A Beautiful Day Joaquin Phoenix Ekaterina Samsonov

A Beautiful Day – Filmkritik

Joaquin Phoenix perfekt in Szene gesetzt

Es ist lange her, dass ich von einer Filmfigur so begeistert war, aber nicht im Sinne von: Das ist eine Person, die ich gern einmal im wahren Leben kennenlernen möchte. Die Hauptfigur Joe in „A Beautiful Day“ ist interessant, komplex und geheimnisvoll, aber sie gehört nicht zu den Personen, mit denen man gern ein Bier trinken gehen möchte. Nein, man möchte sich mit ihm zusammensetzen und herausfinden, was seine Gedanken sind, welche Erlebnisse er gemacht und welche Motivation er hat. Dies aber mit dem nötigen Abstand, denn Joe, meisterhaft durch Joaquin Phoenix Leben eingehaucht, ist kein netter Geselle, er tötet für Geld und das nicht gerade zimperlich.

Inhalt „A Beautiful Day“

Joe hat seine Karriere beim FBI und Militär längst hinter sich gelassen. Seine Kleidung ist unauffällig, das Gesicht bewuchert von einem grauen Bart und seine Bewegungen sind unauffällig. Wären da nicht seine Augen, die bereits viel Schreckliches gesehen haben und den Willen wiederspiegeln bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, wenn es sein muss. Joe ist der Typ, den man als Retter bei einem Kidnapping anruft. Er befreit nicht nur die entführten Personen, sondern sorgt auch dafür, dass die Entführer ihren Job überdenken oder nie wieder auf Erden wandeln. Senator Vottos (Alex Manette) Tochter wurde entführt und alles deutet darauf hin, dass Nina (Ekaterina Samsonov) in einem Bordell festgehalten wird. Joe rettet sie routiniert und effektiv, findet sich jedoch danach in einem politischem Machtkomplott wieder, dem er kaum etwas entgegenzusetzen hat, außer sein Leben.


© Constantin Film

Bestes Schauspiel von Joaquin Phoenix

Es ist kein Geheimnis, dass Joaquin Phoenix ein toller Schauspieler ist. Allein diese drei Filme zeigen sein breitbandiges Spektrum von Persönlichkeiten: „Her“, „Walk the Line“ und „The Master“. Seine Rollen gehören meist Personen, die abseits der Gesellschaft stehen, es sind Einzelgänger. Selbst seine Interpretation von Johnny Cash zeigt einen Künstler, der nie wirklich in der Gesellschaft angekommen ist. Phoenix war für die Regisseurin und Drehbuchautorin Lynne Ramsay („We Need to Talk About Kevin“) die richtige Wahl für die Hauptfigur Joe. Es gibt kaum eine Szene bei „A Beautiful Day“, in der er nicht vorkommt. Seine reduzierten Bewegungen und die massive Erscheinung von Phoenix verstärken diese Präsenz noch um ein Vielfaches. Wir folgen ihm auf Schritt und Tritt, sind ganz nah bei ihm. Außer wenn er seinen „Job“ erledigt, dann rückt der Zuschauer weg und muss sich sogar in einer Szene mit der Sicht einer Überwachungskamera zufrieden geben, die meist im entscheidenden Moment zu einer anderen Kamera weiterschaltet.

Die perfekten Leerzeichen

Und da sind wir auch bei dem gestalterischen Mittel welches diesen Film zu einer intensiven Tour durch die illegalen Hinterzimmer von New York macht. Eine detaillierte Gewaltdarstellung wird man kaum zu Gesicht bekommen. Wenn Joe im Baumarkt einen Hammer kauft, geht schon die Fantasie mit den meisten von uns durch. Ich bin schon immer ein Verfechter davon gewesen, dass sich der Filmzuschauer immer auch anstrengen muss. Sei es mit einer anspruchsvollen Geschichte oder eben mit dem Auslassen von Handlungen und Szenen, so dass der Zuschauer seine Fantasie benutzen muss. Gleiches macht Lynne Ramsay in ihrem Drehbuch mit den Rückblicken in Joes traumatische Kindheit und seiner Zeit als Soldat im Kriegseinsatz. Diese Szenen geben eine Erklärung, warum er in seiner Brutalität soweit gehen kann. Dennoch gibt es ebenso Szenen, in denen er liebevoll mit seiner Mutter, gespielt von Judith Roberts, umgeht, auch wenn sie geistige Probleme hat. Die Grundlage für diesen Film gab die kurze Geschichte „You Were Never Really Here“ von Jonathan Ames von 2013. Ramsay hatte bereits bei der Umwandlung dieser Geschichte zu einem Drehbuch ein Foto von Pheonix am Schreibtisch hängen und war froh, ihn für die Hauptrolle zu besetzen. Dies hatte sich bei den Filmfestspielen in Cannes 2017 ausgezahlt. Joaquin Phoenix erhielt den Preis für den besten Hauptdarsteller und Lynn Ramsay für das beste Drehbuch.


© Constantin Film

Kamera und Musik schaffen Tiefe

Joes fehlende Emotionen, gleicht die bewegliche Kamera von Thomas Townend aus. Sie sorgt für eine realitätsnahe Begleitung, schafft eine der schönsten Unterwasserszenen seit langem und gewinnt der Stadt New York unverbrauchte Blicke ab.
Der Filmkomponist und Gitarrist der Band Radiohead Johnny Greenwood hatte bereits bei „Der seidene Faden“ bewiesen, über welches talentierte Spektrum er an Instrumenten verfügt. Bei „A Beautiful Day“ schafft er eine gelungene Balance von lässigem Hotline Miami-Soundtrack und bedrohlicher Spannung. Aber mit dem Stück „Tree String“ erzeugt er viel Gefühl für diesen ungewollten Helden und seine Gerettete. Ein wirklich schöne Komposition, die noch lange im Kopf weiterlebt.

 Fazit

„A Beautiful Day“ ist trotz der Zurücknahme von Gewalt ein äußerst düsterer Film, der einem das letzte bisschen Glauben an eine gesunde Menschheit wegnehmen kann. Wer sich darauf einlässt, wird eine der ungewöhnlichsten Filmfiguren dieses Jahrzehnts erleben. Der auf dem Kinoposter genannte Vergleich als „Taxi Driver des 21. Jahrhunderts“ ist etwas zu reißerisch, jedoch hat dieser Kinofilm sicher die gleiche Intensität wie sein 40-Jahre-alte-Großonkel.

Titel, Cast und Crew

A Beautiful Day (2017)
OT: "You Were Never Really Here"

Poster

A Beautiful Day Kinoplakat

Kinostart/
Veröffentlichung

ab dem 26.04.2018 im Kino

Regisseur

Lynne Ramsay

Trailer

Schauspieler

Joaquin Phoenix (Joe)
Nina (Ekaterina Samsonov)
Judith Roberts (Joes Mutter)
John Doman (John McCleary)
Alex Manette (Senator Votto)
Alessandro Nivola (Senator Williams)
Frank Pando (Angel)
Vinicius Demasceno (Moises)

Drehbuch

Lynn Ramsay

Romanvorlage

Novelle "You Were Never Really Here" von Jonathan Ames

Kamera

Thomas Townend

Musik

Jonny Greenwood

Schnitt

Joe Bini

Filmlänge

90 Minuten

FSK

ab 16 Jahren

 

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Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

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