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Annette (2021) – Filmkritik

„Opernkino“

One, two, three, four … So May We Start!
Allein dieser erste Song in ANNETTE ist schon die Karte für einen Platz im Kino wert, denn in Deutschland ist ANNETTE tatsächlich ab dem 16. Dezember 2021 im Kino und nicht wie in den USA nur auf Amazon Prime zu sehen. In einem coolen One-Take von Regisseur Leos Carax – kennt man eher als Programmkino-Fan – mit einem noch lässigeren Song der Band Sparks – nach Jahrzehnten Musikgeschichte immer noch ein Geheimtipp – geht es furios in dieses Musical. Dass die Darsteller bei dieser ersten Szene kein Playback nutzen, lässt aufmerksam aufhorchen und vermuten, vielleicht auch hoffen, dass sich ANNETTE weit abseits gängiger Hollywood-Musikfilme bewegt. Auch wenn sich die Handlung, weitestgehend in Los Angeles, in ihren 140 Minuten etwas behäbig ausrollt und die Unterhaltungsbrache nur oberflächlich in ihrer Gier auf die Spitze genommen wird, ist ANNETTE ein Erlebnis, visuell, akustisch und emotional.

© Alamode Film

Handlung

Ann Defrasnoux (Marion Cotillard) und Henry McHenry (Adam Driver) sind frisch verliebt. Sie, umjubelte Opernsängerin; er, phrenetisch gefeierter Stand-Up-Comedian in Los Angeles. Eine Beziehung, die auch von der Medienwelt unter ihrem Blitzlichtgewitter wahrgenommen wird. Doch nach einem euphorischen Leuchten folgt der Donner. Ann wird schwanger und bringt ein Mädchen namens Annette zur Welt. Henry schafft es nicht seine Untreue, Eifersucht und Wut unter Kontrolle zu bekommen und beide schleichen um den großen Streit herum. Nachdem Henry die Lust verloren hat, sein Publikum zum Lachen zu bringen und immer mehr dem Alkohol verfällt, versuchen beide mit einem Yachtausflug das Familienidyll zu retten. Doch Henry will trotz Warnung einen letzten Walzer im Sturm tanzen.

© Alamode Film

Alles für die Sinne

Film ist geradezu prädestiniert als Kunstform für die eigenen Sinne. Neben den starken Songs, der Soundtrack ist von Russel und Ron Mael alias Sparks (THE SPARKS BROTHERS, 2021), welcher hier schon einmal dringend empfohlen ist, ist ANNETTE neben dem offensichtlichen Hören auch etwas zum Sehen und sogar zum Lesen. Dank der untertitelten Songs, kann jeder in die Prosa der Lieder einsteigen und die Gedanken der Sängerin oder des Sängers miterleben. Normalen Dialog gibt es fast gar nicht. Regisseur Leos Carax bringt aber auch unsere Augen zum Leuchten. Die Aufnahmen wirken locker aus dem Handgelenk gedreht, zeigen aber stets wunderschöne Bilder, manchmal märchenhaft, manchmal selbstreferenziell, manchmal theaterinszenatorisch.

© Alamode Film

Carax liebt vor allem Grüntöne, bringt aber auch Rot, Blau und erdige Farben ein. Allein an dem Haus, in dem sich die junge Familie aufhält, kann man sich nicht satt sehen. Auch wenn es stets nachts gefilmt ist und auch die Zimmer sehr dunkel eingerichtet sind, gibt es immer wieder etwas zu entdecken. Runde Türbogen, Schiefertafelwände, einen Urwaldgarten und einen minimalistischen Pool. Es ist vor allem ein Versteck, aber ein sehr gemütliches mit einem Hauch des Mysteriösen. Den Zuschauerinnen und Zuschauern wird somit nie langweilig, auch wenn manch gezogener Song sich wiederholen mag.

© Alamode Film

ANNETTE spielt geschickt mit unseren Sinnen, um die Fantasie auf Betriebstemperatur zu treiben. Allein das titelgebende Baby Annette ist kein Baby im fleischlichen Sinne, sondern im spielerischen. Noch im Dunkeln der Geburt verborgen, meint man die Umrisse eines Trolls zu sehen – die großen Ohren sind sicher ein kleiner Witz auf Adam Drivers Kosten – aber dann erkennt man, es ist eine Holzpuppe. Sie begleitet den Film wie eine Marionette und kann nicht nur magisch singen, sondern entlockt unserer Seele ein paar Emotionen. Mit ihr bekommt der Film sein Herz, wenn es nicht schon die Musik getan hat.

© Alamode Film

Ein ungleiches Paar

Marion Cotillard und Adam Driver sind erlesen gewählt. Beiden wohnt etwas Künstlerisches inne. Wenn sich Marion Cotillard als Ann nur auf den Rücksitz ihrer Limousine zum Schlafen legt, der märchenhafte, angebissene Apfel neben ihr und der Fahrtwind sie leicht in den Traum schickt, muss die Kamera gar nicht viel tun, sondern nur zusehen. Adam Driver spielt den bipolaren Comedian, der zwischen simplen Jokes und theatralischer Bühnenperformance in langen Szenen ohne Schnitt gekonnt auf den Punkt spielt. Selbst wenn dafür ein Mikrofonständer als sein Gegenüber herhalten muss.

© Alamode Film

Das Boxergehabe, die Banane und die obligatorische Zigarette vor jeder Performance sind ein paar kleine Extras, die diese Künstlerfigur abrunden. Er als „The Ape of God“ und sie als filigrane Sängerin, die stets in ihren Auftritten sterben muss, sind ein ungleiches Paar, welches zum Scheitern verurteilt ist. Ein bisschen zu kurz kommt die Rolle von Simon Helber als The Accompanist (Begleitpianist), für den nicht einmal ein Name übriggeblieben ist, er zudem eine sehr passive Figur spielt. Jedoch singt Helber, den die Meisten als Howard Wolowitz aus der TV-Serie THE BIG BANG THEORY kennen werden, solide und ist auch zum letzten Drittel eine Sympathiefigur, an die man sich klammern kann.

© Alamode Film

Fazit

Jeder, der sich gern von Musik im Film verzaubern lässt, sollte bei ANNETTE einen Blick wagen. Wagen nur deshalb, da sich der Film weit abseits von Musicals wie LA LA LAND (2015) bewegt. ANNETTE ist vielmehr ein aufwändiges Bühnenstück, eine cineastische Oper, die einen fesselt, selbst wenn man mit dem ganzen unverständlichen Geschreie in den Opernhäusern dieser Welt nichts anzufangen weiß.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewAnnette (2021)
Poster
RegieLeos Carax
ReleaseKinostart: 16.12.2021
ab dem 22.04.2022 auf Blu-ray und DVD, sowie im UHD-Mediabook

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Trailer
BesetzungAdam Driver (Henry McHenry)
Marion Cotillard (Ann Defrasnoux)
Simon Helberg (The Accompanist)
Devyn McDowell (Annette im Gefängnis)
DrehbuchRon Mael
Russell Mael
Leos Carax
FilmmusikRon Mael
Russell Mael
KameraCaroline Champetier
SchnittNelly Quettier
Filmlänge140 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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