„Der Kampf um die Köpfe der Jugend“
Die Fortsetzung eines der besten Zombiefilme der 2020er Jahre ließ zum Glück nicht lange auf sich warten, denn auch unsere Welt scheint politisch und medial immer weiter durchzudrehen und zu verrohen. Gesetze und Grundrechte scheinen nicht mehr zu gelten. So etwas will im Kino mit 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE aufgearbeitet werden. In Deutschland greift man gerade nach denen mit wenig Einfluss und scheinbarer Orientierungslosigkeit: die jungen Menschen. Mit einer Wehrpflicht über die politische Hintertür will man die Jugend in die Bundeswehr holen. Ein kostbares Jahr aus ihrer Persönlichkeitsentwicklung einfordern, um Gehorsam zu lehren und im Fall von Krieg die Nation, die sich immer mehr zu einer Rentnerrepublik entwickelt, zu verteidigen. Mit durchschaubaren Lockrufen, dem offensichtlichen Ausnutzungsabsicht und den möglichen Gefahren, werden sie bei den jungen Menschen auf Widerstand stoßen. Und das ist gut so! Warum soll man sein Leben für wenige alte, egozentrische und machtgierige Männer hergeben, in einem Krieg, der keine Gewinner kennt? 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE zeigt, wie die letzten Überlebenden um den Willen von jungen Menschen kämpfen. Eine Generation, die in die Apokalypse hineingeboren wurde. Menschenfressende Infizierte gehören zum Alltag, und jeder kämpft zuallererst um das eigene Überleben. Gemeinschaft gibt es nur noch in kleinen Gruppen. Der junge Spike muss sich nun entscheiden, welchen Weg er geht: den eines starken, grausamen Gruppenmitglieds oder den des Mitgefühls.

Handlung
Spike (Alfie Williams) sieht sich einer Gruppe von blonden, jungen Kämpfern gegenüber. Sie alle folgen treu ihrem Anführer Sir Jimmy Crystal (Jack O’Connell). Er muss sich einem Zweikampf stellen. Mit etwas Glück verletzt er bei seinem Gegner die Arterie im Oberschenkel, worauf dieser durch den Blutverlust direkt unter den teilnahmslosen Augen der anderen Jimmys stirbt. Er hat nun die Wahl, einen weiteren Zweikampf zu führen oder sich der Gruppe anzuschließen. Er wählt den Weg des Überlebens. Nun ist er ein Jimmy. Die Gruppe stellt sich als extrem sadistisch heraus. Sir Jimmy Crystal führt sie mit einer Mischung aus Halbwissen und Bibelsprüchen an, die ihn als Satanist im Jogginganzug und Goldkettchen gefährlicher machen, als es die Infizierten in den Wäldern sind. Als die Jimmys ein paar Überlebende überfallen und brutal zu Tode foltern, flieht Spike mit der Hilfe von Jimmy Ink (Erin Kellyman). Doch die Satanisten sind ihnen auf den Fersen, bis alle auf Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes) in seinem tempelartigen Friedhof aus Gebeinen treffen. Kelson ist es mittlerweile gelungen eine Art Beziehung zu einem Alpha-Infizierten, den er Samson (Chi Lewis-Parry) nennt, aufzubauen. Ist ein Zusammenleben mit dem Virus möglich?

Brutalität
In dieser Welt aufzuwachsen, kommt dem Leben in einem Schlachthaus gleich. Die Gefahr lauert überall, nicht nur von Infizierten. Beim Versuch zu Überleben ist man wieder auf mittelalterlichen Versorgungsarten angelangt und ein gebrochenes Bein kann in dieser Welt bereits das Lebensende bedeuten. Hier hat sich Sir Jimmy Crystal eine brutale Eliteeinheit aus jungen Nahkämpfern ausgebildet, die keine Infizierten fürchten und sie mit wenigen Messerhieben ausschalten. Er leitet die Gruppe mit religiösem Wissen aus seiner Kindheit, nicht mit den guten Taten für einen Platz im Himmel, sondern mit der bösartigen Stärke des Teufels.
Die Gewalt in 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE steht der aus dem Vorgängerfilm um nichts nach. Vor allem die Folterszenen reichen weit hinter die Grenzen des Ertragbaren, vor allem wenn Figuren im Film zusehen, obwohl sie eigentlich einschreiten wollen und es dann erst eingreifen, wenn es bereits Stunden voller Qual gegeben hat. Das macht für uns Zuschauerinnen und Zuschauer wenig Sinn, aber was wissen wir schon von der Zombieapokalypse? Wir haben uns vielleicht zuletzt als Kinder auf dem Spielplatz geprügelt. Regisseurin Nia DaCosta und Drehbuchautor Alex Garland machen jedoch hier ihren Punkt: Die Menschen, die in einer solchen Welt überleben, sind vielleicht noch viel grausamer als die hirnfressenden Infizierten. Diese Subkultur der Jimmys ist wie eine Bande aus prekären Familiensituationen, die im Krieg aufgewachsen sind. Man möchte meinen, sie haben nur FUNNY GAMES gesehen, kennen sich aber real nur mit den Teletubbies aus. Ihre Uniform besteht aus blonder Perücke und Jogginganzug. Ihre Masken sind grob aus Sportschuhen genäht – blutige Soldaten in Streetwear.

Die Leitfigur
THE BONE TEMPLE ist aber – zum Glück – ein Film über Dr. Ian Kelson, die dank Ralph Fiennes etwas Balsam für diese Welt bringt. Kelson scheint trotz Traumata und Verlusten aus der vorherigen Welt eine Berufung gefunden zu haben. Er ist eine Art Schamane in dieser Welt. Mühsam türmt er Gebeine übereinander, die er vorher in einer Art Hochdruckkessel abkocht. Doch er nimmt auch die Herausforderung an, zum Stärksten unter den Alphas eine Beziehung aufzubauen. Mit einfachen Mitteln erlangt er Erkenntnisse und seine physiotherapeutischen Sitzungen mit Samson unter Rauschmitteleinfluss sind die schönsten Momente im Film und vielleicht auch die eine oder andere Erkenntnis für uns selbst. Wir wollen hier nicht zum Konsum von Stimulanzen aufrufen, aber ein Tanz unter freiem Himmel hilft vielleicht schon weiter. Kelson wird zu einer Leitfigur für die jungen Überlebenden. Seine gebildete, aufgeschlossene, kultivierte, soziale und friedvolle Art ist der Gegenpol, den wir in dieser Geschichte so dringend benötigen. Sein Musikgeschmack lässt uns bei dem ganzen Blut und der Hoffnungslosigkeit im Kinosessel verbleiben. Seine finale Show zu Iron Maidens „The Number of the Beats” zeigt, dass es bei Ideologien nur eine Frage der Show ist und nicht des Inhalts. Feuer besiegt nun einmal leere Sprüche und Polyesteruniformen.

Fazit
Auch wenn die inszenatorische Stärke des Vorgängerfilms fehlt, wie auch die mehrschichtige Gesellschaftskritik, ist 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE ein gelungener zweiter Teil in einer Trilogie. Hoffen wir, dass es Alex Garland gelingt, die vielen Fäden aus dieser Welt zusammenzufügen und uns ein Finale zu geben, das uns packt, aber auch einen Ausweg aus unserer Welt der Polykrisen und Machtansprüchen von Despoten aufzeigt. Na ja, wir wissen es doch jetzt schon: Es ist der Zusammenhalt gegen Unterdrückung.
Chefredakteur
Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter


