Der von ProSieben produzierte Thriller HEPZIBAH – SIE HOLT DICH IM SCHLAF (2010) entstand unter der Regie von Robert Sigl in Prag. Der Titel erinnert deutlich an eine Figur aus dem Harry-Potter-Kosmos und gerade die Grundstimmung dieses Franchises ist in Sigls Hexengeschichte deutlich spürbar: Die Jugendlichen im Internet-Zeitalter sind weiterhin der Magie zugewandt. Sigl ist häufig für das Fernsehen tätig – u. a. inszenierte er mehrere Episoden der Reihen TATORT und GEISTERJÄGER JOHN SINCLAIR, aber auch mehrere Filmfälle des True-Crime-Formats AKTENZEICHEN XY UNGELÖST. SCHREI – DENN ICH WERDE DICH TÖTEN! (1999) und DAS MÄDCHENINTERNAT – DEINE SCHREIE WIRD NIEMAND HÖREN (2001) sind gelungene deutschsprachige Varianten des amerikanischen Slasher-Thrillers, allerdings mit deutlichen Verweisen auf den italienischen Giallo: Dario Argentos Hexen-Film SUSPIRIA (1977) wird in HEPZIBAH ebenfalls mit einer blutigen Dolch-Szene zitiert.

Handlung
Die böse Hexe ist erwacht
Wird Dich holen
Gib gut acht
Wenn Du schläfst in dieser Nacht
Tick Tack Mitternacht
Seltsame Dinge geschehen in der Kleinstadt Selmen: Kurz bevor sie volljährig werden, leiden mehrere Jugendliche an einer merkwürdigen Schlaflosigkeit: In ihren Träumen erscheint ihnen eine Hexe, die sie schließlich in den Suizid treibt. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag erfährt die in Berlin lebende Kirsten (Eleanor Tomlinson), dass sie nach dem Unfalltod ihrer leiblichen Eltern adoptiert wurde. Sie kehrt nach Selmen zurück, um mehr über ihre eigene Vergangenheit und die des Ortes zu erfahren. Im Jahr 1509 wurde Hepzibah (Marketa Frosslova) von einer fanatisierten Menge als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Aufgrund eines Fluches soll sie alle hundert Jahre Selmen heimsuchen, um neun Menschen zu töten. Acht sind bereits gestorben.

Kirsten träumt im Hexenhaus
Als Gilman in dieser Nacht schlief, erstrahlte das violette Licht in ungekannter Stärke, die alte Hexe und das kleine Pelzwesen kamen ihm so nahe wie nie zuvor und quälten ihn mit unmenschlichem Gekreisch und teuflischen Gesten. H. P. Lovecraft, Träume im Hexenhaus
Wie bereits in LAURIN (1989) – einem Meisterwerk des poetischen Horrorfilms – nimmt Sigl in HEPZIBAH seine Stichworte aus der deutschen Schauergeschichte: Dornröschens hundertjähriger Schlaf ist das Resultat einer ungerechten Kränkung, die eine zauberkundige Frau erfahren hat. Die kleine südthüringische Stadt Germelshausen in der gleichnamigen Erzählung von Friedrich Gerstäcker (1840) verschwindet jeweils für hundert Jahre, um für einen Tag wieder zu erscheinen. Die wichtigsten Inspirationen aber waren NIGHTMARE – MÖRDERISCHE TRÄUME (A Nightmare on Elm Street, 1984) und BLAIR WITCH PROJECT (1999) bzw. deren Fortsetzungen, die wiederum moderne Hexengeschichten sind, mit Zitaten, die von Hänsel und Gretel bis hin zu H. P. Lovecrafts Erzählung „Träume im Hexenhaus“ (The Dreams in the Witch-House, 1933) reichen. Selmen mit seinen merkwürdigen Bewohnern erscheint ein wenig wie ein neuzeitliches Arkham, auch wenn die dortige Bücherei, in der Kirsten das Buch „Witches and Witchcraft“ erhält, selbstverständlich deutlich kleiner ausfällt als die Miskatonic-Universitätsbibliothek.

Hepzibah ist auf unheimliche Weise mit dem einsamen Wald von Selmen verbunden. Kinder singen nachts einen Zählreim mit einem ähnlichen Text, wie er auch in der Nightmare-Reihe vorkommt. Das Grundmotiv von HEPZIBAH ist diesen beiden Horror-Klassikern entlehnt: Elly Kedward, die Blair-Hexe und Freddy Krueger werden vom Mob getötet, später kehren sie zurück, um Rache an Kindern und Jugendlichen zu nehmen, die keine Schuld an dem Geschehen haben, aber an den jeweiligen Orten leben bzw. Angehörige der früheren Täter sind.
Freddy Krueger wird gelegentlich als Male Witch bezeichnet. Zu Beginn des sechsten Teils des Franchises imitiert er die Hexe aus dem Zauberer von Oz. In NIGHTMARE III – FREDDY KRUEGER LEBT (Dream Warriors, 1987) maskiert er sich als verführerische Liebhaberin, die einen Jungen ans Bett fesselt. Die Hauptfigur dieses Films heißt Kristen und Freddys Gebeine müssen gefunden und in ‘geweihter Erde’ bestattet werden.

Ähnliche Szenen finden sich auch bei Sigl, allerdings nur als Zitate, denn HEPZIBAH ist ein sehr eigenständiger Film. Ebenso ist er eine der vielen unterschätzten Fernsehproduktionen, die im Kino gezeigt werden sollten.
Literatur
- Lovecraft, Howard Phillips (2006): Träume im Hexenhaus. In: ders.: Das schleichende Chaos. Horrorgeschichten. Gesammelte Werke Band 3. Leipzig. S. 125-174.
- Stern, D. A. (1999): Blair Witch Project – Ein Dossier. München.
„Erste Horror-Begegnung mit der Alptraum-Sequenz aus NEVER CRY WOLF (1983), mag Unheimliches von den Gebrüdern Grimm bis Clive Barker, am liebsten auf der Leinwand, würde gerne einmal Nosferatu in Murnau sehen und Suspiria am Königsplatz, dazu Weißwürste mit süßem Senf, Soziologe und Kriminologe, Abschlussarbeit über SHINING und CANDYMAN (als Buch erschienen unter dem Titel „Zeichen der Gewalt“, Berlin 2015), Studienleiter bei der Interfilm-Akademie München (Projekte u. a. Kriminologische Filmreihe in Hamburg)“


