John Williams Anne-Sophie Mutter

Across The Stars – Anne-Sophie Mutter & John Williams | Review

„Die Seele des Films“

Unser Motto beim Fluxkompensator ist ja, dass wir über das schreiben was wir lieben. Das sind natürlich Filme, aber auch alles was damit zu tun hat. Filmmusik ist definitiv der nachhaltigste Teil dieser Liebe. Ohne sie würden uns viele Filme über die Jahre immer mehr verloren gehen. Durch die Musik erhalten wir einen Schlüssel zu ihrer Seele. Auch wenn uns ein Film insgesamt nicht besonders gefallen hat, kann in uns eine bestimmte Melodie, ein dramatischer Rhythmus oder eine abstrakte Klangstruktur so stark nachklingen, dass das Gehörte den Film in der Rückschau sogar wieder aufwertet. Irgendwas muss an der Filmidee so stark gewesen sein, dass es den Komponisten dazu inspiriert hat, uns durch seine Komposition auf einer emotionalen Ebene zu berühren. Dabei spielt die objektiv durchaus bewertbare Qualität von Musik erst einmal keine Rolle. Sie muss nicht hoch anspruchsvoll, kunstvoll oder sonst wie kategorisierbar sein. Eine einfache Tonfolge wie in HALLOWEEN (1978), von Regisseur John Carpenter aus Kostengründen gleich selbst improvisiert und eingespielt, kann uns dabei genau so intensiv bewegen wie eine große Orchesterpartitur von Miklos Rosza zu BEN HUR (William Wyler, 1959). Es geht um Gefühle und die kann man nicht kategorisieren. Gleiches gilt natürlich auch für die Auswahl eines bestimmten Songs oder eines bereits bestehenden Musikstücks für eine Szene. Doch im Folgenden soll es um die OriginalFilmmusik, den Score gehen.

Musik verbindet uns auf der Gefühlsebene mit einem Film und seinen Machern. Es entsteht ein besonderer Dialog, eine Art Flirt, manchmal auch mehr.

Über den Sternen

So auch bei dieser besonderen CD-Veröffentlichung ACROSS THE STARS von Deutsche Grammophon, dem Musiklabel für klassische Musik, die wir hier näher vorstellen möchten. Es ist weder ein klassischer Soundtrack, noch ein typischer Sampler mit Originalstücken aus Filmen, obwohl das der Form dieses Projekts noch am nächsten kommt. Es ist vor allem eine Art Liebesreigen zwischen zwei herausragenden Künstlern. ACROSS THE STARS, ein sehr persönliches Duett zwischen einem der bedeutendsten Filmmusik Komponisten überhaupt und einer der renommiertesten Violinistinnen unserer Zeit: John Williams und Anne-Sophie Mutter. Doch was genau hören wir da und warum?

Wir hören 12 Stücke aus unterschiedlichen Filmen, für die John Williams die Musik komponierte. Für diese hat der 5-fache Oscar-Preisträger, speziell für Anne-Sophie Mutter, neue Partituren für Solo-Violine und Orchester geschrieben. So hören wir z. B. das titelgebende ACROSS THE STARS aus STAR WARS-EPISODE II: ANGRIFF DER KLONKRIEGER (2002) in neuem Klanggewand. Doch bevor ich konkreter auf die Qualität der Stücke dieser sehr hochwertig produzierten CD eingehe, hier noch ein paar Worte zu der Besonderheit dieses Projekts.

John Williams Anne-Sophie Mutter

Eine schwere Beziehung

Bei allem musikalischen Können und der Wirkung ihrer Musik hatten es Künstler, die speziell für Filme komponierten, immer schon schwer in der Welt der klassischen Musik anerkennende Worte und Ohren zu finden. Film galt gegenüber dem Theater und der Oper als untergeordnete Form der Unterhaltung. In den Augen vieler Vertreter der sogenannten ernsten Musik, gehörte das Medium Film immer noch der Welt billiger Jahrmärkte an, aus der es einst seinen Siegeszug um die Welt gestartet hatte. Diesen Jahrmarktcharakter, also das schnelle Präsentieren einer Kunstfertigkeit zur geschäftsorientierten Belustigung des einfachen Volkes, bekam das Medium Film und alle die dafür arbeiteten nicht so schnell aus den Köpfen einer oft selbst ernannten Elite heraus. Gerade wegen seiner millionenschweren Umsätze wurde die Arbeit an einem Film als rein „kommerziell“ angesehen, also weniger wertig als das kreative Ringen hoher Kunst um ihrer selbst willen.

Anne-Sophie Mutter

Die zehn-tausendste Version eines Klavierkonzerts von Beethoven, oder ein zeitgenössisches 12-Tonwerk vor halb leeren Rängen gilt auch heute noch bei vielen als wertvoller gegenüber den meisterhaften Vertonungen innovativer Filmwerke wie VERTIGO (1958) von Bernhard Herrmann, SPARTACUS (1960) von Alex North, DIE FANTASTISCHE REISE (1966) von Leonard Rosenmann, oder PLANET DER AFFEN (1968) von Jerry Goldsmith, die seit ihrer filmischen Auswertung ein Millionenpublikum erreicht haben.

Nur diejenigen, wie z. B. der mittlerweile 90-jährige Ennio Morricone oder eben auch der nur drei Jahre jüngere John Williams, die ihre musikalische Genialität auch in eigens für den Konzertsaal komponierten Werken bewiesen, konnten sich eine gewisse Anerkennung aus der Welt der offiziellen Klassik erarbeiten. Dass beide gerade für das Kino unterschiedlichste Musikstile meisterhaft auf die jeweiligen Bedürfnisse des zu vertonenden Films anpassen und weiterentwickeln konnten, ist leider zu oft nicht über die Grenzen der Leinwände, Bildschirme und Soundtrack-Veröffentlichungen hinausgekommen. Nicht dass beide diese Weihen wirklich brauchen würden. Ihre bewundernde Fangemeinde, sowie ein nicht gerade bescheiden ausfallender Kontostand dürfte über die stiefmütterliche Behandlung ihrer Werke in den zumeist europäischen Konzerthäusern dieser Tage hinwegtrösten. Da ist die Klassikszene in Amerika immer schon deutlich offener gewesen, als zum Beispiel die deutschsprachige.

John Williams Anne-Sophie Mutter und Steven Spielberg

Die Liebe einer Virtuosin

Umso erfreulicher, dass oft die klassischen Künstler selbst eine wesentlich breitere Wahrnehmung jenseits streng reglementierter Konzertprogramme und CD-Veröffentlichungen haben als Intendanten, Mäzene und Musikproduzenten. In diesem Fall ist es Anne-Sophie Mutter, das damalige Wunderkind aus Deutschland, welche aus dem Windschatten des großen Dirigenten Herbert von Karajan heraus, die größten Bühnen der Welt eroberte und zu einem der ersten weiblichen Klassikstars avancierte. Sie ist schon seit längerem eine große Bewunderin von John Williams, und bat ihn vor einigen Jahren um ein persönlich für sie komponiertes Stück für ihr Solorepertoire.

„Ich bin nicht einfach nur ein Fan. (…) Ich bewundere die Musik von John Williams, auch seine klassischen Filmmusiken. Von seinem Orchestersatz lerne ich unglaublich viel über Ausdruck und musikalische Farben.“ – Anne-Sophie Mutter im Booklettext der CD

„Und sicher können Sie sich meine Verwunderung, Freude und Begeisterung vorstellen, als mich Anne-Sophie Mutter vor einigen Jahren fragte, ob ich nicht ein kleines Stück für sie schreiben wollte. (…) Für einen großen Virtuosen zu komponieren, ist immer eine lohnende und reizvolle Aufgabe.“ John Williams im Booklettext der CD

Die aktuelle CD

So kam es dann dazu, dass Williams ihr diesen Wunsch nicht abschlagen konnte und 2017 für sie das rund 11-minütige, strenge Solo-Stück MARKINGS komponierte, welches bisher nur konzertant zur Aufführung kam und auf dieser CD leider nicht enthalten ist. Im September folgt noch eine Deluxe-Version dieses Albums, welches neben dieser Originalkomposition noch weitere zusätzliche Filmstücke enthalten wird. Auf Wunsch von Mutter erschloss Williams ihr daraufhin, durch neue Arrangements bestehender Stücke auch noch den solistischen Zugang zu einigen seiner Filmwerke. So entstanden für diese Veröffentlichung 12 Neuinterpretationen recht bekannter Stücke, die für eingefleischte Filmmusikfreunde und Williams Verehrer auf den ersten Blick erst einmal wenig Neues erwarten lassen. Nach diversen Filmmusik-Samplern der letzten Jahre, die alle mit ähnlichen Zusammenstellungen aufwarten, ist das erst einmal keine wirklich frohe Botschaft.

Nichts aus seiner eher wilden Thriller- und Katastrophen-Filmphase Anfang bis Ende der 1970er-Jahre: Keine HÖLLENFAHRT DER POSEIDON (1972), kein ERDBEBEN (1974), kein SCHWARZER SONNTAG (1977), kein TEUFELSKREIS ALPHA (1978) und auch kein düster patriotischer JFK (1991). Stattdessen viel aus unterschiedlichen STAR-WARS-Filmen und Romantisches à la DIE GEISHA (2005).

John Williams Anne-Sophie Mutter

Doch das aktuelle Album ist zuallererst ein Soloalbum für eine außerordentliche Geigerin. Die größtenteils von Williams ausgewählten Stücke sollten für Violine adaptierbar sein. Es machte also wenig Sinn eher komplex dramatische Orchesterwerke wie KRIEG DER WELTEN (2005) oder DIE UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART (1976) für diese Werkschau auszuwählen. Es sollten melodiöse Stücke sein, die zu Mutter und ihrer Art zu spielen passen. Mit einer 71 Mann/Frau starken Orchesterbesetzung nahmen Williams und Mutter diese im großen Aufnahmesaal der SONY Pictures Studios in klassischer Live-Anordnung (Solistin direkt neben dem Dirigentenpult) auf.

So hören wir also weitestgehend romantisch konzipierte Stücke in hochwertig produzierter Klangästhetik.

  • Rey’s Theme (From “Star Wars: The Force Awakens”)
  • Yoda’s Theme (From “Star Wars: The Empire Strikes Back”)
  • Hedwig’s Theme (From “Harry Potter And The Philosopher’s Stone”)
  • Across The Stars (Love Theme) (From “Star Wars: Attack Of The Clones”)
  • Donnybrook Fair (Based On “Blowing Off Steam” From “Far And Away”)
  • Sayuri’s Theme (From “Memoirs Of A Geisha”)
  • Night Journeys (From “Dracula”)
  • Theme (From “Sabrina”)
  • The Duel (From “The Adventures Of Tintin”)
  • Luke And Leia (From “Star Wars: Return Of The Jedi”)
  • Nice To Be Around (From “Cinderella Liberty”)
  • Theme (From “Schindler’s List”)

Allein durch die Konzentration auf Solo-Violine entsteht schnell eine ganz eigene, wesentlich rohere, fast kammermusikartige Auslegung der nahezu durchgängig bekannten Stücke. Das Orchester hält sich bei einigen Solopassagen sogar vollkommen zurück, so dass HARRY POTTER streckenweise klingt, als reite der Teufelsgeiger Paganini auf einem Zauberbesen durch Hogwarth. Auch bei DONNYBROCK FAIR aus IN EINEM FERNEN LAND (1992) entfernt sich Mutters Solopfad sehr selbstbewusst von Williams großem, orchestralem Weg und gibt dem Stück fast noch mehr folkloristische Farbigkeit als das Original.

Ein echtes Highlight entsteht in dem morbid romantischen NIGHT JOURNEYS aus John Badham`s DRACULA (1979). Hier ergeht sich Mutters Stradivari in einem erregt wilden Liebesakt mit monumentaler Entladung im vollen Orchesterklang. Für mich das stärkste Stück dieses Albums. Hier entsteht eine wirklich leidenschaftliche Beziehung zwischen der Solistin und Williams Orchester. In SABRINA (1995) wird aus der eher heiteren Komödie ein brodelnd ungeduldiges Vorspiel auf mitternächtlich wilde Stunden unter freiem Himmel. Und in TIM UND STRUPPI (2011) haben wir es musikalisch eher mit blutrünstigen Rieseninsekten zu tun als mit einem animierten Kultreporter samt süßem Hund. Lediglich SCHINDLERS LISTE klingt fast schon wieder vertraut, da dieser Oscar prämierte Score von Williams ja bereits für Orchester und Itzhak Perlman’s leidenschaftlich um Erlösung betende Solo-Violine geschrieben wurde. Doch Anne Sophie Mutter findet ihre eigene, zarte Stimme gegen das unvorstellbare Grauen wider die Menschlichkeit.

John Williams Anne-Sophie Mutter

Fazit

So hören wir größtenteils wirklich neu klingende Versionen bekannter Stücke. Darüber hinaus noch einen sehr intimen Austausch zwischen einer Vertreterin der eher konservativen E Musik und einem frei agierenden Grenzgänger zwischen Klassik, Jazz und der alles verbindenden Macht hochwertiger Filmmusik. Ironischerweise wirkt Mutters Spiel hier fast befreiter als Williams stets souveräne Orchesterfärbung. Mit John Williams holt Anne-Sophie Mutter einen der ganz Großen ins musikalische Blickfeld von Liebhabern klassischer Solo- und Orchestermusik. Williams zeigt hier erneut, wie selbstbewusst er mit seinem eigenen Werk umzugehen versteht und wie er einer außerordentlichen Künstlerin das leicht hellere Scheinwerferlicht überlassen kann. Ein wahrer Gentleman und Meister des richtigen Tons. Klassikliebhaber kaufen daraufhin vielleicht auch mal eine komplette Filmmusik von Williams und reine Filmmusikliebhaber erkennen in Mutters Spiel die hohe Kunstfertigkeit und Ausdruckstärke klassisch ausgebildeter Solomusiker. Mit dieser Offenheit erleben wir vielleicht den ein oder anderen Film noch einmal neu und werden neugierig auf bisher vielleicht verborgene Tiefen.

ÜBER DEN STERNEN/ACROSS THE STARS, entsteht eine NEUE HOFFNUNG auf grenzenlose Liebe zur Musik. Wahrhaft große Musik kennt keine Grenzen, weder die der Leinwand noch die von Philharmonien und Musiklabels.

© Andreas Ullrich

Das CD-Cover

Veröffentlichungen:

  • mp3-Download
  • Audio-CD (VÖ 30.08.2019)
  • Doppel-LP (VÖ 27.09.2019)
  • Limitierte 10″ Vinyl mit den Stücken REMEMBRANCES und MARKINGS + Poster (VÖ 15.11.2019)

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