Horrorfilm? Psychothriller? Wohl beides. Jonathan Demmes virtuose Adaption von Thomas Harris’ gleichnamigem Roman (1988) ist die zweite von insgesamt fünf Kinogeschichten (plus TV-Serie) um den aus der Popkultur nicht mehr wegzudenkenden Psychiater und Gourmet-Kannibalen Dr. Hannibal Lecter. Demmes Verfilmung, ikonisch und stilbildend für das Kino der 1990er Jahre, macht zwei entscheidende Dinge, die ihn als unsterblichen Klassiker herausstellen.
Erstens: die generelle Umsetzung der Romanvorlage und die gesamte Bild- und Tongestaltung (Oscars „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Bestes adaptiertes Drehbuch“). In entseelt-trüben Bildern betreten wir an der Seite von FBI-Agentin Clarice Starling (Jodie Foster) die Welt des Films. Durchgängig entziehen Demme und sein leitender Kameramann Tak Fujimoto den Bildern die Farben. Alles wirkt so hoffnungslos trist und grau. Der größtenteils filigrane, auch dissonante Score von Howard Shore muss hierzu als passende Ergänzung gesehen werden, nicht zuletzt, wenn er doch noch ein dezent melodisches Titelthema hervorbringt, das dem Film beinahe eine dunkle Märchenstimmung verleiht. Darüber hinaus gilt der unmittelbare Blick, ein Wurf ins kalte Wasser – einfach fulminantes, unmittelbares Kino der Bilder. In seiner Einführung zum Dekaden-Band „Filme der 90er“ (Taschen) schreibt Herausgeber Jürgen Müller hierzu über „unsichtbare“ und „implodierende“ Bilder, dabei immer auch Bilder von großer visueller Kraft.

Dies ist nicht erst auf das in extremem Hell-Dunkelbereich vollzogene Finale zwischen Nachtsichtästhetik und Parallelmontage anzuwenden. Vielmehr gilt die gesamte Ausarbeitung der filmischen Topographie von DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER mithilfe sorgfältig konzipierter Kameraeinstellungen und -bewegungen in, aus und durch Räume hindurch. Starling, bereits zu Beginn als einzige Frau zwischen männlichen FBI-Kollegen im Fahrstuhl zu sehen, beschreitet einen zutiefst unsicheren Weg in einer Männerwelt unterschiedlicher Ausprägung. Die Fallsuche – zugleich persönliche Sinnfindung – nach dem Killer vollzieht sich entlang von verschiedenen Etappen, räumlich und seelisch: ein morbides Labor, riskante, dunkle Seitenwege, eine Sumpflandschaft, in der man den Tod förmlich riecht oder die Kellerfestung von Buffalo Bill, wie der Frauenmörder Jame Gumb (Ted Levine) auch tituliert wird. Und nicht zuletzt die unvergesslichen Gespräche mit dem assistierenden Bösen in Menschengestalt: Anthony Hopkins in der Rolle seines Lebens als der überaus gefährliche, da hochintelligente Dr. Hannibal Lecter.

Pakt mit dem Teufel
Als „allgegenwärtiger Blick“ wurden insbesondere die Dialoge zwischen Lecter und Starling in den wohldosierten, perfekt gespielten Gefängnisszenen umschrieben. Diese augenscheinlichen Zwischenstationen, die Starling eigentlich zur Unterstützung ihres Falls dienen sollen, entwickeln sich schon bald zu den eigentlichen Höhepunkten des Films. Das ist der zweite, entscheidende Punkt dieses Werkes, was keine Adaption davor und danach so treffsicher umzusetzen vermochte (weder Michael Manns stilsicherer MANHUNTER aus dem Jahr 1986 noch die Fortführung bzw. Rückblende HANNIBAL und ROTER DRACHE ab 2001). Demme visualisiert den teuflischen Pakt zwischen der Ordnungshüterin und dem Menschenmonster Dr. Lecter wiederholt als Duell der Blicke und Worte. Die Augen des berüchtigten Inhaftierten bohren sich tief in die seiner Gegenüber – Beider Blicke wiederholt direkt in die Kamera und somit auf die Zuschauenden gerichtet – und dessen scharfsinniger, finsterer Geist beißt sich unumkehrbar in die Gedanken der Agentin. Die Dynamik dieses reizvollen Psychospiels fußt auf geradezu kindlicher Neugier: zeigst du mir deins, zeig ich dir meins. Lecter drückt es entsprechend bildungssprachlich aus, meint aber genau dies: „Quid pro quo, Agent Starling!“ Mit diesem zweiten „Killer im Kopf“ wird für die junge, aufstrebende Frau die Wahrheitsfindung, der Weg ins Licht, letztlich erst möglich. Die perfekt choreografierten Dialoge durch eine Trennwand aus Glas lassen diese Grenze auf bildsprachlicher Ebene beinah verschwinden. Starling und Dr. Lecter befinden sich – und wir mit ihnen – in ein und demselben Raum, der sich als beklemmender und zugleich aufrichtiger Ort der Gedanken entpuppt. Die Geschichte um die „schreienden Lämmer“ und die daraus hervorgehenden Zeichnungen – Huldigungen Lecters an Starling – wirken nach Thomas Elsaesser als „eine Art gnostische Parabel“ (Elsaesser: Hollywood Heute, 2009, S. 141).

Das ist das Großartige, Zeitlose an dem Film, das uns auch beim wiederholten Anschauen immer wieder in den Bann zieht. Clarice Starling, gefangen in einer Männerwelt, wie sie sich aus dieser herausarbeitet. Den Rahmen setzt ihr Chef Jack Crawford (Scott Glenn) beim FBI, der Starling zwar fordert und fördert, sie aber vorrangig als Lockvogel benutzt. Im visuell überragenden Finale – förmlich im Dunkeln tappen, diese schwarze Finsternis auch körperlich überwinden – gegen den Killer Buffalo Bill. Starling bleibt umringt von Männern, und ausgerechnet der perfideste von ihnen, Lecter, der aber ihre Ehrlichkeit und Unschuld erkennt, verhilft ihr zum Erfolg. „Die Welt ist schöner mit Ihnen darin“, haucht er ihr übers Telefon zu: ein Pakt mit dem Teufel, diesen gewähren zu lassen, weil auch er sie respektiert. Das alles ist kongenial gespielt von Foster und Hopkins – und zurecht jeweils mit dem Oscar prämiert, als dieser zeitweise wirklich viel bedeutete.
DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER ist mehr Thriller als Horror. Doch vermittelt die ikonische Präsenz um Hannibal Lecter, dessen schiere Allgegenwärtigkeit, geradezu universale Qualitäten des Schreckens. Dieses Menschlich-Monströse lehrt uns Zuschauer nachhaltig das Fürchten. Anthony Hopkins, das ist weitgehend bekannt, zog während der Dreharbeiten keine Grenze zwischen Method Acting und Privatleben: Jodie Foster bekam auch abseits des Sets Angst vor ihm und seine Frau ließ sich in dieser Zeit von ihm scheiden. Näher können fiktiver und realer Horror beim Film wohl kaum beieinander liegen.

Das Mediabook von capelight pictures
Ein absolutes Meisterwerk verdient eine optimale Auswertung im Heimkinobereich, daran besteht kein Zweifel. Warum dies mit der neuen Veröffentlichung von capelight pictures nur in Teilen gelungen ist, lest Ihr hier. Zunächst zum Schönen: Bild und Ton werden bestmöglich präsentiert, da der Film nun in brillantem 4K auf UHD vorliegt und endlich auch der deutsche Ton korrigiert wurde. Getreu dem Quellmaterial, 35-Millimeter-Negativ, samt korrektem Farbabgleich wie einst im Kino, sah DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER nie besser aus. Das Filmkorn bleibt angenehm sichtbar, das Bild besitzt Tiefe, die Details auf Gesichtern und Objekten sind herausragend, dabei nicht überzeichnet. Wer Starling und Lecter wirklich tief in die Augen sehen will, der kommt an der UHD nicht vorbei. Alle europäischen Vorgängerformate können aus der Sammlung weichen, man wird kaum wieder eine DVD oder Blu-ray – sofern es nicht die Edition der Criterion Collection ist – in den Player legen. Der Ton kommt in Englisch und Deutsch jeweils im DTS HD Master Audio 5.1 sowie im originalen Kinomix Dolby Stereo, hier als PCM Stereo 2.0, bestens in unser Gehör. Dabei wurde der deutsche Ton originalgetreu verbessert, also Fehlstellen bzw. Verschiebungen justiert sowie die Tonhöhe endlich korrigiert.

Der Film liegt auf 4K UHD und Blu-ray vor, die ebenfalls das restaurierte Master präsentiert. Auf diesen beiden Filmscheiben sind jeweils ca. 15 Minuten an Teasern, Kinotrailern und TV-Spots zum Hauptfilm vorhanden. Ansonsten nutzen die Filmdaten die Speicherkapazitäten des jeweiligen Mediums optimal aus. Die Extras – mehr als vier Stunden – befinden sich gesammelt auf einer separaten Blu-ray. Sehr schade ist, dass auf den Filmdiscs keinerlei Audiokommentare angeboten werden. Vier hätten es werden können, einer wäre Pflicht gewesen zu diesem bedeutenden Film. Da existiert zum Beispiel seit 1994 via The Criterion Collection (USA) der herausragende Audiokommentar unter Beteiligung von Regisseur Jonathan Demme, Foster und Hopkins, Drehbuchautor Ted Tally sowie dem früheren FBI-Agenten John Douglas. Hier bleibt die Criterion Doppel-Blu-ray, die weitere exklusive Interviews und Essays bietet, unersetzlich. Spezial-Tipp: Man kann diesen Kommentar auch auf YouTube anhören und den Film dabei laufen lassen. Die beiden Audiokommentare der britischen Arrow Edition (2024), darunter ein noch recht junger von Tim Lucas (übernommen von der Kino Lorber Edition, 2021) sowie ein ganz neuer von Elizabeth Purchell und Caden Mark Gardner konnten ebenfalls nicht lizensiert werden. Kurios war hierzulande die Ankündigung, dass Filmjuwelen eigentlich im Juli 2025 den Film im 4K- plus Blu-ray Mediabook mit deutschem Booklet und Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen hätte herausbringen wollen, was dann aber sehr knapp vor Release annulliert wurde. Man vermutete Lizenzprobleme. Mit der Ankündigung durch capelight für Herbst 2025 wurde dieses deutsche Bonusmaterial gestrichen. Auch um alternative neue Beiträge, Features oder ein Audiokommentar, wurde sich nicht bemüht.

Die Bonus-Blu-ray (Disc 3) beinhaltet folglich den Großteil des international bereits bekannten und meist mehrfach veröffentlichten Zusatzmaterials, darunter das gut einstündige Making-of „Inside the Labyrinth“ sowie zahlreiche Interviews und Featurettes zu den Hintergründen, aus den Jahren 1991, 2001–2008 und 2024. Der Übersicht halber hier als Auflistung:
- Jonathan Demme & Jodie Foster (dreiteilige Feature-Reihe von Laurent Bouzereau (2005)*:
The Beginning (16:10 Min.)
Making The Silence of the Lambs (27:06 Min.)
Breaking the Silence (9:13 Min.) – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen, spielfilmlangen Bild-im-Bild-Track voller Trivia und Hintergründe, der hier nicht mehr enthalten ist - Inside the Labyrinth: Making of The Silence of the Lambs (66:25 Min.) – Archiv Making-of (2001)
- Page to Screen*:
A Wealth of Talent (19:40 Min.) & Preparation and Authenticity (21:27 Min.) – zweiteiliges Archiv-Feature aus der „Bravo television series“ (2002) - Scoring the Silence (16:00 Min.) – Archiv-Interview mit Komponist Howard Shore (2004)
- Making-of-Featurette (1991) (8:07 Min.)*
- Healing Humanity (16:16 Min.) & Through Her Eyes (8:19 Min.) – zwei aktuelle Visual Essays (2024)
- Understanding the Madness (19:32 Min.) – Archiv-Featurette mit FBI-Beteiligten (2008)
- Deleted Scenes (20:31 Min.)
Zusätzliche Deleted Scenes (20:57 Min.) – vom VHS-Workprint
Outtakes (1:45 Min.) - Anthony Hopkins’ Phone Message (0:34 Min.)
Englisch DD 2.0 Stereo, optionale deutsche UT, Full HD, *DD 1.0

Der große Vorteil etwa gegenüber der Arrow-Edition – obschon diese mehr Bonus bietet – ist wie erwähnt das Aufteilen von Hauptfilm und Extras auf mehrere Scheiben. Bei Arrow packte man – entweder bei 1x UHD oder, noch schlimmer, 1x Blu-ray – tatsächlich alles auf eine Disc.
Verpackt ist das Ganze bei capelight stilvoll in einem hochqualitativen, dicken Mediabook mit wahlweise einem der beiden Originalmotive (international oder US-Plakat) als Cover sowie dezenter Spotlackveredelung beim Schriftzug und Totenkopfschwärmer. Das wirkt klassisch und robust, passt sehr gut zum Film. Lesenswert ist das 48-seitige Booklet. Die fehlende Analyse durch nicht vorhandene Audiokommentare wird hier etwas aufgefangen durch drei verschiedene Texte von englischsprachigen Autor*innen, die exklusiv ins Deutsche übersetzt wurden. Diese Texte wurden im Original erstmals im Booklet der Arrow Collector’s Edition (2024) veröffentlicht. Alexandra West analysiert auf 15 Seiten (stets eingebunden in ein großzügig bebildertes Layout) die Ästhetik der Überwachung und Blickdramaturgie in DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER. Sam Moore, Mitkurator der Transgender-Lesereihe TISSUE, widmet sich auf neun Seiten der Serienkiller-Figur Buffalo Bill und beleuchtet dabei dessen Wirkung auf die übrigen Figuren bzw. seine „Beziehung“ zu ihnen. Abschließend resümiert Geisteswissenschaftler Josh Nelson auf zehn Seiten das bei Veröffentlichung stark diskutierte Gewaltpotenzial des Films. Der vierte Text der Arrow-Edition, von Autorin Alexandra Heller-Nicholas, wurde nicht übernommen.
Das Bonusmaterial läuft zusammengenommen wie erwähnt über vier Stunden. Nimmt man das weitere (audiovisuelle) Zusatzmaterial dazu, was bereits weltweit erhältlich ist, fehlen hier immer noch etwa sieben Stunden an Bonus – potenzielle neue Specials noch nicht berücksichtigt.

Fazit
Mit der Mediabook-Veröffentlichung von DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER liegt eine auf technischer Seite überaus erfreuliche, wenn auch insgesamt nicht überragende Edition vor. Zwar übertrifft sie in ihrer Gesamtheit alle bisherigen Editionen, steht aber in der Tradition der jüngsten Upgrade-Sammlereditionen: einen Großteil an Bonus lizensieren, das Wichtigste (Bild, Ton) verbessern, dabei aber keine Ausschöpfung des Zusatzmaterials. Am Ende reicht vielleicht die Single-UHD-Scheibe, sofern man bereits Editionen mit Extras zuhause hat. Der Film selbst bleibt natürlich über alle Zweifel erhaben. So schön konnte man Jonathan Demmes Meisterwerk noch nie im Heimkino erleben. Mit vier von fünf Fluxpunkten eine deutliche Empfehlung.
| Titel, Cast und Crew | Das Schweigen der Lämmer (1991) OT: The Silence of the Lambs |
|---|---|
| Poster | ![]() |
| Release | seit dem 06.11.2025 im 3-Disc Mediabook (Ultra HD Blu-ray + Blu-ray), 3-Disc Steelbook und auf Blu-ray und DVD erhältlich. Direkt beim Label bestellen. |
| Regie | Jonathan Demme |
| Trailer | |
| Besetzung | Jodie Foster (Clarice Starling) Anthony Hopkins (Dr. Hannibal Lecter) Scott Glenn (Jack Crawford) Ted Levine (Jame Gumb/„Buffalo Bill“) Brooke Smith (Catherine Martin) Anthony Heald (Dr. Frederick Chilton) Diane Baker (Senatorin Ruth Martin) Kasi Lemmons (Ardelia Mapp) Charles Napier (Lt. Boyle) Tracey Walter (Lamar) Roger Corman (FBI-Direktor Hayden Burke) Ron Vawter (Paul Krendler) Danny Darst (Sgt. Tate) Frankie Faison (Barney Matthews) Paul Lazar (Pilcher) Dan Butler (Roden) Chris Isaak (SWAT-Einsatzleiter) Obba Babatundé (Fernsehmoderator) Alex Coleman (Sgt. Jim Pembry) Daniel von Bargen (SWAT-Mitglied) George A. Romero (FBI-Agent in Memphis) Masha Skorobogatov (Clarice Starling als Kind) Gene Borkan (Oscar) |
| Drehbuch | Ted Tally |
| Musik | Howard Shore |
| Kamera | Tak Fujimoto |
| Schnitt | Craig McKay |
| Filmlänge | 118 Minuten |
| FSK | ab 16 Jahren |
Liebt Filme und die Bücher dazu / Liest, erzählt und schreibt gern / Schaltet oft sein Handy aus, nicht nur im Kino / Träumt vom neuen Wohnzimmer / Und davon, mal am Meer zu wohnen


