Archive (2020) – Filmkritik

Die Science-Fiction-Filme des neuen Jahrtausends lieferten schon einige überraschende und bewegende Momente. Überwiegend waren es vor allem die kleinen Indie-Filme, die mit unbekannten, aber sehr kreativen Regisseuren neue Wege einschlugen. Vor allem denke ich da an Alex Garlands EX-MACHINA (2014), an PROSPECT (2018) von Christopher Caldwell und Zeek Earl wie auch an Duncan Jones MOON (2009). Wie es der Zufall so will, sind Duncan Jones und Gavin Rothery, der Regisseur von ARCHIVE, alte Freunde. Jones holte damals seinen Kumpel Rothery zu MOON hinzu, wo er für die visuelle Gestaltung verantwortlich war. Davor war Rothery hauptsächlich im Games-Sektor tätig. Erst durch seine Mitarbeit an MOON und durch seinen Freund Duncan Jones entbrannte die Leidenschaft für den Film und die Möglichkeiten, die sich dort boten. ARCHIVE ist Rotherys Debütfilm, er verfasste auch selbst das Drehbuch.

© Capelight Pictures

Handlung

Auf einer abgelegenen Forschungsbasis in Japan arbeitet der junge Ingenieur George Almore (Theo James) an einer neuen Form von künstlicher Intelligenz. Sein neustes Modell J3 (Stacy Martin) steht kurz vor der Fertigstellung. Doch George gerät zunehmend unter Druck seiner Vorgesetzten, in Gestalt von Simone (Rhona Mitra), die endlich Ergebnisse fordert und droht das Projekt zu beenden. Doch George hat noch ein weiteres Ziel, das er unter allen Umständen geheim halten muss. Dabei geht es um seine Frau Jules (Stacy Martin), die bei einem Autounfall gestorben ist, für den sich George fortwährend die Schuld gibt. Jules Bewusstsein wurde in eine Art Computer, genannt Archive, gespeichert. Dort können Verstorbene für eine begrenzte Zeit weiterexistieren. Verzweifelt arbeitet Almore daran, vor Ablauf der Frist das verblieben Bewusstsein seiner Frau in einen künstlichen Körper zu transferieren, um wieder mit ihr vereint zu sein.

Auch KI‘s haben Gefühle

Das haben wir schon sehr früh erkannt, spätestens seit Stanley Kubricks Supercomputer HAL 9000 in 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (2001: A SPACE ODYSSEY, 1968) oder durch die Replikanten in Ridley Scotts BLADE RUNNER (1982). Wobei die Erschaffung einer künstlichen Intelligenz schon seit jeher eines der Hauptthemen im Science-Fiction-Genre darstellt. Im Grunde jedoch sind alle eine Adaption, eine Weiterentwicklung von Mary Shellys berühmten Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“. Immer wieder und zu allen Zeiten sind es die gleichen Männer, die glauben, durch besondere Fähigkeiten, Privilegien oder neuem Wissen, sich auf eine Stufe mit Göttern zu stellen und intelligentes Leben erschaffen zu können.

ARCHIVE (2020)
© Capelight Pictures

Besonders bemerkenswert sind bei ARCHIVE die beiden Prototypen J1 und J2. Auch wenn ihr Aussehen den klassischen Robotermustern folgt und sie mehr an „Robby the Robot“ aus Fred M. Wilcox ALARM IM WELTALL (FORBIDDEN PLANET, 1956) oder an R2-D2 aus Georg Lucas KRIEG DER STERNE (STAR WARS, 1977) erinnern. J1 befindet sich von seiner Leistung auf der Ebene eines fünfjährigen Kleinkinds und J2 auf der eines fünfzehnjährigen Teenagers. Das Besondere und Faszinierende daran ist, dass Rothery es schafft, mit diesen beiden gewöhnlichen Robotern menschliche Gefühle auf eine Art und Weise auszudrücken, wie man es für solch primitive Maschinen noch nicht gesehen hat. Ob es dabei um Liebe und Zuneigung oder Eifersucht und Hass geht. J1 und J2 gelingt es spielend, diese komplexen menschlichen Gefühle glaubhaft darzustellen. Das sorgt auch für den ein oder anderen Klos im Hals des Zuschauers, zumindest mir ist es so ergangen. Was jedoch ein wenig verwundern dürfte, ist der große Entwicklungssprung dieser beiden Prototypen hin zu dem menschenähnlichen Entwurf, der schlussendlich Almores Frau aufnehmen soll. Das perfide an diesen Experimenten ist jedoch, dass beide Prototypen bereits Teile der verstorbenen Jules in ihrer KI implantiert haben.

ARCHIVE (2020)
© Capelight Pictures

Somit verwundert es nicht weiter, dass sich beide auf ihre Art zu George Almore hingezogen fühlen. Während J1 in George mehr den geliebten Vater sieht, ist für J2 die Sachlage anders. Für sie ist ihr Schöpfer George eine Schwärmerei, eine erste große Liebe. Doch sie ist zu schüchtern, um diese Gefühle ihm gegenüber auszudrücken. Es verwundert auch nicht, dass vor allem J2 Eifersucht gegenüber J3 empfindet. Als sie erkennt, wie nah der Körper von J3 dem ihres Schöpfers kommt, wird ihr klar, dass sie selber bei Inbetriebnahme von J3 auf dem Abstellgleis landen wird. Das Ganze spitzt sich zu, bis zu seinem ergreifenden und unvermeidlichen Höhepunkt. Genau dann, wenn die Maschine menschlicher wird als der Mensch, dann bekommen wir die volle Wucht von Rotherys Werk zu spüren.

© Capelight Pictures

Und genau dann sind wir sehr nahe am chaotischen Universum des Philip K. Dick. Genau jener amerikanische Science-Fiction-Autor namens Philip K. Dick (1928-1982), der mit seinen unglaublichen Gedankenexperimenten einen immensen Einfluss auf viele Filmemacher bis heute ausübt, so auch auf Gavin Rothery. Diese einmaligen Momente sind es, in denen uns J1 und J2 sehr nah an jenes Dick’sche Universum führen, das unbequem und äußerst fehlerhaft ist, in dem künstliche Geschöpfe mehr Mensch sind als der Mensch selbst. Am Ende stellt sich jedoch auch immer die Frage: Welche Realität ist eigentlich die echte? Dicks Werke gehen weit über das der „normalen“ Science-Fiction hinaus und beschäftigen sich sehr oft mit existenziellen Fragen, die uns in den tiefsten Grundfesten erschüttern lassen, so auch Rothery in ARCHIVE.

© Capelight Pictures

Nichts ist wie es scheint

Wenn der Look von ARCHIVE an der ein oder anderen Stelle an MOON erinnert, liegt das daran, das Regisseur Gavin Rothery bei seinem Freund Duncan Jones für das Konzeptdesign verantwortlich war. Weitere Ähnlichkeiten auf inhaltlicher wie auch visueller Ebene gibt es mit EX-MACHINA, AUTOMATA (2014) von Gabe Ibánez, THE MACHINE (2013) von Caradog W. James oder den schwächeren REPLICAS (2018) von Jeffrey Nachmanoff. Sogar in dem russischen Klassiker SOLARIS (1972) von Andrei Tarkovsky finden wir so einiges, was ihn mit ARCHIVE verbindet. Trotz aller Parallelen und Reminiszenzen bietet ARCHIVE viel Neues und Eigenständiges, sodass diese Ähnlichkeiten nicht weiter ins Gewicht fallen. Ganz im Gegenteil, sie sorgen für ein angenehmes Wiedererkennungsgefühl.

ARCHIVE (2020)
© Capelight Pictures

Nicht erst in diesem Jahrtausend ist das Thema künstliche Intelligenz aktuell. Neben Stanley Kubricks Science-Fiction Meilenstein 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM bearbeitete schon Joseph Sargent in seinem spannenden COLOSSUS (COLOSSUS: THE FORBIN PROJECT, 1970) ausführlich und mit aller Konsequenz. Gehen wir noch weiter zurück, finden wir in dem deutschen Klassiker METROPOLIS (1927) von Fritz Lang die Mutter aller Science-Fiction-Filme, natürlich mit Robotern und KI. Ridley Scott widmete sich nicht erst 1982 in BLADE RUNNER ausführlicher dieser Thematik, denn schon in seinem ALIEN – DAS UNHEIMLICHE WESEN AUS EINER FREMDEN WELT (1979) agieren KIs an allen Fronten und sorgen für einige Probleme. Wo wir gerade bei Problemen sind, die verursachte der schwarze Cowboy Yul Brynner in Michael Crichtons Klassiker WESTWORLD (1973), als er keine Lust mehr hatte, sich von betrunkenen Touristen fortwährend erschießen zu lassen. Und Arnold Schwarzenegger ließ einige Jahre später als hochkomplexer Killer-Cyborg so richtig Dampf ab in James Camerons TERMINATOR (1984). All diese Filme und noch viele weitere haben eines gemeinsam: Der Mensch frönt hier seinen Gottkomplex wie einst Mery Shellys Baron Frankenstein, ohne sich der Konsequenzen seines Handelns bewusst zu sein. Genau denselben Fehler begeht auch George Almore in ARCHIVE und wie seine zahllosen Vorgänger bemerkt er es erst, wenn es bereits zu spät ist.

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Die Crew

Vor allem der englische Hauptdarsteller Theo James überzeugt in ARCHIVE und trägt den Film fast allein über die komplette Laufzeit. Besonders durch seine Auftritte in UNDERWORLD AWAKENING (2012) und der DIE-BESTIMMUNG-Reihe (2014-2016) dürfte er den meisten Zuschauern bekannt sein. An seiner Seite sehen wir die französische Schauspielerin Stacy Martin, bekannt aus HIGH-RISE (2015) oder aus Lars von Triers NYMPHOMANIAC (2013). In einer kleineren Rolle finden wir den bekannten Toby Jones, der als Dr. Arnim Zola in den Marvel Filmen CAPTAIN AMERICA: THE FISRT AVENGER (2011) sowie THE RETURN OF THE FIRST AVENGER (CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER, 2014) wie auch in der DIE TRIBUTE VON PANEM (2012 – 2015) Reihe brillierte. Ebenfalls mit dabei ist Rhona Mitra, die schon in dem Zombiespektakel DOOMSDAY – TAG DER RACHE (2008) und in UNDERWORLD – AUFSTAND DER LYKANER (UNDERWORLD: RISE OF THE LYCANS, 2009) ihr Talent zeigte. Neben ihren Engagements beim Film, ist sie immer wieder in diversen TV-Serien unterwegs.

© Capelight Pictures
Das Mediabook Cover

Trotz seiner Laufzeit von gut 110 Minuten, ist die Story von ARCHIVE intelligent geschrieben und wird präzise für den Zuschauer visualisiert. Jede Szene, jeder Moment hat seine Berechtigung und führt uns zum unvermeidlichen und sehr überraschenden Ende. Es gibt einige Szenen, die unter Mithilfe von CGI umgesetzt wurden, sich jedoch sehr harmonisch in den Film integrieren. Ebenso harmonisch ist der Score von Steven Price (GRAVITY, BABY DRIVER), der das Ganze wunderbar untermalt. Hervorheben sollten wir auch die außergewöhnliche Leistung von Kameramann Laurie Rose. Seine bekanntesten Filme dürften KILL LIST (2011), A FIELD IN ENGLAND (2013), HIGH-RISE (2015) und OPERATION: OVERLORD (2018) sein. Doch ganz besonders in ARCHIVE zeigt er sein ganzes Talent. Eine großartige Ausleuchtung gepaart mit ungewöhnlichen Perspektiven, bei dem ein extremer Kontrast zwischen ursprünglicher Natur und menschlicher Hightech-Kultur entsteht.

ARCHIVE (2020)
© Capelight Pictures

Fazit

Gavin Rotherys ARCHIVE schließt sich nahtlos an die großartigen Science-Fiction-Filme des neuen Jahrtausends an. EX MACHINA (2014), PROSPECT (2018), UPGRADE (2018), der verstörende ANIARA (2018), EUROPA REPORT (2013) und die Serien TALES FROM THE LOOP (2020-) und MISSIONS (2017-) formulieren wichtige und durchaus kritische Fragen für unsere Zukunft. ARCHIVE ist einer dieser besonderen Filme, die entweder geliebt oder ignoriert werden. Doch eines ist sicher, Gavin Rothery hat mit seinem Debütfilm ein faszinierendes Werk abgeliefert, in allen Belangen. Von der ersten bis zur letzten Minute nicht nur visuell beeindruckend, sondern auch inhaltlich überzeugend. Noch ein kleiner Tipp zum Schluss: Auch wenn nach der Erstsichtung die Auflösung bekannt ist, lohnt eine erneute Sichtung. Denn nun findet der aufmerksame Betrachter zahlreiche Hinweise, die geschickt über den Film verteilt sind und auf das eindrucksvolle Ende hinweisen.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewArchive (2020)
Poster
RegisseurGavin Rothery
Releaseab dem 05.11.2020 Mediabook und Blu-ray sowie DVD

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Trailer
BesetzungTheo James (George Almore)
Stacy Martin (Jules Almore)
Rhona Mitra (Simone)
Peter Ferdinando (Tagg)
Toby Jones (Vincent Sinclair)
Richard Glover (Melvin)
DrehbuchGavin Rothery
FilmmusikSteven Price
KameraLaurie Rose
SchnittAdam Biskupski
Filmlänge110 Minuten
FSKab 12 Jahren

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