ANNA (2019)

Anna (2019) – Filmkritik

„Spionin wider Willen“

NIKITA, LÉON, LUCY und ARTHUR ET LES MINIMOYS. Man könnte meinen Luc Besson hat eine Schwäche für Filmtitel mit Vornamen. Aber das soll nicht Bestandteil dieser Filmbesprechung sein, sondern warum Besson immer noch ein gutes Händchen für einen spannenden, europäischen Actionfilm hat, der nicht nur gut aussieht, sondern auch gut erzählt ist. Nach VALERIAN, einer der teuersten europäischen Filmproduktionen, hätte man gedacht, dass es der französische Regisseur und Drehbuchautor ruhiger angehen lässt. Irrtum, bereits nach zwei Jahren bringt er einen Spionage-Thriller ins Kino. Diese kurze, kreative Produktionsphase könnte auch an seiner neuen Muse in Form des russischen Models Sasha Luss liegen, denn ANNA (Originalschreibweise: ᴀɴᴎᴀ) scheint wie maßgeschneidert für sie zu sein.

ANNA (2019)
© Studiocanal

Handlung

1985, das blutige Katz- und Maus-Spiel der Spionage zwischen der UdSSR und den USA ist immer noch im Gange. Verluste gibt es auf beiden Seiten und somit muss auch für ausreichend Personalersatz gesorgt werden. Spion-Talent-Scout Alex Tchenkov (Luke Evans) findet die junge, drogenabhängige Anna Poliatova (Sasha Luss), die nichts mehr zu verlieren hat. Als Alex sie von ihrem gewaltbereiten „Freund“ befreit, stellt er sie vor die Wahl, entweder eine Ausbildung beim KGB zu beginnen oder infolge sein Gesicht gesehen zu haben zu leben bzw. zu sterben. Anna willigt unter der Bedingung ein, nach fünf Jahren in Freiheit entlassen zu werden. Sie eignet sich nicht nur als Sexfalle, sondern befreit sich auch aus jeder schwierigen Situation. Ihre Vorgesetzte Olga (Helen Mirren) hat einige Aufträge in Paris für Anna, welchen sie dort mit ihrer Tarnung als Fotomodel ungestört nachgehen kann. Aber die CIA, verkörpert durch Lenny Miller (Cillian Murphy), hat bei diesem Spiel auch noch ein Wort mitzureden. Wird Anna zum Doppel-Agenten oder weiß ohnehin schon keiner mehr, wo die Grenze bei Spionage verläuft.

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Schauspieler-Ensemble

Für Sasha Luss ist es ihr Schauspieldebüt in einer Hauptrolle. Die junge Russin (Jahrgang 1992) bezaubert auf der Leinwand, sieht gut aus und spielt in einigen Situationen glaubhaft emotional. Vielleicht kann eine Modelkarriere hier mehr weiterhelfen als gedacht. Jedoch richtig in die Haut von ANNA zu schlüpfen gelingt ihr nicht. Dafür fehlen die Schule und die nötige Erfahrung, aber genau das macht den Reiz dieser Protagonistin aus. Jedes Mal weiß man nicht, ob uns Anna nur etwas für ihre eigenen Interessen vorspielt, um ihr Gegenüber zu manipulieren. Das nicht ganz perfekte Schauspiel ist hier ein großer Gewinn für die geheimnisvolle Femme fatale, die anscheinend nicht einmal selbst weiß, wer sie ist.

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Regisseur Luc Besson gruppiert starke Charakterschauspieler im Dreigespann um seine Hauptfigur. Allen voran Helen Mirren als Mentorin und Vorgesetzte. Ihr trockener Humor mit einem Blick, der keinen Fehler zulässt, zeigt wieder, warum Mirren immer noch für Filmbesetzungen engagiert wird. Luke Evans balanciert seine Rolle des verliebten KGB-Kollegen und dem landestreuen Agenten perfekt aus. Die wilden Liebesszenen zwischen Anna und Alex wirken aber doch etwas zu sehr gekünstelt und übertrieben. Besson weiß seine weiblichen Hauptfiguren stets stilvoll anzuziehen und zu präsentieren, aber erotische Szenen wollen ihm einfach nicht gelingen. Das kommt dem Fassadenspiel allerdings zu Gute.

ANNA (2019)
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Dann wäre noch Cillian Murphy als CIA-Agent. Für Murphy ist es ebenfalls ein Leichtes, begierig auf die langbeinige Anna zu starren, aber auch sofort auf professionellen Agenten wieder umzuschalten, der auch gern mal den Zeigefinger eines Zivilisten für die Mission opfert. Vor allem sein strategisches, tötungsfreies Vorgehen erzeugt viel Sympathie beim Zuschauer. Leider ist es sehr schade, dass das Gut-Böse-Verhältnis im Nachhinein unausgeglichen ist. Ohne Zweifel gehen beide Geheimdienste über Leichen. „Uncle Sam“ kommt durch die niedrigere Mordzahl dennoch besser weg.

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Zeitsprung, der

ANNA ist weniger Action-Bombast, sondern eine gut erzählte Spionage-Geschichte, wo keiner dem anderen traut und es für jede Situation ein Hintertürchen zu geben scheint. Regisseur Luc Besson, der ebenfalls für das Drehbuch verantwortlich ist, macht das mit dem beliebten Zeitsprung in der Handlung. Der Film springt immer wieder zurück, um aufzuklären, was noch passiert ist. Das kann den anspruchslosen Unterhaltungsfilmfan nach zig Zeitsprüngen aufstöhnen lassen, aber es bleibt alles logisch erzählt und nachvollziehbar. Man wird sogar zum Ende schon so paranoid, dass man einer gesichtslosen männlichen Anmache in Annas Urlaub mehr Bedeutung zumisst als es sinnvoll ist. Die Action kommt dennoch nicht zu kurz. Vor allem zwei knallhart inszenierte Kämpfe bleiben in Erinnerung. Ein Restaurantkampf im JOHN-WICK-Style (oder ATOMIC BLONDE, je nach Vorliebe) gegen eine Armee von Leibwächtern. Ein Feuergefecht mit stilvollen Bildern und U-Boot-Setting kurz vor dem Showdown darf auch nicht fehlen. Das verdammt spannende Finale bringt alle Figuren wie im symbolischen Schachspiel zusammen. Dank den tollen Schauspielern und dem Puzzle von Drehbuch, kann man auch ohne Explosionen mitfiebern. 

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Nicht ohne meine Klischees

Auch wenn ANNA sich ganz bewusst von Spionage-Filmklischees absetzen will, man denke an den furchtbar gefühllosen RED SPARROW, schlittert es doch hin und wieder ganz gewaltig in welche hinein. Zu Filmbeginn wird noch ganz frech in einer Vielzahl von europäischen Sprachen gesprochen, welche untertitelt werden. Zur zweiten Filmhälfte scheint dies doch vergessen zu sein und selbst im KGB-Hauptquartier wird Englisch gesprochen. Man darf gespannt sein, ob die deutsche Synchronisation einen einheitlichen Sprachfluss findet. Die gern als rau und winterlich geltende Klimazone in Russland bekommt auch hier wieder ihren Auftritt. Ein St. Petersburg im Frühling, wie ein Dialog im Film erzählt, wäre doch endlich einmal Kinoneuland gewesen. Aber man muss sich in ANNA mit kalten grauen Straßen und überhitzten Innenräumen zufriedengeben. Dies ist aber vertretbar, weil der Haupthandlungsort Paris ist und den kennt Luc Besson wie seine Westentasche, was er mit unverbrauchten Szenerien beweist.

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Die Statisten als Kanonenfutter bekommen leider auch ihren Auftritt. Da wird gern mal erst um die Ecke gerannt und dann zur Waffe gegriffen, aber der Bodycount muss eben stimmen. Dass Anna gefährlich ist, weiß jeder nach dem ersten Filmdrittel und dem massiven Einsatz einer Gabel auf ein Auftragsziel. Was man als richtig angenehm empfindet ist das Fehlen der Trainings-Montage-Sequenz und dem wortkargen, brutalen Handlanger vom Big Boss. ANNA zeigt sich hier erstaunlich nah am realen Geheimdienstgewerbe.


© Studiocanal

Die Optik wirkt insgesamt vielleicht etwas zu glatt und perfekt ausgeleuchtet, hat aber ihren Bezug zu Annas Tarnung, der Fashionwelt. Die Filmmusik von Éric Serra weiß sich wesentlich geschickt um Spionage-Musikthemen herumzuschlängeln. Vor allem das leichte Klavierthema, welches Annas emotionales und akustisches Kleidungsstück wird, geht beim ersten Hören sofort ins Ohr. Die Actionthemen erreichen kein neues Level und der Soundtrack von ANNA reicht bei weitem nicht an Serras Meisterwerke wie DAS FÜNFTE ELEMENT, LÉON oder IM RAUSCH DER TIEFE heran.

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Fazit

Unterhaltsamer und spannender Spionage-Thriller im realitätsnahen Europa-Setting. Auch wenn die junge Hauptdarstellerin in manchen Szenen noch nicht gänzlich überzeugt, hat sie hochkarätigen Darsteller-Begleitschutz. Das Drehbuch hält durch die vielen Zeitsprünge jeden Zuschauer auf Trab. Eine Empfehlung für unentschlossene Pärchen an der Kinokasse.

Titel, Cast und CrewAnna (2019)
Poster
Releaseab dem 18.07.2019 im Kino
ab dem 28.11.2019 auf Blu-ray und DVD
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RegisseurLuc Besson
Trailer
BesetzungSasha Luss (Anna)
Helen Mirren (Olga)
Luke Evans (Alex Tchenkov)
Cillian Murphy (Lenny Miller)
Lera Abova (Maud)
Alexander Petrov (Piotr)
DrehbuchLuc Besson
KameraThierry Arbogast
MusikÉric Serra
SchnittJulien Rey
Filmlänge119 Minuten
FSKab 16 Jahren

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