„Das Leben als Muse“
Aktuell erleben wir jede Menge künstlich erzeugte Realitäten in unserer Medienwelt. Nichts hat mehr einen Anspruch auf Echtheit. Drehen wir die Zeit etwas weiter zurück ins 16. Jahrhundert, waren die Menschen an einem ähnlichen Punkt. Bücher galten noch nicht als Massenmedien in allen Gesellschaftsschichten und das Theater begann sich erst zu etablieren. Wie komisch das gewesen sein muss, sich in dieser Zeit zum ersten Mal ein Schauspiel anzusehen und Poesie zu hören. Sicher, die Menschen haben sich gegenseitig schon immer Geschichten erzählt, aber eine Bühne, Schauspielerinnen und Schauspieler, Kostüme und Dramaturgie an einem Ort müssen die Wahrnehmungen förmlich hinweggefegt haben. HAMNET von der Ausnahmeregisseurin Chloé Zhao zeigt diese wesentliche Veränderung des Geschichtenerzählens in einem Kinofilm. Kino, etwas das in den letzten Jahren durch permanent verfügbare Streamingdienste immer mehr ein dunkler Ort des konzentrierten Erlebens wurde. HAMNET ist gerade hier pure Emotion, Magie und die Liebe zum Leben, auch wenn es uns immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert, die uns an dem Sinn des Weiterlebens zweifeln lassen.

Handlung
Ende des 16. Jahrhunderts lebt Agnes (Jessie Buckley) in der ländlichen Region Großbritanniens auf dem Hof ihres Bruders und seiner Frau. Sie gilt als etwas ungewöhnlich, weil sie lieber ihre Zeit in den Wäldern verbringt und von ihrer verstorbenen Mutter einige kleine Gesetze des Zusammenlebens mit der Natur erlernt hat. Auf dem Hof der Familie wird ein Lateinlehrer für die Kinder angestellt. William Shakespeare (Paul Mescal) ist von dieser Aufgabe unterfordert, aber er verliebt sich auf den ersten Blick in Agnes, als sie durch den Garten streift. Beide finden leidenschaftlich zueinander. William trotzt der Karriere seines Vaters als Handschuhmacher und will Theaterstücke schreiben. Doch das geht nicht in dieser Gegend, da es weder ein Theater noch interessierte Bewohner gibt. Agnes und William heiraten gegen den Willen seiner Eltern und William zieht allein nach London, um dort seiner Berufung zu folgen, während Agnes stets mit der Natur verbunden bleiben will und in ihrer Heimat ihre Kinder aufzieht. Doch das Schicksal hat andere Pläne, die sich in Agnes‘ Visionen bereits andeuten.

Autobiografisch fiktiv
Gab es da nicht ein Stück namens Hamlet von William Shakespeare? In der Tat. Über das Privatleben des berühmten britischen Schriftstellers ist jedoch wenig bekannt, was die Schriftstellerin Maggie O’Farrell nutzte, um mit ihrem Roman „Hamnet“ die Leerstellen literarisch zu füllen. Nicht mit dem Fokus auf den gepeinigten Schriftsteller, sondern aus dem Blickwinkel seiner Frau Agnes. Das ist nicht nur wegen altbackener Rollenbilder interessant, sondern vor allem, weil O’Farrell in den wenigen historischen Daten, die bekannt sind, eine Art moderne Familienkonstellation entwickelt, ohne typische Konflikte zu wiederholen.

Der Film HAMNET legt ebenfalls seinen Schwerpunkt auf diese Beziehung, in der der Mann seiner künstlerischen Berufung folgt und nach London geht, ohne die bekannten Vorwürfe der zurückgebliebenen Ehefrau, mögliche Untreue oder das Erkalten der Liebe. Davon ist in HAMNET nichts zu sehen. Das Leben in dieser Zeit wird mit Bildern des Alltags, des einfachen Tagesablaufs und immer wieder mit der Verbundenheit zur Natur gezeigt. Die Natur hat in HAMNET einen besonderen Stellenwert. Agnes blickt auf sie mit fast schon religiöser Ehrfurcht. Es ist die Welt, in der sie lebt und von der sie lebt. Dieses Wissen gibt sie auch an ihre Kinder weiter. Die Schwiegereltern mit ihrem kalten, dunklen Haus im Ort, können dem wenig entgegensetzen.

Das Leid als Muse
Doch damals erreichten viele Kinder nicht das Erwachsenenalter, und gerade in dieser Zeit zogen Wellen der Beulenpest, des Schwarzen Todes, durch die Gesellschaft. Hier werden fiktive Verbindungen zwischen geschichtlichen Momenten hergestellt, um eine spannendere Handlung zu erhalten, obwohl aus Shakespeares Lebenszeit nur wenige Pestepidemien überliefert sind. Heute mag man abfällig auf die hohe Kindersterblichkeit der damaligen Zeit blicken: Vielleicht haben die Eltern ihre Kinder damals nicht so sehr geliebt und Kinder wurden lediglich als günstige Arbeitskräfte betrachtet. Doch kann man sich kaum vorstellen, dass Kindheit nur ein Begriff der Moderne gewesen sein soll und die Familie damals nur mit den Schultern zuckte, als ein Kind unerwartet starb. Dieses Drama um den schmerzhaften Verlust eines eigenen Kindes bringt HAMNET mit solcher Härte und Nähe auf die Leinwand, während andere Filme längst wieder einen Sonnenaufgang gezeigt hätten. Das ist natürlich eine Herausforderung für das Publikum, aber man geht doch ins Kino, um zu fühlen, nicht um Zeit totzuschlagen. Aus diesem tiefen Gefühl des Verlustes ist nicht nur eines der berühmtesten Stücke der Literatur entstanden, sondern war auch die Inspiration für einen Bestseller namens „Hamnet“ und für diesen sehenswerten Film.

Fazit
HAMNET bringt eine der besten Geschichten von Shakespeare zutage, die es so vielleicht nie gegeben hat. Aber wen interessiert das schon, wenn man diesen Gefühlsreigen miterlebt hat und förmlich an jeder Geste Jessie Buckleys als Agnes Shakespeare festhält. Ihre Emotionen werden zu unseren und was kann es Wichtigeres geben in diesen Zeiten als Mitgefühl?
Chefredakteur
Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter


