972 Breakdowns (2020) – Filmkritik

„Auf dem Landweg nach New York“

Die Welt ist ein Dorf. Zumindest hat man heute das Gefühl mit ein paar Klicks schon am anderen Ende des Planeten zu sein, manchmal sogar in 3D, 4K-Echtzeit und weiß der Teufel was noch. Wo sind sie, die letzten weißen Flecken auf der Landkarte von neuen Welten und exotischen Zivilisationen?  Die Entdecker und Pioniere der Geschichte saßen aber nicht daheim, grübelten über Möglichkeiten, Gefahren und Zweck ihrer Reisen, sondern ließen Taten folgen. Im 21. Jahrhundert muss man zuallererst seine Komfortzone verlassen, den Alltag beiseiteschieben und alltägliche Bräuche und Pflichten wie Auto waschen, Einkaufen, Arbeiten oder Miete zahlen einfach mal sein lassen. Fünf Künstler, denen die Abenteuerlust durch die Adern strömt, sahen sich nach ihrem Studium mit der Frage konfrontiert, die jedem nach seiner Ausbildung durch den Kopf schwirrt: Was nun? Für sie gab es nur eine Antwort: auf dem Landweg von Halle nach New York zu reisen, mit dem Motorrad, genauer gesagt mit einer Ural, einem russischen Model mit Beiwagen. Gut, dass wir mit 972 BREAKDOWNS erst einmal nicht das heimische Refugium verlassen müssen, sondern mit den fünf sympathischen Charakteren diese gut zweijährige Reise im Zeitraffer auf 110 Minuten zusammengeschnürt präsentiert bekommen. Doch Warnung: der Wunsch nach Freiheit, Natur und Abenteuer ist in diesem ehrlichen, verrückten Bildertrip ansteckend.

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Die neusten Dokumentationen sind eher selbstfinderische Egotrips und wirken nur noch wie querformatige Versionen der letzten 24-Stunden-Instagram-Story. Doch das richtige Gefühl für ein echtes Abenteuer bleibt auf der Strecke, genauso wie die Begegnungen am Wegesrand. Nicht so bei Anne Knödler, Efy Zeniou, Elisabeth Oertel, Johannes Fötsch und Kaupo Holmberg, die all diese Schichten von medialer Ästhetik hinfort wischen, in dem sie eine Expedition zu ihren Regeln aufstellen. Mit vier Motorrädern, kiloweise Ersatzteilen, einer Plane als Zelt, nur dem Allernötigsten zum Leben, guten Vorsätzen und vor allem mit der naiven Lust am Kennenlernen starten sie Richtung Osten. Manch einen würde schon beim Erklingen von fremder Sprache der Schreck befallen, die Ural-Bande will es so und streckt jedem Fremden freundschaftlich die Hand entgegen. Sie sind keine Motorrad-Mechaniker und haben kaum Fahrerfahrung, aber Durchhaltevermögen haben sie und das werden sie auf den 43.000 Kilometern auch brauchen.

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Dabei ist die Wahl des Motorradtyps keine nostalgische, denn die Ural (eigentlich IMZ, Irbitski Motozikletny Sawod) findet man im fernen Osten häufig und somit auch ausreichend Ersatzteile. Der Aufbau ist simpel und einfach zu reparieren, jedes Teil kann ausgetauscht werden. Während der  Nachbar mit seinem glänzenden SUV ohne Werkstatthilfe nicht einmal ein defektes Licht wechseln kann, ist jeder der fünf Reisenden nach den ersten 100 Pannen in der Lage, den Motor mit verbundenen Augen auseinander und wieder zusammenzubauen.

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Der Titel 972 BREAKDOWNS lenkt geschickt von der Strecke ab und mit jeder weiteren Panne auf den grafischen Einblendungen der Kapitel, klickt der Zähler ein Stück weiter. Es ist deutlich zu erkennen, dass kreative Köpfe hinter dem Projekt stecken. Ihre wachsamen Bilder und die einfachen, treffenden Beschreibungen lassen uns im Beiwagen mitfahren. Die Aufnahmen trotzen den Hochglanzbildern anderer Reiseberichte und wenn ein 30-Tonner auf der Schotterpiste mit 100 Stundenkilometern an der Kamera vorbeidonnert, muss dies keine High-End-Technik liefern, um ein Gefühl für den Trip zu erhalten. Kreativität zeigt sich in jedem der fünf Expeditionsteilnehmer. Sei es in mechanischen Veränderungen der Motorräder, im Frühstück über dem Feuer machen oder in Kommunikation ohne Sprachkenntnisse. Jeder von ihnen hat zwar eine Art Fachbereich, aber als Team sind sie unaufhaltsam.

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Was man hier besonders genießt, sind keinerlei zwischenmenschliche Probleme innerhalb der Gruppe, keine Dramen oder persönliche Selbstreflexionen, die in anderen Dokumentationen zu gerne beweihräuchert werden. Was bleibt, sind beeindruckende Bilder von wunderschönen Landschaften und das Leuchten in den Augen der fünf Reisenden, wenn die nächste Flussquerung als Herausforderung ansteht, anstatt ein Grund zum jammervollen Aufgeben zu sein. Das Mantra weiter Richtung Osten zu fahren und stets mit einem Stück Schokolade der nächsten Panne zu begegnen ist simpel, aber zielführend.

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Für uns passive Mitfahrer von 972 BREAKDOWNS gibt es noch eine ganz unerwartete Erkenntnis. Sicherlich braucht man den Willen und die Stärke so eine Unternehmung zu bestehen, aber die Fünf haben nicht ihr Leben in die Hände des Glücks gelegt, sondern in die der Menschen, die sie unterwegs treffen. Häufig sitzen wir mit ihnen auf dem Beifahrersitz eines Fremden. Sie sind die wahren Pannenhelfer, wenn sie mit ihren LKWs die Räder in die nächste Stadt bringen, zum Essen bei ihrer Großmutter einladen oder ihnen mit Ersatzteilen aushelfen. Menschen, die sehr wenig haben, aber sehr gern geben. Denn sie wissen, in dieser Gegend kann man nur als Gemeinschaft überleben. Immer wieder werden Warnungen vor dem nächsten Land oder Dorf ausgesprochen und dann geschehen doch wieder schöne Begegnungen. Man mag es positives Karma der Gruppe nennen, aber vielleicht ist es so und die meisten Menschen auf diesem Planeten haben das Herz am richtigen Fleck.

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Mauern werden umfahren und Grenzen verschwinden im Staub der Bedeutungslosigkeit. Nicht nur den Abenteurern und Motorradfans muss man diese gut zusammengestellten 110 Minuten einer wilden Expedition um fast den ganzen Erdball ans Herz legen, denn jeder kann mit diesem Film eigene Mauern und Grenzen hinfort wischen. Für die fünf naiven Verrückten hat es sich allemal gelohnt, denn sie sind auf einen Quell von kreativen Ideen gestoßen, die ihnen keine Kunsthochschule der Welt vermitteln kann und 972 BREAKDOWNS ist ein Teil davon. Zünden, antreten, Gas geben und die Welt entdecken, dieser Film ist der erste Schritt.

© Christoph Müller

Wem die knapp zwei Stunden zu wenig sind, der sollte unbedingt zur liebevoll gestalteten DVD mit Bonusmaterial greifen und vor allem einmal die Website des Projekts besuchen: www.leavinghomefunktion.com

Titel, Cast und Crew972 Breakdowns - Auf dem Landweg nach New York (2020)
Poster
RegisseurDaniel von Rüdiger
ReleaseKinostart: 03.09.2020
ab dem 19.03.2021 auf DVD

Am besten direkt beim Filmteam bestellen.
Trailer
Erlebt und dokumentiertAnne Knödler
Efy Zeniou
Elisabeth Oertel
Johannes Fötsch
Kaupo Holmberg
Filmmusik0101
SchnittDaniel von Rüdiger
leavinghomefunktion
Filmlänge110 Minuten
FSKab 0 Jahren

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