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Alles ist eins. Ausser der 0. (2020) – Filmkritik

Der Titel gibt bereits den etwas kalauerhaften Tonfall mit ernstem Hintergrund vor: Wau Holland, Mitgründer des legendären Chaos Computer Clubs (CCC), ist zentraler Protagonist und gute Seele des Films, der eigentlich breiter gefasst die Geschichte des deutschen Hackertums seit seinen Anfängen bis in die frühen 2000er Jahre behandelt. Zeitlich endet er mit der wohl bekanntesten CCC-Arbeit: Schäubles Fingerabdruck. Es ist auch eine Art Hamburg-Film daraus geworden – der CCC hat dort seinen Sitz, ebenso wie Tanja Schwerdorf und Klaus Maeck, die gemeinsam Regie geführt haben.

So hört man auch viel (Hamburger) Punk- und NDW-Musik der frühen Achtziger – und tatsächlich sang die Band Abwärts bereits 1980 vom „Computerstaat“. Dieser Schwerpunkt dürfte Klaus Maeck zu verdanken sein, einst Manager der Einstürzenden Neubauten. Auch Ausschnitte aus dem von ihm mitproduzierten DECODER von 1984, in dem FM Einheit die Hauptrolle spielt, haben in den Film gefunden. Alexander Hacke wiederum, ein weiteres Mitglied der Neubauten, verantwortet die Musik bei ALLES IST EINS. AUSSER DER 0.

Das Ganze beginnt wie eine Reise in eine bereits fremd gewordene Welt, in der es einen Postminister gibt und den Bildschirmtext BTX, einen Vorläufer der Messageboards und der ersten Webseiten im Internet der Neunziger. Verglichen mit der heutigen Dominanz der Sozialen Netzwerke fällt der Rückblick oft nostalgisch aus: Wer erinnert sich noch an das Modem-Geräusch, Compuserve-Homepages und T-Shirts mit der eigenen URL (um diese bekannt zu machen)?

© Neue Visionen Filmverleih

Manche Aktivitäten der frühen Hacker zeugen von unglaublicher Naivität –„das Anschließen eines Selbstbaumodems wurde härter bestraft als das fahrlässige Auslösen einer atomaren Explosion“ -, andere von überragendem Weitblick, etwa wenn sie damals bereits psychische Störungen durch Computermissbrauch thematisieren. Überhaupt überrascht in den Archiv-Interviews, wie ernsthaft und geschliffen auf den Punkt gebracht sich hier idealistische junge Männer äußern. (Frauen gab es in der Frühzeit des CCC offenbar noch keine, und Wau ist der einzige schon etwas Ältere unter ihnen.) Auf späteren Großveranstaltungen sieht man dann eher graumelierte Redner (nun auch Frauen). Am ehesten nimmt heute wohl Wikileaks die Rolle des frühen CCC ein.

Für Menschen, die die Achtziger nicht selbst erlebt haben, dürfte dies ein sehr informativer Blick in die westdeutsche Vergangenheit sein, eine bleierne Gesellschaft, in der die Hacker bereits die Wild-West-Freiheit der normalen Internet-Nutzer der 90er Jahre lebten. Damals setzte quasi sofort die Kriminalisierung der ersten Datenmissbrauchs-Whistleblower ein, die Zersetzungstaktiken des Verfassungsschutzes werden deutlich und erstaunlich viele junge Hacker-Karrieren endeten mit einem gewaltsamen Todesfall.

Anders verlief es beim ein wenig bärenmarkenartigen Wau Holland mit seinem offenen Lächeln. Er ist geradezu der Idealtyp des sympathischen Hackers, ein Menschenfreund, ähnlich den kalifornischen Hippies, die die Entwicklung des Internets maßgeblich beeinflusst haben. Er spricht vom „schöpferischen Umgang mit Techniken“, gibt den Slogan „öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“ vor und äußert den endgültig prophetischen Satz: „Kommunikation ist eine Chance, nicht nur zu hetzen, sondern auch Konflikte zu deeskalieren.“ Man versteht, dass der Film vor allem um ihn kreist. Wau macht den Eindruck eines innovativen Computerbastlers, dem aber immer auch der Blick darüber hinaus wichtig war. Er betont, dass direkte Kommunikation eine andere Qualität als das Kommunizieren über technische Hilfsmittel hat: „Beim Telefonieren mit einem Freund wird auch Kommunikation transportiert, die sich nicht in Bits messen lässt.“ Frieden war sein großes Lebensziel. Was würden heute wohl Putins Hacker dazu sagen?

© Neue Visionen Filmverleih

Bei der Fülle an Archivmaterialien wird der Bilderfluss manchmal etwas beliebig, sehr viele Themen werden kurz angeschnitten. Die Struktur des Films ist dabei ganz konventionell. Mehr oder weniger chronologisch wird die Geschichte erzählt, auch von einer Art Off-Erzähler, Tatsächlich stellt sich irgendwann die Frage, wie geeignet hier ein (linearer) Film überhaupt sein kann. Man könnte sich stattdessen eine Website vorstellen, die die Themen und Geschichten strukturiert präsentiert, wo man sich aber eigenständig über all die Querverbindungen durch die Originaldokumente, Videoschnipsel usw. hin und her bewegen kann. (Surfen nannte man das früher.) Wie viel Publikum so eine Arbeit finden würde, ist eine andere Frage.

Die DVD zum Film

Das DVD-Menü ist sehr witzig gestaltet als alter Computerbildschirm mit Basic-Code (was heute wohl gar nicht mehr alle erkennen werden), inkl. Menüpunkt „Reboot DVD“. Die Tonmischung – zumindest, wenn man sie in Stereo anhört – ist leider nicht überragend, die Sprecher sind manchmal schwierig zu verstehen.

Auch die Extras drehen sich in erster Linie um Wau Holland. Neben einem Interview mit dem Regie-Duo erzählt Wau die Geschichte des CCC – zwar nur als talking head, aber sehr interessant, nach dem Film anschauen (oder besser anzuhören). Es folgt ein altes Interview mit ihm in herrlich unbeholfenem Englisch, weswegen Untertitel nicht schlecht gewesen wären: „Mein Englisch stammt aus technischen Handbüchern.“ Den Abschluss bildet ein noch interessanterer Vortrag von Wau aus dem Jahr 2000, ein Jahr vor seinem unzeitigen (wenn auch natürlichem) Tod. Er spricht frei in die Kamera über komplexe Systeme, Bildungspolitik und den ganzen Rest.

© Franz Indra

Titel, Cast und CrewAlles ist Eins. Ausser der 0. (2020)
Poster
Releaseseit dem 27.12.2021 auf DVD erhältlich.

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RegisseurKlaus Maeck
Tanja Schwerdorf
Trailer
BesetzungWau Holland
Peter Glaser
Steffen Wernéry
Andy Müller-Maguhn
Linus Neumann
DrehbuchKlaus Maeck
Tanja Schwerdorf
KameraHervé Dieu
MusikAlexander Hacke
SchnittAndreas Grützner
Filmlänge92 Minuten
FSKab 6 Jahren

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