiner stillen Kraft beeindruckender Film. Er erzählt die Geschichte der beiden charakterlich zunächst ungleichen Brüder Norman (Joseph Gordon-Levitt, Craig Sheffer) und Paul Maclean (Vann Gravage, Brad Pitt), die im wilden Montana der 1910er bis 1930er Jahre aufwachsen und in strengem aber liebevollem Elternhaus zu Männern heranreifen. In der naturverbundenen Leidenschaft ihres Vaters, eines katholischen Priesters (Tom Skerritt), lernen die Brüder von klein auf den erdenden wie wundersamen Rhythmus der Natur beim Fliegenfischen. Noch bevor der weitere Handlungsverlauf dieses Coming-Of-Age-Films, nach der autobiografischen Buchvorlage (1976) von Norman Maclean, weiter Fahrt aufnimmt, nimmt sich Redford genügend Zeit, um das zentrale, existenzielle Motiv des Fischens bildlich souverän zu etablieren, das als roter Faden bzw. als lange Angelschnur durch den gesamten Film reichen wird.

© Capelight Pictures

AUS DER MITTE ENTSPRINGT EIN FLUSS ist eine berührende Familienchronik, die den Fokus gezielt auf spannende zwischenmenschliche, witzige und vor allem berührende Momente legt und stets die beiden Hauptfiguren, die Brüder, im Blick behält. Der Film erzählt in zwei Stunden, auch wenn er sich stets Zeit nimmt, nie übertrieben ausufernd, vielmehr beleuchtet er sorgfältig wichtige Momente, Schlüsselsituationen im Leben der Brüder und der Familie. In seiner spürbaren, anregenden Nachdenklichkeit ist der Film dabei also trotzdem relativ kurzweilig; die von der überzeugenden Mimik von Pitt und Sheffer getragenen Momente wirken ebenso natürlich wie die monumentalen Naturaufnahmen, die man sofort auf der großen Leinwand zu sehen wünscht. Der Film ist schön, aber nicht selbstverliebt, seine Bilder sind stilvoll und zutiefst atmosphärisch, jedoch nicht patriotisch oder pathetisch. AUS DER MITTE ENTSPRINGT EIN FLUSS ist ein großes und zugleich intimes Werk über die Kraft des Lebens selbst.

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Bemerkenswert an diesem amerikanischen Werk, entlang der zugrundeliegenden Familiengeschichte um eine Priesterfamilie, ist, dass Emotionen und Tragik genau um bzw. zwischen den beiden großen Weltkriegen angelegt sind, dass der globale Kampf Amerikas ausgeblendet wird, hier keine Rolle spielt. Die beiden Brüder sind für den ersten Krieg noch zu jung, ihr Vater kommt mit ihm als Priester höchstens – was aber nicht gezeigt wird – durch männliche Heimkehrer in der Gemeinde in Kontakt. Dennoch spielen in einzelnen Momenten dieses durch und durch jugendfreien Films (hierzulande frei ab 6 Jahren, auch wenn die anspruchsvolle Geschichte wohl erst von Jugendlichen genügend erfasst wird) Grundelemente der Gewalt eine entscheidende Rolle: (Waffen-)Gewalt, Misstrauen, Alkohol. Es ist schon sehr eindrucksvoll zu sehen, wie Redford den wunden Punkt der erwachsenen (männlichen) US-Gesellschaft im bildlichen Motiv eines nur halb einsehbaren Glückspielzimmers, im Hinterzimmer eines abgelegenen Bordells, findet. Ganz treten wir Zuschauer zusammen mit den Brüdern hier niemals in diesen Raum des Verderbens ein, aber wir spüren seine Präsenz durch die gesamte zweite Erzählhälfte, wo er uns und die Macleans noch am Schluss in all seiner destruktiven Kraft in unseren Gedanken verfolgt.

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Redford weiß natürlich um die Gefahren und Hindernisse, die dieses große Land für seine Bewohner bereithält, er blendet das nicht aus. Aber ähnlich wie in den ungleich helleren, den häufig vom Wasser reflektierten, sonnendurchfluteten Momenten des Films, konzentriert sich der Schauspieler-Regisseur auf die ruhigen Momente. Auf den Zauber dazwischen, mag er erhebend oder voll subtiler Spannung sein. Im Kontrast zur einst unverwüstlichen Natur des Landes, seiner soliden Erhabenheit, was hier auch häufig an das Kino von Michael Cimino erinnert, steht der unvermeidliche Wandel und die Veränderung. Einzig am Ende wagt der Film eine etwas längere Sequenz von Stabilität und scheinbar unzerbrechlichem Zusammenhalt, einer familiären Utopie gleich, doch selbst hier streut Redford mit wenigen Pinselstrichen, wie es nur ein Meister kann, Nuancen von Unsicherheit und Zerfall ein. Da reicht etwa ein einzelner Fels, der stoisch mit dem Fluss verankert ist und für einen Moment einen merklichen Ausschnitt der Kadrage einnimmt, und hinter dem eine Figur im bzw. aus dem Bild verschwindet. Es sind die leisen, aber eindrucksvollen Bilder und Töne, die den Film hier wie dort zu etwas Unvergesslichen machen. Ich persönlich muss sagen, AUS DER MITTE ENTSPRINGT EIN FLUSS versammelt insgesamt einige der bildlich kraftvollsten Einstellungen und Momente, die ich persönlich je bei einem Film habe erleben dürfen. Zweifellos ist er zusammen mit dem zwanzig Jahre zuvor veröffentlichten JEREMIAH JOHNSON (R: Sydney Pollack) Redfords größter amerikanischer Film, bezogen auf die natürliche Beschaffenheit des Landes und auf den dem amerikanischen Film so inhärenten Verbindungspunkt zwischen Wildnis und Zivilisation.

Ganz am Ende wird der Film entsprechend würdevoll poetisch und, ja, überlebensgroß, wenn er den Erzähler, einen der Brüder, als alten Mann in der Mitte (s)eines Flusses zeigt, wie er immer noch die Angel schwingt und über das Leben sinniert, in Form des Wassers, das alles trägt: „… ich kann mich seiner Kraft nicht entziehen.“ Und wir, wir können und wollen uns der Kraft dieses besonderen Films nicht entziehen.

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Hoffnung und Tragik

Robert Redford ist heute – als Schauspieler wie als Regisseur – einer der letzten großen Chronisten des amerikanischen Kinos, seine Werke sind „Nachbesserungen am amerikanischen Traum“, wie der deutsche Journalist Daniel Kothenschulte im Jahr 2000 seine deutschsprachige Publikation über den Filmemacher betitelte. Verfolgt man Redfords Karriere seit den 1960ern, spürt man in seinen Filmen und Darbietungen stets zugleich die Liebe zu seinem Heimatland wie auch erbitterte Kritik daran. Als heute eher unbekannter Politthriller sei an dieser Stelle der Wahlkrimi BILL McKAY – DER KANDITAT (THE CANDIDATE, 1972) über den gleichnamigen US-Senator genannt – nach eigener Aussage einer der ihm persönlich wichtigsten Filme, die Redford je gemacht hat. Im progressiven New Hollywood und unter solch wichtigen Regisseuren wie Sydney Pollack, George Roy Hill und Alan J. Pakula zu Anerkennung und Ruhm gelangt, verkörperte Redford durchaus auch das (positive) Abenteuer mit seinen begeistert funkelnden Augen und seinem lange währenden Sonnyboy-Image; zugleich offenbarten sein auch skeptischer Blick auf die Dinge, seine kritisch-traurigen Augen und sein verzehrender Ganzkörpereinsatz (JEREMIAH JOHNSON, 1972) den verdichteten Zweifel am American Dream. Seine Filme sind teils lebensbejahend-malerische Poesie, teils desillusionierte Zerfallstudien. Redford verkörpert als Künstler beide Seiten der US-Medaille, Licht und Schatten, Sonnenauf- und Sonnenuntergang.

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AUS DER MITTE ENTSPRINGT EIN FLUSS bringt es auf den Punkt: Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss, um den Titel eines französischen Films wenige Jahre zuvor, hier in anderem Kontext, zu bemühen. Man kann sich den Eindrücken und der Kraft des Lebens nicht entziehen, mögen sie nun von tragischer oder beschaulicher Natur sein. Es gehört alles zusammen. Nicht zuletzt im Finale des noch immer nicht genug gelobten Spätwerks EIN GAUNER & GENTLEMAN (2018, R: David Lowery), in dem Redford einen gealterten Ganoven spielt, der des Lebens nicht müde wird, kommt die Ambivalenz des Seins sehr treffend zum Ausdruck.

Nur noch als abschließende Randnotiz, weil es sicher die Meisten wissen: der Name der von Redford 1981 gegründeten kunst- und kulturfördernden Non-Profit-Organisation Sundance Institute (seit 1981) bzw. des davon übernommenen Filmfestivals (seit 1985, seit 1991 unter heute bekanntem Namen) entstammt seiner Lieblingsfigur, Sundance Kid aus ZWEI BANDITEN (BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID, 1969) – ebenfalls eine Mischung aus (Western-)Komödie und Drama, zugleich erheiternd wie tragisch.

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Das Mediabook von capelight pictures

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Wenn ich in meiner vorherigen Review zu WILDE ORCHIDEE desselben Labels vor allem Kritik üben musste, liefert capelight mit der UHD-/Blu-ray-Combo des Redford-Films im schönen Mediabook wieder das ab, wofür wir sie schätzen. Die Qualität, auf UHD in bestechendem HDR, mit gleichzeitiger Detailgenauigkeit, satten, natürlichen Farben und einem insgesamt geradezu räumlich wirkenden, plastischen Bild, lässt keine Wünsche offen. Ein feines Filmkorn überzieht das brillante 4K-Bild, in den wenigen dunklen Nachtszenen dominiert ein sattes Schwarz, über dem ganz leichte weiße Punkte flimmern – entsprechend dem ursprünglich photochemischen Prozess des hier auf 35mm gedrehten Films. Nur in einer wenige Sekunden langen Einstellung bleibt selbst dieses „helle“ Korn komplett unsichtbar und das Bild wirkt für einen ganz kurzen Moment gefiltert und flächig – winziges Detail im ansonsten überragenden Bild, das die geballte Schönheit der Naturregionen Montanas einfängt. Spätestens mit dieser, seiner dritten Regiearbeit etablierte sich Redford unwiderruflich zu einem meisterlichen Maler des US-Kinos. Die UHD-Auswertung wird der Ästhetik und Poesie dieses ruhigen, doch kraftvollen Werks vollends gerecht. Da der Film zum Großteil auch auf akustischer Ebene sehr ruhig gehalten ist, sollte man hier keinen bombastischen 5.1-Sound erwarten, vielmehr werden viele unauffällige Dialogpassagen von zarten Crescendi der Filmmusik (Mark Isham) durchbrochen oder – und hier kommt dann doch wieder der grundlegend solide 5.1-Sound zur Geltung – von atmosphärischen Naturgeräuschen getragen. Im Vergleich zum phänomenalen Bild bleibt der Ton aber insgesamt einen kleinen Schritt zurück.

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Entlang der ursprünglich von Pathé restaurierten Filmfassung gesellt sich eine Auswahl solider Extras. Im Booklet, geschrieben von Filmjournalist Marc Toullec, dessen Originaltext vom deutschen Autor Fabian Stumm aus dem Französischen übersetzt, überarbeitet und ergänzt wurde, bekommen wir einen interessanten Einblick in die Entstehung des Films. Hier wird sich vor allem auf die Funktionen von Robert Redford, Brad Pitt und allgemeine Produktionsbedingungen konzentriert, nur auf der letzten Doppelseite mit der Zwischenüberschrift „Intim und universell“ (S. 22 f.) wird ein erster analytischer Einblick in die besondere Bildsprache des Films angerissen – und sogleich wieder fallen gelassen. Gerechtfertigt wird dies etwa durch die Tatsache, dass sich Redford selbst seither über die genauere (Be-)Deutung einzelner Elemente und Motive seines Films ausgeschwiegen hätte (vgl. S. 22), jedoch hätte genau hier die Rolle eines hieran interessierten Autors diese Lücke zumindest etwas mehr füllen können. So bleiben in Verbindung mit dem Booklet-Text noch ein paar weitere audiovisuelle Eindrücke in Form einer Interview-Galerie (mit Schauspieler*in Tom Skerritt und Brenda Blethyn plus Kameramann Philippe Rousselot) sowie entfallene Szenen. Zu einem vollumfänglich überzeugenden Extras-Paket fehlen hier aber zumindest eine der drei möglichen Varianten a) umfangreicheres Making-of, b) Audiokommentar oder c) begleitender bzw. analytischer Video-Essay, die allesamt mehr ins Herz dieses großartigen Films hätten eintauchen können. Zumindest die halbstündige Doku der US-Blu-ray (2009) „Deep Currents: Making A River Runs Through It“ wäre hier zu erwarten gewesen. Wollten wir es ranken, bekämen die Extras in unserem Flux-Fischerkörbchen 2 bis 3 von 5 möglichen Forellen.

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Fazit

Mit AUS DER MITTE ENTSPRINGT EIN FLUSS, einem der eindrucksvollsten amerikanischen Filme der 1990er, beweisen capelight pictures sehr gutes Gespür bei der Titelwahl und, entlang von solider bis beeindruckender Ausstattung und Technik, eine sichere Hand an der Angel im Fluss der Heimkinofilme. Das schön gestaltete Mediabook mit dem Hauptfilm auf hochauflösenden, technisch souveränen Medien (UHD, Blu-ray) rechtfertigt den Kauf, auch wenn es hinsichtlich der Extras nicht für den ganz großen Wurf reicht. Am Ende des Tages aber eine lohnenswerte Veröffentlichung, die gerade zur beschaulichen und ruhigen Winterzeit gezielt ihr Publikum finden wird. Der Film selbst ist in jedem Fall eine (Wieder-)Entdeckung wert und sei allen Interessierten wärmstens empfohlen.

© Stefan Jung

Titel, Cast und CrewAus der Mitte entspringt ein Fluß (1992)
OT: A River Runs Through It
Poster
Releaseab dem 03.12.2021 im Mediabook (UHD+Blu-ray) und DVD

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RegisseurRobert Redford
Trailer
BesetzungCraig Sheffer (Norman Maclean)
Brad Pitt (Paul Maclean)
Tom Skerritt (Rev. Maclean)
Brenda Blethyn (Mrs. Maclean)
Emily Lloyd (Jessie Burns)
Edie McClurg (Mrs. Burns)
Stephen Shellen (Neal Burns)
William Hootkins (Murphy)
Joseph Gordon-Levitt (junge Norman)
DrehbuchRichard Friedenberg
KameraPhilippe Rousselot
MusikMark Isham
SchnittRobert Estrin
Lynzee Klingman
Filmlänge124 Minuten
FSKab 6 Jahren

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