„Nachrichtenmanege“
Je kleiner die Kameras Anfang der 2000er Jahre wurden, umso weiter drangen die Medien in unser Privatleben ein. Heute trägt jeder Hochleistungskameras in der Hosentasche und die clevere Software macht aus jedem zittrigen Amateurfilmer einen Profi. Macht uns das zu Akteuren der Nachrichtenwelt? Nein, denn auch diese Medienschaffenden brauchen eine Bühne, eine Story und im Fall von PRIMETIME ein Opfer, das gefilmt wird. Ein Publikum für so etwas findet man immer, je skandalöser, umso höher ist die Reichweite. PRIMETIME verhandelt auf Basis von wahren Begebenheiten die Frage, was solche Menschen hinter den Kameras antreibt. Geld und Ruhm sind sicherlich die großen Motivationstreiber, doch wenn es um eine ideelle Mission im Kampf gegen das „ultimative Böse“ geht, werden gesetzliche Grundrechte schnell außer Kraft gesetzt – der Zweck heiligt die Mittel. PRIMETIME von Lance Oppenheim stellt aber auch die Frage, wie sehr die Medien an der Entstehung von Skandalen überhaupt beteiligt sind.

Handlung
In der neuen amerikanischen Realityserie „To Catch a Predator“ werden mit Hilfe von Internetchats Pädophile angelockt. Kindlich aussehende Darsteller treffen darauf die Männer in gemieteten Häusern voller geheimer Kameras und Mikrofone. Jetzt schnappt die Falle zu. Moderator Chris Hansen (Robert Pattinson) betritt den Raum und liest besonders anstößige Teile aus dem Chatverlauf vor, danach greift die Polizei ein und verhaftet die Männer. Je anstößiger die Chats werden und je gruseliger die Männer wirken, umso höher sind die Einschaltquoten. Der neue Lockvogel Dan Plumb (Skyler Gisondo) sieht in der Rolle eines sexuell neugierigen Jungen endlich eine Chance, in die Schauspielgewerkschaft zu kommen. Die Grenzüberschreitungen scheinen ihn moralisch nicht zu kümmern.

Der Sender NBC räumt der Show immer bessere Sendezeiten ein und der Erfolg der Show steigt enorm. Doch dann scheint dem Team ein besonders einflussreicher Chatteilnehmer ins Netz gegangen zu sein. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um einen Mann in den höchsten Regierungskreisen handelt. Chris Hansen und seine Produzentin Andi (Merritt Wever) sehen jetzt ihren großen Durchbruch, doch dann geht einiges schief.

Mit elektronischen Halbbildern das Böse suchen
PRIMETIME ist im TV-Stil der 2000er Jahre gedreht. Mit viel Rauschen, schlechtem Kontrast und fehlender Schärfe wird das Publikum in dieses nebulöse Showbusiness versetzt. Ob durch diese visuelle Umsetzung alles realitätsnäher wirkt, mag individuell entschieden werden, aber über die komplette Filmdauer nervt es ab einem gewissen Punkt, besonders auf großer Leinwand. Robert Pattinson gelingt die Verkörperung des Moderators Chris Hansen hervorragend. Sein verspanntes Gesicht hält dem Dauergrinsen eines Nachrichtenmoderators stand. Man ahnt förmlich, dass er selbst auch etwas zu verbergen hat, auch wenn es „nur“ eine Affäre außerhalb der Ehe ist. Doch für den Prominenten mit Saubermannweste kann das zu einem Glaubwürdigkeitsverlust werden. PRIMETIME zieht mit der drohenden Aufdeckung des Ehebruchs, dem Konkurrenzabwerben der Produzentin Andi und dem Eintreffen eines sogenannten „Whale“ die Schlinge immer fester um die letzte große Falle, die das Filmteam gestellt hat.

Die Aktivitäten lassen zusehends nach. Alles läuft genau auf das Finale hinaus, was man bereits ahnt. Nicht nur die Scheinwerfer der Polizei und des Spezialkommandos sind auf das letzte Haus gerichtet, sondern auch die des Produktionsteams. Es eskaliert zu einer Shitshow. Selbst Kameras werden auf die Waffen der Polizisten montiert, um live dabei zu sein. Protagonist Hansen ist aber zum Ende hin immer mehr nur passiver Beobachter. Die Mischung aus texanischer Großwildjagd und der Chance auf Einschaltquotenrekorde lässt das Finale ohne Rechtsgrundlage eskalieren. Das mag vielleicht dezenter sein als erwartet, bleibt aber auch dank eines melodischen Telefonats im Gedächtnis. PRIMETIME entscheidet sich in der letzten Szene für die interessanteste Figur: „Lockvogel Dan“, der dann doch seine Art von prominentem Immunitätsstatus erhält. Ob es ihn nach Hollywood führt, bleibt ungeklärt.

Fazit
PRIMETIME ist visuell ein bisschen zu sehr im aktuellen Hype der Heimvideo-Optik angelegt. So richtig interessiert sich das Drehbuch auch kaum für seine Charaktere, die zu oft theatralisch im Raum stehen und meist nur darauf warten, dass es weitergeht. Man merkt schon sehr deutlich, dass es sich hier um das Spielfilmdebüt eines Dokumentarfilmers handelt. Nur die Kamera draufhalten, ist vielleicht doch etwas zu wenig fürs Kino.
Chefredakteur
Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter


