A Rainy Day in New York (2019) – Filmkritik

„Das Woody-Allen-Zählwerk“

Der Stadtneurotiker ist zurück, wieder einmal. Während die Filmwelt bei Tarantino akribisch mitzählt, macht sich bei Woody Allen schon keiner mehr die Mühe. Nach einer kurzen Recherche ist A RAINY DAY IN NEW YORK seine 51. Regiearbeit für einen Spielfilm. Mit dem Zählen seiner Oscarnominierungen, Drehbücher und Darstellerrollen möchte man gar nicht erst anfangen. Jedoch ist vielseitig nicht gerade das erste Wort, welches seine Filmografie beschreibt. Überwiegend sind es romantische Komödien mit einem typisch zynischen Biss im Dialog, vielen verschiedenen Charakteren und einer Hauptfigur, die im Prinzip immer wieder Allens Persönlichkeit wiederspiegelt.

Gatsby (Timothée Chalamet) // © 2019 Gravier Productions, Inc., Photo by Jessica Miglio

Einer seiner besten Filme der letzten Jahre ist BLUE JASMIN (2013), der auch in seiner Lieblingsstadt New York spielte. Mit A RAINY DAY IN NEW YORK hat er nach Jahren wieder ein Heimspiel und das mit einer für ihn ungewöhnlich frischen Besetzung in der Spieleraufstellung. Sonst bleibt alles beim Alten: jazzige Filmmusik, schnelle spitzfindige Dialoge, wenig Bildästhetik, eine kauzige männliche Hauptfigur und eine vertraute Story.

Ashleigh (Elle Fanning) bei ihrem Interview mit Regisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) // © 2019 Gravier Productions, Inc., Photo by Jessica Miglio

Handlung

Das junge Pärchen Gatsby (Timothée Chalamet) und Ashleigh (Elle Fanning) verlässt das ländliche und spießige Upstate Yardley College für ein Wochenende in New York. Ashleigh soll den berühmten Regisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) interviewen und Gatsby nutzt die Gelegenheit, Ashleigh seine Heimatstadt zu zeigen. Mit den 20.000 Dollar, die er beim Poker eine Woche zuvor gewonnen hat, will er seine Jugendliebe im Stile romantischer, alter Hollywoodfilme beeindrucken: Hotel mit Blick auf den Central Park, eine Kutschfahrt, exquisite Restaurants und Cocktailbars mit Pianospieler. Dass es regnen soll, passt noch viel mehr zu seiner Wunschvorstellung. Ashleigh gerät jedoch im Interview gleich ins dramatische Divaverhalten des Regisseurs und erlebt New York im aktuellen inzestuösen Filmbusiness. Vor allem die Männer verfallen Ashleighs ehrlichem, jungem Arizonacharme und die naive junge Dame lässt sich gern leicht beeindrucken. Das Wochenende läuft nicht wie geplant und Gatsby kann sich weder vor seiner Vergangenheit noch vor seiner Mutter verstecken.

A RAINY DAY IN NEW YORK
Gatsby (Timothée Chalamet) und Ashleigh (Elle Fanning) // © 2019 Gravier Productions, Inc., Photo by Jessica Miglio

Die Darsteller

Schauspielerinnen und Schauspieler, die etwas auf ihre eigene Filmografie geben, müssen einen Woody Allen-Film vorweisen können. Das Gute ist, dass seine Drehbücher immer ausreichend Rollen in allen Varianten zu bieten haben. Hier springt nun zum ersten Mal Timothée Chalamet (CALL ME BY YOUR NAME) in die Rolle des Stadtneurotikers mit unerschöpflichem Kulturwissen. Als Bonus gibt es die bekannten Schrulligkeiten und in diesem Fall noch eine romantische Selbsttäuschung zu der er gern bereit ist. Ach ja, eine extrem schwierige Beziehung zu seiner Mutter (Cherry Jones) gibt es auch.

A RAINY DAY IN NEW YORK
Ashleigh (Elle Fanning) beim Screening von Roland Pollards neuestem Film // © 2019 Gravier Productions, Inc., Photo by Jessica Miglio

Elle Fanning (SUPER 8, MARY SHELLEY) gehört zu einer der besten jungen Schauspielerinnen, die Hollywood gerade vorzuweisen hat. Nach THE NEON DEMON war den Feuilletons klar: Sie kann alles spielen. Leider bekommt sie hier eine doch recht plumpe, dumme – sagen wir einmal unerfahrene – Studentin ins Drehbuch geschrieben, die sie zwar ohne Makel meistert und ihr Sympathie verleiht, die aber am Ende schlicht zu eindimensional ist. Insgesamt erweckt A RAINY DAY IN NEW YORK vor allem den Eindruck, besonders seichten Frauenrollen gegenübergestellt zu werden. Als ob Allens Hauptfigur sowieso viel zu clever für die beschränkten Damen ist. Selena Gomez (SPRING BREAKERS, THE DEAD DON’T DIE) spielt eine Bekannte aus Gatsbys Schulzeit und ist die einzige Frau in diesem Ensemble, die sich nicht kaufen oder mit Fremdwörtern einschüchtern lässt. Aber das neckische Balzritual zwischen ihrer Shannon und Gatsby will nicht verzaubern und am Ende wird alles nicht nur sprichwörtlich im Kitsch ertränkt. Die männlichen Recken wie Diego Luna (ROGUE ONE), Jude Law und Liev Schreiber füllen dieses New Yorker Theaterstück mit Stereotypen der Filmszene, doch für richtige Lacher sorgt keiner. Sie werden auf kleiner Flamme zu Klischees im Filmbusiness reduziert.

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Ashleigh (Elle Fanning) und Drehbuchautor Ted Davidoff (Jude Law) // © 2019 Gravier Productions, Inc., Photo by Jessica Miglio

Fazit

Es bleibt am Ende nur Woody Allens satirischer Blick auf die Upperclass von New York und ein kleiner Seitenhieb auf die Filmbranche. Leider finden die jungen Darsteller kaum einen Zugang zu Allens Nostalgiestimmung und es kommt das Gefühl auf, Kinder seien durch die Kleiderschränke ihrer Großeltern gekrochen. Bei Dauerregen und Alternativlosigkeit an der Kinokasse bedingt zu empfehlen und für Allen-Filmografie-Komplettisten ein Platzhalter weiter hinten in der Vitrine.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewA Rainy Day in New York (2019)
Poster
ReleaseKinostart: 05.12.2019
RegisseurWoody Allen
Trailer
BesetzungElle Fanning (Ashleigh Enright)
Timothée Chalamet (Gatsby Welles)
Selena Gomez (Shannon)
Jude Law (Ted Davidoff)
Rebecca Hall (Connie)
Liev Schreiber (Roland Pollard)
Kelly Rohrbach (Terry)
Suki Waterhouse (Tiffani)
Annaleigh Ashford (Lily)
Diego Luna (Francisco Vega)
Cherry Jones (Gatsby's Mother)
DrehbuchWoody Allen
KameraVittorio Storaro
SchnittAlisa Lepselter
Filmlänge92 Minuten
FSKab 6 Jahren

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