Aufstand der Aufrechten (1978) – Filmkritik

„Eine Farm in Montana“

Der Western ist ein zähes Genre. Schon ein gutes Jahrhundert hält er sich tapfer im Sattel: vom heldenhaften Stummfilmzeitalter über die romantisierenden Schnulzen der 1950er zu den bissigen, pessimistischen Versionen in den 1960er- und 1970er-Jahren und zum sogenannten Neo-Western, der meist nur eine Ehrerbietung der Klassiker ist. In irgendeine dieser Schubladen-Epochen kann man jeden noch so unbekannten staubigen Streifen, der mit Pistolenkugeln gefüttert ist, stecken. Glaubt man zu meinen, bis AUFSTAND DER AUFRECHTEN (COMES A HORSEMAN, 1978) vor den eigenen Linsen erstrahlt. Dieser cinemascope Geniestreich von Alan J. Pakula lässt sich nirgends einordnen, ist aber so durch und durch ein Genrevertreter, von der Hutkrempe bis zu den Sporen, dass einem wahrlich das Herz als Filmgeschichts-Suchender aufgeht. Eine enorme Bilderwucht mit Schauspielern, die durch einen Blick mehr sagen als eine ganze Drehbuchseite. Das und der Kampf für ein Leben im Sattel sind nur ein paar der Faktoren, die AUFSTAND DER AUFRECHTEN, auch bekannt unter der Namen EINE FARM IN MONTANA, so sehenswert machen.

Aufstand der Aufrechten (1978)

© Explosiv Media / Koch Films

Handlung

Die Weite der Prärie von Montana kann nur von den Gipfeln der nahen Rocky Mountains in Zaum gehalten werden. Ein schöner Flecken Erde, wo es schwierig ist seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wichtigste Regel: Je größer die Rinderherde ist, umso stabiler ist das Einkommen. Ella (Jane Fonda) kämpft sich mit ihrer geerbten Ranch und dem Geschäftspartner Dodger (Richard Farnsworth) von Jahr zu Jahr, um die Schulden bei der Bank zu tilgen. Das meiste Land gehört jedoch dem gierigen Viehbaron vergangener Zeiten: Ewing (Jason Robards). Um die Würfel in diesem ungleichen Kräftemessen neu zu werfen, bedarf es einer noch unbekannten Spielfigur namens Frank (James Caan). Der Kriegsveteran will als Heimgekehrter seiner Berufung als Cowboy nachgehen. Doch die Zukunft in Form des Erdölgeschäft klopft bereits an jede Verandatür.

Aufstand der Aufrechten (1978)

© Explosiv Media / Koch Films

Die Optik

Der erste Held dieser Filmempfehlung ist kein Schauspieler, sondern der Kameramann Gordon C. Willis (DER PATE, MANHATTAN). In weiten Landschaftsaufnahmen beweist er sofort, warum die Figuren den widrigen Umständen trotzen und hier leben wollen. Das Auto von Ella ist der einzige Zivilisationsbeweis, aber selbst schon ein wackeliger Haufen Blech. Nicht nur mit Landschafts-Panoramen weiß AUFSTAND DER AUFRECHTEN zu erzählen, auch mit der Rahmung seiner Figuren. Wenn Ella zu Beginn ihrem Kontrahenten Ewing gegenübersteht, wissen wir Zuschauer noch nichts von ihrem Konflikt, doch die Kamera zeigt Ella in einer so typischen Westernpose, dass nur noch ein rollendes Steppengestrüpp das Revolverduell perfekt machen würde. Hüftbreit steht sie in ihren Stiefeln vor der Bedrohung, die Hände nah am Gürtel, obwohl sie keinen Colt trägt. Man wartet nur darauf, dass sie dennoch einen zieht.

© Explosiv Media / Koch Films

Das Erzählen

Für die Protagonisten im Genre typisch, hört man von Ella in dieser Szene nur ein paar Worte. Der meiste Text kommt vom Schurken. Somit weiß jeder, der sich in diesem Genre zu Hause fühlt, wer welche Rolle hat. Die Cowboys zählen nie zu den Redseligen der Filmgeschichte, aber wenn sie etwas sagen, trifft es schneller ins Schwarze als eine Pistolenkugel. Im Kern ist AUFSTAND DER AUFRECHTEN eine Liebesgeschichte zwischen Ella und Frank. Sie wird so unverbraucht anders erzählt, dass sich der Film frischer anfühlt als die neuste Streaming-Schnulze. Wunderschöner kann eine Szene wie die der beiden bei ihrem ersten gemeinsamen Essen kaum geschrieben sein: Ella ist an ihr einsames Dasein beim Abendessen gewöhnt, sitzt mit einem Buch und dem schnellsten Esslöffel, den man sich vorstellen kann, zu Tisch. Frank, der schon gänzlich sein Herz an sie verloren hat und mit seinen Augen an der mampfenden Rancherin klebt, versucht Konversation zu machen. Bei zwei Unikaten, die in einer Woche vielleicht eine Handvoll Sätze sagen, ist das eine verzwickte Angelegenheit, wie auch die Liebe füreinander. Frank holt sich den dicksten Wälzer  – Shakespeare – aus dem Regal im Wohnzimmer, um mitzuhalten und versucht, mehr schlecht als recht, auf dem kleinen Tisch zu essen und zu lesen. Ein Haufen Zettel fallen aus dem Buch. Es sind Rechnungen wie Ella meint, die bei den Tragödien am besten aufgehoben sind. Das ist die Kinomagie des Erzählens, mit wenigen Worten aber einfachen und starken Bildern komplexe Beziehungen oder Persönlichkeiten zu vermitteln.

Aufstand der Aufrechten (1978)

© Explosiv Media / Koch Films

Der Schurke

Prächtige Landschaftaufnahmen und wortkarge Helden sind jetzt nichts Neues im Genre, aber AUFSTAND DER AUFRECHTEN ist vor allem dennoch so zeitgemäß, da er seine Zuschauer zum Mitdenken auffordert. Viele Ereignisse werden nur indirekt vermittelt oder subtil unter der Türschwelle durchgereicht. So bleibt der Schurke bis zum Finale schwer einschätzbar. Die Spannung lebt vor allem vom Antagonisten Ewing, der selbst um seine Stellung als Ranchbesitzer mit der Erdölindustrie kämpft. Ella ist eines von vielen Hindernissen auf seinem Weg zurück an die Spitze. Jason Robards spielt J.W. Ewing unberechenbar und eiskalt. So etwas sieht man selten auf der Leinwand und was man bei Orson Welles als Virgil Renchler in DES TEUFELS LOHN (MAN IN THE SHADOW, 1957) sogar vermisste. Ewing hat die goldenen Zeiten seines Reichtums hinter sich, ist aber bereit alles zu tun, um seinen Platz als Alphatier zu halten.

© Explosiv Media / Koch Films

Das Heldenpaar

Eine gute Besetzung auf der schattigen Seite der Prärie zählt nur so viel wie die Helden der Geschichte. Jane Fonda als Ella scheint es mit ihren blauen Augen und dünnen, aber starken Armen mit allem aufnehmen zu können. Stets Herrin der Situation fest im Sattel und jeder ihrer Handgriffe sitzt. Fonda kann nur auf einer Farm groß geworden sein. Ebenfalls in einer starken Szene clever charakterisiert: Frank muss sich von seiner Verletzung im Schuppen erholen und bekommt von Ella stets den Hinweis, dass das hier kein Krankenhaus sei und wenn er wieder laufen kann, soll er zusehen, dass er Land gewinnt. Ella muss sich aber im gleichen Schuppen um ein Fohlen kümmern, dessen Mutter gestorben ist. Trotz ihrer mühevollen Arbeit stirbt das Tier, Frank – ohne ihre Pflege – wird wieder gesund. Mit Männern scheint sie schon lange abgeschlossen zu haben und tut nur das, was für die Ranch am wichtigsten ist.

Aufstand der Aufrechten (1978)

© Explosiv Media / Koch Films

Frank und Ella nimmt man die harte Arbeit ohne zu zögern ab, denn stets haben sie in AUFSTAND DER AUFRECHTEN etwas zu tun. Selbst abends werden noch Seile bei Kerzenschein geflickt und wenn James Caan einen jungen Bullen für dessen Brandzeichenmarkierung verschnürt, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte, reden beide über ihre Ablehnung mit Öl reich zu werden. Das ist ihr Leben und so soll es bleiben. Die harte Arbeit in der Natur ist ihr Lebenstraum. Die Aufgabe eines „Horseman“ ist vor allem das Vieh zu treiben bzw. es einzufangen. Auch wenn Jane Fonda und James Caan ausgezeichnet im Sattel sitzen und ihre Pferde auf der Stelle wenden können, ist die richtige Arbeit am Lasso von Stuntmen übernommen worden. Was für harte Hunde müssen das gewesen sein? Auf der Jagd nach entflohenen Jungbullen schießen sie pfeilschnell auf ihren Pferden durch die Baumreihen. Ein Wurf mit dem Lasso und das wilde Tier ist gefangen. Das Zäumen der Tiere kann man heute als Tierquälerei ansehen, aber die Frage ist doch, was besser ist: Ein Rind was das ganze Jahr in der freien Natur verbringen kann und dann mit einem Seil eingefangen wird, um in die Stadt getrieben zu werden oder eine Kuh, die ihr kurzes Leben im eigenen Mist in einer riesigen Halle steht ohne jemals die Sonne zu sehen.

© Explosiv Media / Koch Films

Fazit

Ein echtes Geschenk für jeden Suchenden in den unbekannten Filmgeschichts-Sphären. Regisseur Alan J. Pakula hat die Kinomagie des Erzählens in AUFSTAND DER AUFRECHTEN so wunderschön zugänglich gemacht, dass einem das Herz nicht nur als Westernfan aufgeht. Eine bodenständige Liebesgeschichte, die Vorliebe für das einfache Leben und der Wunsch nach ehrlicher, handfester Arbeit destillieren sich in diesem Klassiker, dass er selbst viele Jahrzehnte später immer noch hervorragend zu genießen ist.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewAufstand der Aufrechten (1978)
alternativ: Eine Farm in Montana
Comes a Horseman
Poster
RegisseurAlan J. Pakula
Releaseab dem 12.05.2021 auf Blu-ray und DVD

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Trailer

Englisch
BesetzungJames Caan (Frank)
Jane Fonda (Ella)
Jason Robards (Ewing)
George Grizzard (Neil Atkinson)
Richard Farnsworth (Dodger)
Jim Davis (Julie Blocker)
Mark Harmon (Billy Joe Meynert)
Macon McCalman (Hoverton)
Basil Hoffman (George Bascomb)
DrehbuchDennis Lynton Clark
KameraGordon Willis
FilmmusikMichael Small
SchnittMarion Rothman
Filmlänge87 Minuten
FSKab 16 Jahren

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