Viele Erwartungen lasten auf ALPHA. Julia Ducournau hat vor vier Jahren mit ihrem alle Grenzen überschreitenden Geniestreich TITANE Cannes gerockt und in der Dankesrede nach dem Gewinn der Goldene Palme gesagt: „Danke, dass Sie die Monster herein gelassen haben!“ Ihr Nachfolgefilm ist kein (body) horror, aber Ducournau blickt erneut auf das Fleisch.
Alpha (Mélissa Boros) lebt als Dreizehnjährige in Paris. Ihre pubertären Experimente sorgen ihre alleinerziehende Mutter (Golshifteh Farahani), eine Ärztin. Die Oma beklagt das Vergessen der Berber-Traditionen in der Diaspora, der drogensüchtige Onkel Amin (Tahar Ramin) crasht die Wohnung. Trotzdem ist die Familie im Grunde intakt. Zu Beginn wird nebenbei erzählt, dass wir uns in den Achtziger Jahren befinden. Alle haben Angst vor einer neuen, unheimlichen Krankheit. Kaum denkt man dabei an Aids, bricht das Fantastische herein. Die Epidemie ist visuell so dramatisch, dass sie einen viel stärker packt als jeder Realismus. Ein wenig erinnert das Ganze an den bizarren Film ELSE (2023), in dem alles miteinander zu verwachsen beginnt, Menschen, Tiere, Gegenstände, Häuser. ALPHA geht dabei aber viel kunstvoller vor, mehr mit dem Skalpell als mit dem Hammer, obwohl auch hier eine Ahnung der Apokalypse über dem Geschehen liegt.

Alle Figuren ringen mit sich und der Welt, hier gibt es keinen klassischen Bösewicht, den die Heldin überwinden muss. Dies ist auch kein „Aidsfilm“ oder „Migrantenfilm“. Diese Themen begleiten Alphas Coming-of-Age im Hintergrund und kommen einem auf diese Weise viel näher als bei so manchem Film, der sie wie eine Monstranz vor sich her trägt.

So perfekt wie TITANE ist ALPHA freilich nicht. Selbst Ducournau ist die fantastische Komponente hier nicht immer geglückt, am Ende wird es ein bisschen viel Symbolik. Die Rückblenden geraten etwas verwirrend, da nur Alpha jünger aussieht, die Erwachsenen dagegen wie in der Gegenwart. Das mag aber auch Absicht sein, gegen Ende verwischen die Zeitebenen sowieso. Die einzelnen Szenen konstruiert Ducournau weiterhin hervorragend, das beherrscht sie meisterlich. Auch die Effekte sind sehr überzeugend und halten den Film auf einer realistischen Ebene. In ALPHA gibt es deutlich weniger Gewalt als in TITANE, Musik wird immer wieder pointiert eingesetzt. Der Anfang und das Ende sind in roten Wind getaucht.
Synecdoche New York, Los amantes del Círculo Polar, Melancholia, La mala educación, Underground, Grand Budapest Hotel – noch Fragen?


