52 PICK-UP Review Collectors Edition OFDb Filmworks

52 Pick-Up – Filmkritik

Review der Collectorʼs Edition von OFDb Filmworks

Aktuell hat OFDb-Filmworks (DER FALKE UND DER SCHNEEMANN / STOPPT DIE TODESFAHRT DER U-BAHN 123) eine neue Collectorʼs Edition auf den Markt gebracht. Collectorʼs Edition heißt bei OFDb nicht nur erste Sahne in Sachen Bild- und Tonqualität, sondern eine große Menge Extras, zumeist eigens produziert in deutscher Sprache, sowie ein extra-dickes Booklet. All das wird schön im Schuber mit zumeist neuem bzw. alternativem Artwork verpackt und mit nummeriertem Limitierungszertifikat versehen – voilà, fertig ist ein neues Schmuckstück in des Sammlers Regal. Entscheidend dabei ist, dass es sich stets um wichtige, natürlich gelungene, aber eben auch vernachlässigte und mittlerweile wieder etwas unbekanntere Filme handelt. Das sind Filme, die man vielleicht gar nicht mehr so auf dem Schirm hatte, und den man gerade deshalb Aufmerksamkeit schenken sollte. Da war u.a. schon Michael Manns Kinodebüt DER EINZELGÄNGER (THIEF, 1981) samt James Caan in der Hauptrolle und Tangerine Dream als Score-Komponisten; da gab es Dan OʼBannons hübsch-garstige Lovecraft-Adaption THE RESURRECTED (1991, mit dem fehlleitenden deutschen Titel EVIL DEAD – SAAT DES BÖSEN); oder aber George A. Romeros verdammt gute Stephen King-Verfilmung STARK (THE DARK HALF, 1993). Also: hingeschaut und aufgemerkt!

52 PICK-UP Review Collectors Edition OFDb Filmworks
Collector’s Edition No. 5 © OFDb Filmworks

John Frankenheimer

Die aktuelle Edition beheimatet Regie-Veteran John Frankenheimer. Da muss ich kurz ausholen, sollte denn wohl mindestens noch einer seiner Titel im Rahmen meiner #FLUXVergangenheitsblicke besprochen werden. Frankenheimer (1930-2002) war bereits vor Beginn des New Hollywood sehr wichtig, so etwa mit seinen Werken BOTSCHAFTER DER ANGST (THE MANCHURIAN CANDIDATE, 1962) und SIEBEN TAGE IM MAI (SEVEN DAYS IN MAY, 1964), die zusammen mit dem ungleich persönlicheren und brillanten DER MANN, DER ZWEIMAL LEBTE (SECONDS, 1966) als inoffizielle Paranoia-Trilogie des Regisseurs gelten dürfen. Dann gibt es noch den kinematografisch wuchtigen DER ZUG (THE TRAIN, 1964) mit Burt Lancaster, der hierzulande just vor Kurzem erstmals auf Blu-ray erschien, nachdem Arrow Video in England bereits 2015 vormachte, wie ordentliche Filmrestauration auf Heimmedium auch am Beispiel dieses Titels funktioniert. Nun, Manche meinten später, erst RONIN (1998) mit Robert de Niro, Jean Reno u.a. brachte des Regisseurs Comeback, in dem er als mittlerweile gefeierter Action- und Thrillerveteran des amerikanischen Kinos auch allen Jüngeren noch einmal zeigen durfte, wie echtes Actionhandwerk funktioniert. Tatsächlich gilt Frankenheimer allgemeinhin durch die 1970er und 1980er Jahre hindurch in seinem Renommee als Filmemacher verlustig. Als Hintergrund für seine sinkende Relevanz wird oft dessen Trauma herangezogen, wonach er den Tod seines Freundes Robert F. Kennedy 1968 hautnah miterleben musste und daraufhin recht übel dem Alkohol verfiel.

52 PICK-UP Review Collectors Edition OFDb Filmworks
© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

In einem wahren filmchronologischen Loch befindet sich demnach Frankenheimers 1986 veröffentlichter 52 PICK-UP, der hierzulande lange Zeit indiziert und nun frei ab 16 Jahren restauriert erhältlich ist. Der Film ist wunderbar grell, gemein und gewalttätig, ein wahrer Stinkefinger von einem Krimi – und genau deshalb unbedingt sehenswert.

52 PICK-UP Review Collectors Edition OFDb Filmworks
© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Pervers-poetische Schönheit

In den Hauptrollen sind Roy Scheider (DER WEISSE HAI / SORCERER) als Harry Mitchell und Ann-Margret (THE CINCINNATI KID / EIN VERRÜCKTES PAAR) als Barbara Mitchell zu sehen. Die Mitchells sind im Film ein seit einem Vierteljahrhundert verheiratetes Paar, karrieretechnisch erfolgreich (sie als Kandidatin für ein hohes politisches Amt und er als Geschäftsführer) und „kultiviert“ – sofern Letzteres in diesem Cannon-Streifen darauf beschränkt werden darf, dass sie sich körperlich fit hält und „wirklich gut in Form“ ist (Filmzitat) und er mit cooler Sonnenbrille, schwerer Armbanduhr und geschniegeltem Anzug in seinem teuren Sportwagen herumfährt und das den Achtzigern noch so inhärente Männerbild des harten Typen verkörpert. Die Handlung ist in der Folge auch in zwei Sätzen erklärt. Harry spielt nach etlichen Jahren der ehrwürdigen Ehe lieber auch den „Daddy“ und pflegt eine intime Beziehung zur 20-jährigen Doreen (Vanity). Als davon nicht nur seine verletzte Ehefrau, sondern auch brutale Erpresser Wind bekommen und in der Folge der Ruf der Mitchells auf dem Spiel steht, nimmt eine grelle Rachestory ihren Lauf.

52 PICK-UP Review Collectors Edition OFDb Filmworks
© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Ergänzend zu diesem bewusst knappen Inhaltsabriss – schaut Euch den Film an! – kann man noch sagen, dass 52 PICK-UP in vollen Zügen die pervers-poetische Schönheit des Trivialkinos der 1980er Jahre reflektiert und in seiner Form als perfekte Maskerade gelten darf: neonbeleuchtete, verrauchte Bars, flimmernde Videobilder mit sleazy content, kalte Karrosserien und noch kältere Herzen. Nach dem gleichnamigen Roman von Krimi-Gott Elmore Leonard („Rum Punch“, „Get Shorty“, „Mr. Majestyk“ u.v.a.) adaptierte Frankenheimer nur zwei Jahre nach der Verfilmung THE AMBASSADOR von J. Lee Thompson erneut den Stoff. Seltsam, denkt man sich da, doch die beiden Gründe sind eigentlich klar. Erstens besaßen Menahem Golan und Yoran Globus nun einmal die Rechte an Leonards Story und wenn man sich auch nur ein bisschen mit der Geschichte und Ideologie von Cannon Films auseinandergesetzt hat, weiß man, dass effektives Recycling hier ganz oben auf der Tagesordnung stand. Nun, und Frankenheimer ließ sich wohl den tollen Auftrag einfach nicht entgehen, mit erstklassigen Darstellern im Rahmen einer sehr geradlinigen Produktion zu arbeiten. Herausgekommen ist ein faszinierender Hybrid aus Autorenkino – die Handschrift Frankenheimers bleibt deutlich zu erkennen – und Pulp, was permanent den Reiz einer (soliden) B-Produktion versprüht.

52 PICK-UP Review Collectors Edition OFDb Filmworks
© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

In den Bildern von 52 PICK-UP kann man sich ganz wunderbar verlieren. Man darf abtauchen in eine schmuddelige Welt voller Sex und Gewalt, Korruption und entleerte Herzen. All dies bleibt formell eingehüllt in leuchtende, pochende Bilder, wobei das gealterte Antlitz von Roy Scheider ohnehin die beste filmische Landkarte neben Charles Bronsons Visage ist. Der entscheidende Moment des Films stellt für mich jene Szene dar, als Scheider und Ann-Margret in ihren Rollen als ausgebranntes Paar aufgelöst an den Rändern ihres Ehebetts sitzen und ein stoisch anmutendes Gespräch führen. Wobei, ein richtiges Gespräch ist das eben nicht. Sie sitzen abgewandt vom jeweils Anderen, mit den Rücken zueinander. Jeder starrt in verschiedene Ecken des Zimmers, eine Leere vor sich, die die gefühlsmäßige widerspiegelt. Auf ihre Frage, ob ihm eigentlich einmal der Gedanke gekommen wäre, dass sie durch seine Affäre unglaublich verletzt sei, erwidert er trocken und völlig auf seinen Part der Story fixiert, er hätte zuvor noch nie eine Waffe abgefeuert, lotet also einzig seine Risiken aus, ob man ihm rechtlich etwas anhaben könnte. Das ist in der gemächlichen Dynamik des Dialogs so bewusst geschnitten, so auf den Moment konzentriert, dass man als Zuschauer nachhaltig das Gefühl bekommt, in jeder möglichen Szene von 52 PICK-UP möchte Gemeinheit evoziert werden. So ist es auch nicht entscheidend, ob die Beiden nach Überwindung von Affäre und Erpresser-Taktiken jemals wieder ein aufrichtiges Paar werden, sondern inwieweit der Film den nächsten krassen und gemeinen Höhepunkt bereithält und somit gänzlich in seiner Formel aufgeht. (Gerade das Frauenbild betreffend, ist 52 PICK-UP politisch höchst unkorrekt – die Frage ist, ob man dies im Rahmen eines Cannon-Unterhaltungsfilms der 1980er einfach genießen/hinnehmen kann oder eben nicht.)

52 PICK-UP Review Collectors Edition OFDb Filmworks
© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Die Ausstattung der Collectorʼs Edition von OFDb Filmworks

52 PICK-UP Review Collectors Edition OFDb Filmworks
Collectors Edition von OFDb Filmworks mit Aufleger

52 PICK-UP besticht auf der Blu-ray mit einem tollen Bild. Es ist körnig, scharf und dem Alter entsprechend, die Farben wirken ohne nachträgliche Verfälschung/Bearbeitung satt und kontrastreich. Auch der deutsche und englische Ton wurde verbessert (Stereo-Ton). Hier hebt sich der ganze Filmgenuss deutlich von älteren Editionen wie z.B. der MGM-DVD ab. Zu den Extras zählen ein eigens produzierter deutschsprachiger Audiokommentar mit Marcus Stiglegger, der 2011 bereits einen formidablen (englischsprachigen) Essay auf seinem Blog veröffentlichte. Hinzu kommen (Vintage-)Features wie The Directors: John Frankenheimer – Dokumentation über den Regisseur, Isolierte Musiktonspur mit Interview mit Komponist Gary Chang und The Making of 52 PICK-UP. Hinzu kommen wie üblich Kinotrailer, TV-Spot und Bildergalerie sowie ein kleines Trailers From Hell-Special mit Drehbuchautor Josh Olson. Bezieht man sich hinsichtlich Bildtransfer noch auf die Informationen des Arrow Video-Veröffentlichung (2015) liegt hier keine 2K- oder 4K-Restauration vor, sondern ein HD-Transfer originaler Filmelemente von MGM. Die Blu-ray von Arrow enthielt darüber hinaus noch einen eigenen englischsprachigen Audiokommentar und folgendes, sehr gelungenes Feature, das es leider nicht in diese deutsche Sammleredition geschafft hat: Hardcore Cameos, a guide to the many cameo appearances by pornographic actors in 52 Pick-Up (12:10 Min.).

Alles in allem gilt hier: absolute Empfehlung. Wer den Film noch nicht zuhause hat, sollte diesen Zustand schnellstens ändern. Und gerade habe ich noch gesehen: der Film ist auf den Tag so alt wie ich. Ehrenplatz im Regal!

Titel

52 Pick-Up (1986)

Regisseur

John Frankenheimer

Poster

Release

Digi-Pack in der Collector's Edition No. 5 (1 Blu-ray & 2 DVDs) von OFDb.de
bei ofdb.de bestellen
bei Amazon kaufen (Affiliate-Link)

Auflage

Auf 2.000 Stück limitiert (beiligendes Zertifikat)

Trailer

(Englisch)

Schauspieler

Roy Scheider (Harry Mitchell)
Ann Margret (Barbara Mitchell)
Vanity (Doreen)
John Glover (Alan Raimy)
Robert Trebor (Leo Franks)
Kelly Preston (Cini)
Doug Mc Clure (Mark Arveson)

Drehbuch

Elomre Leonard
John Steppling

Kamera

Jost Vacano
Stephen Ramsey (nicht im Abspann geannt)

Musik

Gary Chang

Schnitt

Robert F. Shugrue

Technische Daten

Blu-ray
Bildformat: 1,85:1 (HD 1080p)
Tonformat: Deutsch & Englisch (Linear PCM 2.0 Stereo)
Untertitel: Deutsch & Englisch

Filmlänge

116 min

Altersfreigabe

Ab 16 Jahren freigegeben
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20

Liebt Filme und die Bücher dazu / Liest, erzählt und schreibt gern / Schaltet oft sein Handy aus, nicht nur im Kino / Träumt vom neuen Wohnzimmer / Und davon, mal am Meer zu wohnen

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