A Quiet Place 2 (2020) – Filmkritik

„Vorlesung über die Ästhetik, Part II“

„Make every theatre a quiet place“,

flimmerte als clever – didaktische Werbekampagne zum Start von A QUIET PLACE im April 2018 über die deutschen Kinoleinwände. Primär diente diese Aufforderung zum „leise sein“ natürlich der Immersion des Zuschauers in die Filmwelt, in der das geringste Geräusch den Tod durch kratzige Kreaturen bedeutete. Auf der Metaebene war es zudem eine längst überfällige Erziehung in Sachen Kinoetikette, die vor Allem in den Multiplexkinos in den letzten Jahren stark degeneriert war. Und siehe da: Es wirkte. Man mag zu John Krasinskis Horrorfilm stehen wie man mag, die Auswirkung und sei es auch nur für diese spezifische Vorstellung gewesen sein, war in höchstem Maße positiv.

Emily Blunt und Regisseur John Krasinski am Set // © Paramount Pictures Germany

Durch die Reduktion auf das rein optische, also auf die klassizistische Rückführung auf das Kino in seiner Urform, dem Stummfilm, stach A QUIET PLACE heraus aus der Masse an Indie-Horrorfilm-Produktionen. Hier wurde nicht nur Genre betrieben, sondern, wie in allen herausragenden Filmproduktionen, auch etwas über das Medium an sich ausgesagt. Vor allem in den ersten 10 Minuten gelang das hervorragend, in der der Zuschauer ohne Vorwarnung und ohne Kontext in die Postbesuchswelt (um mal die Strugatzkis ins Spiel zu bringen) geworfen wurde. Diese Kraft, die ein Film ausstrahlen kann, bloß weil er sich zu weiten Teilen auditiven Erklärungen verweigert, sondern auf die Kraft seiner Bilder vertraut, ist immer wieder bemerkenswert (hervorragend gelingt dies ja auch Claire Denis). Braucht man eine Fortsetzung zu einem Film, der eigentlich nur für seine 90 Minuten existieren sollte und angenehm hoffnungslos endete? Nein, aber ja.

A QUIET PLACE 2 (2020)

© Paramount Pictures Germany

Wenn man es herunterbrechen will, dann waren im ersten Teil die ersten zehn Minuten herausragend und die folgenden 80 Minuten effektive, aber durchschnittliche Schockerkost. A QUIET PLACE 2 kehrt diese Gleichung um: effektive, aber durchschnittliche bis uninteressante Exposition und herausragende 80 Folgeminuten. Denn was zu Beginn des ersten Filmes so begeisterte, das ins kalte Wasser geworfen werden, wird im zweiten Teil über Bord geworfen. Wir sehen den Tag 1 der Invasion, also genau das, wonach kein Zuschauer je gefragt hat. Es ist dem (im Vergleich zum Vorgänger deutlich gestiegenen) inszenatorischen Können Krasinskis zu verdanken, wodurch der Moment der Invasion trotz seiner Überflüssigkeit maximal effektiv geschildert ist. Vater Lee (John Krasinski) schlendert durch eine etwas verwaiste amerikanische Kleinstadt, wodurch, ähnlich wie im Prolog von SHAUN OF THE DEAD, ironisch der Status Quo des Alltagslebens parodiert wird. War es denn vor der Apokalypse so wahnsinnig anders als in der Post-Zeit? Auch im hier, im „Normalen“, sind die Bürgersteige verlassen und die Kommunikation mit den Mitmenschen beschränkt sich auf ein höflich distanziertes Grummeln.

Evelyn (Emily Blunt) // © Paramount Pictures Germany

Schnitt in die Gegenwart: Nach den Ereignissen des ersten Teils besteht Familie Abbott nur noch aus Mutter Evelyn (Emily Blunt), Tochter Regan (Millicent Simmonds) und Sohn Marcus (Noah Jupe) sowie dem im Vorgänger geborenen Baby. Routiniert schlägt man sich durch die Welt, schließlich fand man in der Rückkopplung eines Lautsprechers ein effektives Mittel gegen die Invasoren. Die Klaustrophobie des ersten Teils öffnet sich im zweiten Teil für einen Streifzug durch die Postapokalypse und, wie uns das Genreklischeebuch wiederholt gelehrt hat: Das schlimmste Monster ist immer noch der Mensch.

A QUIET PLACE 2 (2020)

Evelyn (Emily Blunt) und Marcus (Noah Jupe) // © Paramount Pictures Germany

Auch wenn sich Familie Abbot zu Beginn von A QUIET PLACE 2 ein scheinbar sicheres Refugium in einem Kraftwerk aufgebaut hat (hier gibt es sogar einen schall- und luftdichten Bunkerschacht, in dem man gefahrlos kommunizieren kann) und mit Emmet (Cillian Murphy) sogar einen potentiellen Vaterersatz gefunden haben, zieht es Regan erneut hinaus in die Welt. In ihr schlummert die Hoffnung, es gäbe einen sicheren Ort, irgendwo da draußen, indem man bereits begonnen habe, eine neue Zivilisation zu errichten. Es ist also die schon in den Artus Epen gerne genutzte Begründung des verligens (ja das wird wirklich so geschrieben, das ist mittelhochdeutsch), der den Helden von der Sicherheit im Heim wieder in die barbarische Welt zieht. Denn ohne Abenteuer kann der Horrorfilm nicht existieren, die Figuren müssen zwangsweise irrationale Entscheidungen treffen, auf das überhaupt so etwas wie Plot einsetzen kann.

Zusammen mit Emmet macht sich Regan nun also wieder auf in die monsterverseuchte Welt, ihrem ganz persönlichen „green light“ entgegen.

Cillian Murphy // © Paramount Pictures Germany

Ein im wahrsten Sinne des Wortes wunderschöner Film ist A QUIET PLACE 2 geworden. Krasinski und DoP Polly Morgan schwelgen in den pornographisch detaillierten Schauplätzen, die immer mal wieder an die Werke eines Andrei Tarkowskij erinnern, vor Allem der Vergleich zu STALKER (1979) drängt sich geradezu auf. Jedes Bild ist ein beunruhigendes Gemälde, indem es der Imagination des Zuschauers überlassen wird, sich einen Reim auf die Dinge zu machen. Da liegen etwa Schuhe in blutigen Lachen auf einem Bahnsteig, oder, was der wohl stärkste Moment des Film sein dürfte, da steht ein Grabkreuz im Freien, dekoriert mit zahlreichen Gegenständen, die wohl all jenen gehörten, die im Überlebenskampf gefallen sind, denen durch diese Artefakte hier anonym – kollektiv und doch persönlich die letzte Ehre erwiesen wird.

A QUIET PLACE 2 (2020)

© Paramount Pictures Germany

Auch das Sounddesign verdient ausdrückliches Lob. Durch die allumwabernde Stille wiegt das Knirschen eines Kiesels, das Tropfen eines Wasserhahns umso mehr. Es dröhnt, wie manchmal nur die Stille dröhnen kann. Der eigentlich ausgelutschte bass- und dröhnlastige Hans-Zimmer-Gedächtnisscore erreicht in Kombination mit den eruptiven Geräuschausbrüchen maximale Effektivität. Schon lange war man im Kinosaal nicht mehr so bedacht, ja keinen Laut von sich zu geben, ja teilweise mit den Figuren die Luft anzuhalten. Experimente mit dem Sounddesign, (die gehörlose Regan verliert im Laufe der Handlung immer mal wieder ihr Hörgerät, wodurch die Diegese auch für den Zuschauer komplett stumm wird) mögen nicht wahnsinnig innovativ sein, werden von Krasinski aber wirkungsvoll eingesetzt.

Regan (Millicent Simmonds) // © Paramount Pictures Germany

Es sei den Produzenten oder dem bequemeren Festhalten an Deus-Ex-Machina-Konventionen geschuldet: Das positive Auflösen eines wirklich beklemmenden und hervorragend aufgebauten Spannungsmoments im Finale verschenkt A QUIET PLACE 2 doch einiges an Glaubwürdigkeit. Auch das etwas plumpe Arche-Noah-Motiv in der zweiten Hälfte berührt eher peinlich, sowie auch die reaktionär – konservative Grundhaltung des Films, indem das Konstrukt der Familie als das Allerheiligste angesehen wird, während handlungsbedingt eigentlich zu jeder Sekunde der Darwinismus propagiert wird.

Regan (Millicent Simmonds) // © Paramount Pictures Germany

Dennoch erhalten Genrefans hier eine Fortsetzung, die ihren Vorgänger mühelos übertrifft. Gerade die letzten Sekunden sind ein Musterbeispiel an subtilem Geschichtenerzählen. Im Gegensatz zum offenen Ende des ersten Teils, lässt sich hier ohne Probleme zusammensetzen, wie die Reise für die Überlebenden nun weitergeht. Es wäre wünschenswert, dass dies auch unausgesprochen bleibt und nicht durch einen dritten Teil ernüchternd in die Tat – oder in Zelluloid – umgesetzt wird.

© Fynn

Titel, Cast und CrewA Quiet Place 2 (2020)
Poster
ReleaseKinostart: 24.06.2021
ab dem 31.12.2021 auf UHD, Blu-ray und DVD

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RegisseurJohn Krasinski
Trailer
BesetzungEmily Blunt (Evelyn Abbott)
Millicent Simmonds (Regan Abbott)
Cillian Murphy (Emmett)
Noah Jupe (Marcus Abbott)
Djimon Hounsou
John Krasinski (Lee Abbott)
Lauren-Ashley Cristiano (Emmett's Wife)
Zachary Golinger (Emmetts Sohn)
DrehbuchJohn Krasinski
KameraPolly Morgan
FilmmusikMarco Beltrami
SchnittMichael P. Shawver
Filmlänge97 Minuten
FSKab 16 Jahren

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