AD ASTRA (2019)

Ad Astra (2019) – Filmkritik

„Bis ans Ende des Sonnenlichts“

Man kommt einfach nicht daran vorbei, das Wort „Odyssee“ bei dem neusten Film von James Gray mit Brad Pitt in der Hauptrolle in den Mund zu nehmen. AD ASTRA ist eine Weltraum-Odyssee, ein Abenteuer quer durch unser Sonnensystem. Der Protagonist Roy muss auf seiner Reise zum Rand des Sonnensystems an bestimmten Punkten immer wieder Halt machen und dort nicht nur Hindernisse meistern, sondern er entdeckt auch immer wieder etwas über sich selbst.

Eine Odyssee ist es aber auch in der Hinsicht, dass es Filmfans unweigerlich auch an Kubricks 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (1969) erinnert. Die Handlung betritt nur ganz selten terrestrischen Boden, wie auch bei diesem Meilenstein und ist ein schwereloser Flug durchs All. AD ASTRA eifert aber nicht Filmklassikern hinterher, sondern ist ein sehr eigenständiger Blick auf den Menschen im Weltraum. Es ist viel mehr als nur die Übersetzung der lateinischen Redewendung die zum Filmtitel geführt hat:

Per aspera ad astra = durch das Raue zu den Sternen

AD ASTRA (2019)
Roy McBride (Brad Pitt) // © 2019 Twentieth Century Fox

Inhalt

Wenn man diese Redewendung etwas umgangssprachlicher übersetzt, kommt man zu: „Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen“. Auch das ist wieder zweideutig zu sehen. Zum einen ganz physisch, dass es nicht leicht ist den Weltraum zu bereisen und zum anderen, dass nur extreme Hindernisse zu geistiger Klarheit und Zufriedenheit führen.

Die Zukunft: Major Roy McBride (Brad Pitt) leitet die weltweit größte Antenne auf der Erde, um herauszufinden ob es außerirdisches Leben gibt. Durch kosmische Strahlungen kommt es plötzlich auf der Erde zu tausenden elektronischen Störungen, die viele Menschen das Leben kostet. Nicht nur das Antennenprojekt des Majors nimmt Schaden, sondern auch Flugzeuge stürzen durch elektromagnetische Ausfälle ab und das ist nur der Beginn einer Vielzahl von Stromausfällen.

Die NASA glaubt, dass der Ursprung auf dem Neptun zu finden ist, wo auch Roys Vater und Astronauten-Legende Clifford McBride (Tommy Lee Jones) beim sogenannten Lima-Projekt seit 16 Jahren vermisst wird. Roy erhält den Auftrag zum Mars zu fliegen und von dem dortigen Außenposten Kontakt mit dem totgeglaubten Vater aufzunehmen. Trotz des weiten Fortschritt der menschlichen Raumfahrt, ist die Mission über ca. 4,5 Milliarden Kilometer für den erfahrenen Astronauten nicht ohne Risiko. Es ist eine Distanz für die selbst das Licht 4,2 Stunden benötigt.

AD ASTRA (2019)
Clifford McBride (Tommy Lee Jones ) // © 2019 Twentieth Century Fox

Die Einflüsse

Auch wenn Roys Frau Eve von Liv Tyler gespielt wird, ist AD ASTRA von Science-Fiction-Blockbustern wie ARMAGEDDON oder GRAVITY meilenweit entfernt. Die fast schon esoterische Ruhe der Handlung und die von Brad Pitt, der mit seinen inneren Konflikten stark zu kämpfen hat, erinnert doch sehr stark an das Weltraumepos 2001. Das All, welches hauptsächlich ein Vakuum ist, überträgt nun einmal keinen Schall. Nur dass hier kein Kampf zwischen künstlicher Intelligenz und Mensch stattfindet, sondern mit der eigenen menschlichen Natur.

Man kann auch Einflüsse des Buchs HEART OF DARKNESS entdecken, was zum Kriegs-Monumentalwerk APOCALYPSE NOW verfilmt wurde. Major Roy McBride muss sich in AD ASTRA mit dem Idol des Weltraum-Pioniers McBride auseinandersetzen und erkennen, dass er eben nicht das zu sein scheint, was die Gedenktafeln untermauern und ihn seine Kindheitserinnerungen glauben lassen wollen. James Gray, der zusammen mit Ethan Gross auch am Drehbuch gearbeitet hat, gibt diese beiden Einflüsse offen zu.

AD ASTRA (2019)
© 2019 Twentieth Century Fox

Eigenständigkeit

Es ist jedoch zu erkennen, dass sich James Gray vor diesem Projekt sehr bewusst die Frage gestellt hat, was man noch Unverbrauchtes in einem Science-Fiction-Film erzählen kann. Er orientierte sich am wissenschaftlichen Pioniergeist der Geschichte: Forscher gehen meist hohe Risiken ein, um die Menschheit in ihrer Entwicklung weiter voranzutreiben. Vor 80 Jahren konnte keiner abschätzen, was wirklich bei der Spaltung eines Atoms passieren würde. Auch noch vor ein paar Jahren hatten einige Wissenschaftler Angst, dass der neue Teilchenbeschleuniger in Cern ein schwarzes Loch auf der Erde verursachen würde. Was wäre aber, wenn die Gesellschaft sich in Konflikten schon so stark aneinander aufgerieben hat und das Ökosystem kaum noch zu retten ist? Der Planet ist verloren, es bleibt die Flucht in den Weltraum. In AD ASTRA legt die NASA ihre ganze Hoffnung in den Kontakt mit extraterrestrischen Lebensformen, um von ihnen Antworten zu erhalten.

AD ASTRA (2019)
Colonel Pruitt (Donald Sutherland) und Willy Levant (Sean Blakemore ) // © 2019 Twentieth Century Fox

Der Film verkörpert eine ganz nüchterne Zukunftsvision. Es gibt keine spontane Super-Technolgie, die es möglich macht mit Lichtgeschwindigkeit zu reisen und es gibt auch keine abnormalen Ressourcen, um riesige Raumschiffe zu bauen. Die Handlung spielt zwar in der Zukunft, aber alles ist auf einem vertrauten Entwicklungsstand. Dennoch bleibt der Fokus auf der Hauptfigur. Astronauten neigen dazu recht analytisch zu sein, kühl und mit stetem niedrigen Ruhepuls. Dies spielt Brad Pitt auch ganz fantastisch und man pegelt sich als Zuschauer recht schnell auf sein meditatives Level ein.

AD ASTRA (2019)
© 2019 Twentieth Century Fox

Es gibt aber dennoch eine neue Technologie, die es ermöglicht tiefer in die Seele von Major Roy McBride zu blicken. Roy muss sich jeden Tag mit einem technischen „Heftpflaster“ am Hals einem psychologischen Test unterziehen, ob er geistig noch fähig ist die Mission zu beenden. Eine Art psychologischer Statusbericht, der Stück für Stück zu einer Therapiestunde wird. Aber auch während der ganzen Laufzeit wird Roy nicht müde, uns immer wieder ein paar Gedanken aus dem Off vorzutragen. Was schnell zu sinnlosem und störendem Blabla verkommt, passt genau in die kalte Umgebung von AD ASTRA.

Leider scheint die Lösung der ganzen Geschichte am Ende nicht so recht zu packen und man hat das Gefühl etwas schnell abgespeist zu werden, aber darum ging es James Gray in seinen Filmen noch nie. Selbst der recht artige HELDEN DER NACHT bleibt eher mit Gefühlen in den Filmerinnerungen haften als mit seiner Handlung. Und zu den Emotionen beim Sehen sind zwei herausragende Künstler hier bei AD ASTRA zu nennen:

AD ASTRA (2019)
© 2019 Twentieth Century Fox

Die Bilder vom Kameramann

INTERSTELLAR war nicht nur ein Blick in den Kopf von Stephen Hawking, sondern auch ein Film der Bilder. Auch wenn dort der Modellbau bei den Spezialeffekten im Forderung stand, sind vor allem die IMAX-Aufnahmen von Kameramann Hoyte Van Hoytema (DUNKIRK, HER) als herausragend zu nennen. Hoytemas visuelles Gespür für den Weltraum ist auch in AD ASTRA sofort zu erkennen. Er hat es förmlich perfektioniert Licht glaubhaft im Weltall darzustellen. Scharfe Kanten zwischen Licht und Schatten haben die Oberhand, aber Schärfen und Unschärfen transzendieren förmlich die Stimmung von AD ASTRA. Allein schon die erste Einstellung: Ein Lens Flare, das sich ganz bedächtig von links nach recht bewegt, symbolisiert nicht nur durch die Lichtpunkte ein aufgereihtes Sonnensystem mit den Planeten, sondern stellt auch die Reise dar, die es zu bestreiten gilt.

AD ASTRA (2019)
© 2019 Twentieth Century Fox

Musik gegen das Nichts

Auch die ersten Klänge mögen ein bisschen an Hans Zimmers Komposition zu INTERSTELLAR erinnern, aber Max Richters Soundtrack zu AD ASTRA lässt dies nur kurz anklingen, wie ein schöner Gruß an den Kollegen. Richter füllt den luftleeren Raum mit einem Zwitterwesen aus Einsamkeit und Emotionen. Dies verstärkt noch einmal die Figur von Brad Pitt, der an der Oberfläche ganz der Astronaut ist und im Inneren mit sich selbst bzw. seinen Gefühlen ringt. Außerdem versteht es Max Richter (THE LEFTOVERS, MARIA STUART KÖNIGIN VON SCHOTTLAND), sich nie ganz aufzudrängen, aber dennoch in extremen Situationen die Spannung weiter voranzutreiben. Jedoch bleiben die großen Actionszenen stumm oder dumpf und erhalten dadurch noch mehr Realitätsnähe.

AD ASTRA (2019)
© 2019 Twentieth Century Fox

Das Erlebnis als Fazit

AD ASTRA ist ein Kampf auf vielen Ebenen: Ein Kampf um Ressourcen (Piratenattacke auf dem Mond), mit der Gier (Umweltzerstörung), mit den kindlichen Erinnerung an den Vater (Clifford McBride), mit der wilden Natur (Affen in einer Weltraumstation) und einem Kampf um das eigene Überleben. Es wäre ein Leichtes gewesen, aus diesem Drehbuch einen Blockbuster zu machen – voller Explosionen, cooler Technologien und fieser Schurken.

AD ASTRA bleibt eine unauffällige, aber wunderschöne Reise in die Dunkelheit des Alls, bis zum Ende unseres Sonnensystem.

Die Überraschung ist groß, denn auch dort scheint unsere Sonne. Für einen gutgelaunten Samstagabend-Auftakt ist dieser Film kaum geeignet. Die Einsamkeit des Alls kann sich bei Cineasten wie Blei übers Herz legen. Aber das will der Filmfan mit Astronaut als Kindheitsberufswunsch nicht anders. Er möchte die dunklen Hallen der Lichtspielhäuser aufsuchen und bis ans Ende der Existenzfrage treiben.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewAd Astra (2019)
PosterAD ASTRA (2019)
ReleaseKinostart: 19.09.2019
ab dem 31.01.2020 auf Blu-ray und DVD

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RegisseurJames Gray
Trailer
BesetzungBrad Pitt (Roy McBride)
Liv Tyler (Eve McBride)
Tommy Lee Jones (Clifford McBride)
Ruth Negga (Helen Lantos)
Donald Sutherland (Colonel Pruitt)
Anne McDaniels (Shunga Hologram)
Sean Blakemore (Willy Levant)
DrehbuchJames Gray
Ethan Gross
KameraHoyte Van Hoytema
MusikMax Richter
SchnittJohn Axelrad
Lee Haugen
Filmlänge117 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben

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