Prolog
In unserer Gegenwart, einen Film über Homers griechisches Epos mit diesem produktionstechnischen Aufwand, dieser Besetzung und in diesem teilweise analogen Spielprogramm in die weltweiten Kinos zu bringen, wäre ohne den fokussierten kreativen Weg Christopher Nolans unmöglich gewesen. Gestern noch im Kino und heute schon im hauseigenen Stream ist das aktuelle Kredo der großen Filmverleiher, um möglichst schnell das Filmbudget als Cashflow auf den eigenen Bilanzen zu haben. Shareholder lieben das. Universal Pictures geht mit Regisseur Christopher Nolan, Produzentin Emma Thomas und ihrem Produktionsstudio Syncopy für DIE ODYSSEE einen anderen Weg. Das muss man sich einmal vorstellen, dass im Streamingzeitalter, ein Jahr vor dem Kinostart, bereits Kinovorstellungen ausverkauft waren – so viel zum Cashflow. Das beweist nicht nur enormes Vertrauen in die Arbeit einer starken Stammcrew um Nolans Filmprojekte, sondern unterstreicht die Suche nach dem großen Kinoerlebnis aus dem goldenen Kinozeitalter mit Menschenandrang vor den Kinosälen als popkulturelles Ereignis für alle.

Um das ganze Projekt – vollständig auf 70-mm-IMAX-Filmkameras gedreht – „too big to fail“ zu machen, liest sich die Besetzung wie das „Who’s Who“ der populärsten Darstellerinnen und Darsteller aus diesem Jahrzehnt. Ca. 300 Millionen Dollar sollen allein in die Dreharbeiten geflossen sein (wahrscheinlich noch einmal dieselbe Summe für Marketing und Vertrieb on top). Teure und schwere Kameras mit dem wasserempfindlichen Material darin wurden auf Holzschiffen auf offener See montiert. Gleichzeitig flog ein riesiges Filmteam mit allen Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts in die letzten menschenleeren Gegenden wie Island, die Westsahara oder Italien und Griechenland, um eine der ältesten, mythischen Geschichten des Abendlandes im Kino nachzuerzählen. Das ist ganz schön viel Druck auf dem Kessel, nicht nur für alle die bei diesem Projekt in Vorkasse gegangen sind, sondern auch für die Fans, die an den ersten Tagen in die Kinos strömen werden. Sie fliehen aus unserer medialen, von Polykrisen geplagten Zeit und wollen eine der größten Abenteuergeschichten auf der Leinwand erleben.

Kapitel 1: Die Figuren
DIE ODYSSEE bringt eine derart detailgenaue Realität auf die Leinwand, dass einem nur schwindlig werden kann. Es ist ein bisschen ungewohnt, dass mit einer Fantasiegeschichte die Augen und Ohren des Publikums wieder geschärft und sensibilisiert werden. Jetzt erkennt man wieder die Jahrmarktsattraktionen, die sich in den letzten Jahren Blockbusterkino nannten. Gravitation, Meteorologie, Thermodynamik und Physik werden fühlbar. Den Darstellern wird durch den Wellengang der Boden unter den Füßen weggezogen und die bronzenen Rüstungen zeigen ihr Gewicht in den Bewegungen der Muskeln und prägen das Verhalten ihrer Träger. Immer wieder greifen sich die Soldaten an den Kragen, da das Metall an den Hals drückt, wenn man nicht kerzengerade steht. Nolan bringt seine Darsteller somit auch an ihre körperlichen Grenzen, schafft echte Umgebungen beim Dreh und ist von klimatisierten Greenscreen-Räumen meilenweit entfernt. Da bleibt nicht viel Platz zum Spielen für die Darsteller, wenn der eigene Körper ständig mit der lebensbedrohlichen Umgebung klarkommen muss. Das verleiht trotz der offenen Szenerie dem Spiel etwas Theaterhaftes.

Auch wenn die Besetzung zu Beginn mit ihrer Qualität und „Trendigkeit“ etwas nervt, gibt es viel zu entdecken. Zum Beispiel Agamemnon (Benny Safdie), dessen Gesicht im ganzen Film nie zu erkennen ist. Lupita Nyong’o spielt die (Halb)Schwestern Helena und Klytaimnestra mit Würde und List. Tom Holland als Telemachos und Zendaya als Athene lassen einen schon etwas mit den Augen rollen, da sie sich in bekanntem Rollenfahrwasser bewegen. Zendaya mit dem bekannten Stolz einer Rebellin und Tom Holland als Sohn, der versucht, sich gegen die Männer durchsetzen. Robert Pattinson als listiger Thronräuber Antinoos ekelt einen gezielt an und Jon Bernthal spielt als Menelaos eigentlich wie immer sich selbst. Spannend wird es bei den beiden größeren Frauenrollen um Matt Damons Odysseus. Charlize Theron spielt als Kalypso wunderbar die Kopfverdreherin, welche mit Drogen, Erinnerungslücken und einer ihr selbst innewohnenden Zeitlosigkeit perfekt in die Rolle passt. Anne Hathaway stiehlt als Penelope allen die Show und bringt durch ihre gut geschriebenen Monologe ein klein wenig Feminismus in diesen testosteronreichen Film unter. Ihre Figur sitzt schon seit Jahren auf dem leeren Thron. Hauptdarsteller Matt Damon gelingt es ohne sichtliche Mühe, den Film auf seinen Schultern zu tragen. Das wissen wir aus den Märchen: Der Held darf stets nur eine Leinwand sein, in die sich jeder hineinprojizieren kann.

Kapitel 2: Die Problematik des Führerkults und der Kriegstauglichkeit
Warum wird heute diese Geschichte aus der griechischen Antike erzählt? Die großen Nationen sind in der Hand von ein paar reichen, alten, weißen Männern, die einzeln das Schicksal von vielen Menschen beeinflussen. Odysseus ist hier auch ein Anführer, dem seine Männer zu gehorchen haben, auch wenn der Befehl noch so absurd ist. DIE ODYSSEE differenziert jedoch diesen Führerkult etwas. Eurylochos (Himesh Patel) darf durch seine Treue gegenüber Odysseus immer wieder Widerworte geben. Aber auch Odysseus hat einen Befehlsgeber, dem er im Krieg zu folgen hat: Agamemnon. Die Figur des Odysseus bekommt ihre Aura und Gefolgschaft durch ihre Fähigkeit, die Zukunft durch eine Prophezeiung vorauszusehen, aber auch trotz mangelnder Kraft und Größe durch Intelligenz (Trojanisches Pferd) und Präzision (Pfeil und Bogen) Sympathiepunkte zu erreichen. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass er auf seiner Irrfahrt recht passiv dem Sterben seiner Männer zusieht und sehr früh bereits dem Schicksal freien Lauf lässt. Jedoch wacht der Film aus diesem militärischen und prophetischen Schlaf zum Ende hin auf und bringt noch einmal die Zerrissenheit seiner Reise zum Ausdruck. Persönlichkeiten, die sich im Film entwickeln, sind essenziell.

Gleichwohl ist Odysseus ein Anführer und solchen Menschen wird mehr Vertrauen in Krisenzeiten entgegengebracht als sinnvoll wäre. Stärke wird in unserer Zeit immer noch durch Mut, Entsagung, Schmerzbereitschaft und hartem Durchgreifen definiert. Somit ist es wenig zeitgemäß, dass der „Kriegsdienstverweigerer“ Antinoos auch zum Schurken in dieser Geschichte wird, auch wenn sein mutiger Ersatzmann durch die Rolle von Elliot Page etwas zeitgenössische Stärke erhält.

Kapitel 3: Zivilisation in Zeiten des Postkolonialismus
Kommen wir zum Herzen dieser Reise als Sinnbild für unsere Gegenwart. Nach wie vor erlauben sich die größten Volkswirtschaften dieser Welt den alleinigen Anspruch darauf, alles richtig zu machen, über das richtige Regierungssystem zu verfügen, die korrekte Wirtschaftspolitik zu fahren, kulturell am höchsten entwickelt zu sein und nach der richtigen Religion zu leben. Der Trojanische Krieg hinterlässt aber einen irritierten Führer, der seiner Pflicht im Krieg nachkam, aber nicht in die Heimat zurückkehren kann. Dort wird bereits seine Frau von Freiern bedrängt und sein Hof seiner Ressourcen beraubt. Dank „Zeus‘ Gesetz“ kann er sich auf die Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden verlassen und erhält überhaupt erst die Möglichkeit, zurückzukehren. Es ist sehr auffällig, wie sehr in DIE ODYSSEE der Fokus auf dieses „Gesetz“ gelegt wird, um dem aktuellen Trend rechter Politik gegenüber „Fremden“ etwas Moralisches entgegenzusetzen. Odysseus profitiert von Hilfsbereitschaft und Solidarität, auch wenn er Jahre zuvor noch dabei geholfen hat, eine Zivilisation zu vernichten und in die Sklaverei oder den Tod zu treiben.

Die Erkenntnis Odysseus‘ nach dem Kampf in der Mnesterophonia gegen die Freier seiner Frau auf das Weltgeschehen, dem er dienlich war, bringt den typischen Nolan Twist zutage. Auch wenn sich die Zeitlinien und parallelen Handlungsstränge nicht so genau auf diesen Moment fokussieren wie in seinen vorherigen Filmen wie zum Beispiel in INTERSTELLAR (2014) oder THE PRESTIGE (2006), bekommt das Publikum dennoch einen Aha-Moment inklusive Interpretationsmöglichkeit für unsere Gegenwart.

Fazit
Die Erwartungen waren enorm und verursachen bei der ersten Sichtung ein paar Brüche im Unterholz. Diesen Bogen zu spannen, war nicht leicht. Die Aufgabe ein kostenintensives Fantasy-Epos mit der besten Kameratechnik, mit der authentischsten Produktionstechnik möglichst analog, den bekanntesten Schauspielern und der aktuell modernsten Übersetzung dieser griechischen Sage zu realisieren, ist auf jeden Fall gelungen. Es ist jedoch ratsam, das alles vor dem Kinobesuch einmal hinter sich zu lassen, zu versuchen, sich auf die Geschichte einzulassen und was sie einem selbst im Jahre 2026 bedeuten mag. Eine zweite Sichtung ist unverzichtbar, um den Film unbefangener erleben zu können. Reisen sind ohne vorherige Aufregung immer besser.
Chefredakteur
Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter


