24 STUNDEN IN SEINER GEWALT Mickey Rourke

24 Stunden in seiner Gewalt (1990) – Filmkritik

„Rourke und Cimino auf Ehrenrunde“

Mickey Rourke war zum Zeitpunkt des Drehs von 24 STUNDEN IN SEINER GEWALT auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Sein markantes Gesicht prägte dieses Filmjahrzehnt mit ikonischen Szenen und außergewöhnlichen Rollen. Trotz Segnung mit männlicher Schönheit, spielt er meist gesellschaftliche Außenseiter wie Alkoholiker (BARFLY), Rassisten (IM JAHR DES DRACHEN) oder fragwürdige Liebhaber (9 ½ WOCHEN), zumeist etwas abgerissen gekleidet und ungepflegt. Sein gutes Aussehen bleibt in seinen Rollen im Verborgenen, er spielt damit, versteckt es unter einem Dreitagebart und einem desintressiertem Auftreten. In Paris gab es zu jener Zeit sogar eine Stilrichtung für dieses Auftreten: „Le Look Rourke“. Michael Cimino ist einer der wenigen Regisseure, an den Rourke nichts rankommen ließ. Er schwärmte stets von seiner Art Filme zu drehen und davon die Freiheit von ihm zu erhalten, die Figur selbst am Drehort noch weiterzuentwickeln. Warum der im Original betitelte DESPERATE HOURS mit der letzte Sargnagel in Ciminos Karriere ist, kann von den Filmhistorikern analysiert werden. Wir versuchen mit dem Blu-ray-Release von Koch Media herauszufinden, ob der Film 28 Jahre nach seiner Veröffentlichung immer noch Biss hat.

Nancy Breyers (Kelly Lynch) // © Koch Films

Inhalt „24 Stunden in seiner Gewalt“

Michael Bosworth (Mickey Rourke) ist ein cleverer Psychopath, der wegen Todschlags angeklagt wird. Seine Strafverteidigerin Nancy Breyers (Kelly Lynch) hat sich in ihren Mandanten verliebt und verhilft ihm zur Flucht aus dem Gerichtsgebäude. Nancy spielt nach dem Ausbruch das Opfer und Bosworth taucht mit seinem Bruder Wally (Elias Koteas) und Kumpel Albert (David Morse) unter. Die drei Kriminellen nehmen die Familie Cornell in ihrem noblen Heim als Geiseln, bis sich die Suche nach ihnen gelegt haben soll. Tim (Anthony Hopkins) und Nora Cornell (Mimi Rogers) befinden sich direkt in ihren Scheidungsquerelen, welche eine Geiselnahme nicht gerade einfacher machen, denn Bosworth ist intelligent, launisch und gewalttätig.
Der Film ist eine Neuauflage von AN EINEM TAG WIE JEDER ANDERE mit Humphrey Bogart aus dem Jahr 1955.

24 STUNDEN IN SEINER GEWALT Anthony Hopkins
Anthony Hopkins // © Koch Films

Verwirrender Titel und Overacting

Der deutsche Titel 24 STUNDEN IN SEINER GEWALT ist ein bisschen irreführend, da es tatsächlich eine 1,5 Tage lange Geiselnahme ist. Die spanischen Filmverleihe waren mit ihrem Titel 37 HORAS DESESPERADAS definitiv genauer, aber in Deutschland folgt man gern bekannten Marketingpfaden. Anthony Hopkins, hier als erfolgreicher Anwalt, aber gescheiterter Familienvater, wird ein Jahr später mit seiner Darstellung von Hannibal Lecter einen intellektuellen Mörder auf ein ganz anderes schauspielerisches Level heben, als es hier Mickey Rourke versucht. Hopkins scheitert auch als sein Gegenspieler, was mit an seiner überdrehten Familie liegt. Allen voran Mimi Rogers mit ihren Reiche-Ehefrau-Problemen, die gern mittags ein Bad mit einem Glas Weißwein nimmt, um mal runterzukommen. Nein, ihr möchte man als Zuschauer kaum Sympathiepunkte schenken. Die verzogenen Kinder, das Resultat aus Luxus und Scheidung der Eltern, sind auch nicht gerade zugänglich. Hopkins versucht gegen die Präsenz von Rourke anzuspielen, was ihm 1991 die Goldene Himbeere einbrachte.

24 STUNDEN IN SEINER GEWALT Mickey Rourke Mimi Rogers
Mickey Rourke und Mimi Rogers // © Koch Films

Eine Handlung, die Haken schlägt

Warum man sich diesen Film dennoch ansehen sollte, obwohl die Opfer nicht unbedingt Mitleid erregen und die Darsteller keine Glanzleistung abliefern? Neben einem schnittig in Giorgio Armani gekleideten Mickey Rourke, ist 24 STUNDEN IN SEINER GEWALT ein spannender Übergang von den 1980er- in die 1990er-Filmjahre. Symbolisch wird das Ganze auch von den Protagonisten vollzogen, als Bosworth und seine Kumpanen ihre hubraum-starke Schrottlaube (80er) in einem Bergsee versenken und in das wendige kleinere Jaguar Cabriolet  (90er) von Nancy steigen. Was als gewöhnlicher Geiselname-Thriller beginnt, inszeniert Michael Cimino (IM JAHR DES DRACHEN, DIE LETZTEN BEISSEN DIE HUNDE) als Irrfahrt mit vielen Ecken und Kanten. Das Ganze wird mit einer Schnittmontage auf Fahrt gebracht, die einem Musikvideo Konkurrenz machen könnte. Da wird die Anwältin in ihrem Auto durch die Steppe von Utah gejagt mit jeder Menge Highspeed und Autostunts. Um das Tempo noch mehr zu erhöhen, zischt permanent der FBI-Jet in 50 Metern Höhe über die Flüchtige hinweg, und das ohne Computereffekte.

24 STUNDEN IN SEINER GEWALT Mickey Rourke Kelly Lynch
Kelly Lynch und Mickey Rourke // © Koch Films

Die wenigen Actionszenen sind somit intensiv und gewaltig, so dass unserer sterilen Filmbildung der ein oder andere Tiefschlag verpasst wird. Sicher ist bei dem Vorgehen der Polizei immer auch Ciminos kritische Übertreibung mit zu berücksichtigen, aber wenn ein flüchtiger Krimineller von Maschinengewehr-Salven regelrecht in Hackfleisch verwandelt wird, muss man unweigerlich an den Vietnam Krieg denken, dem er mit THE DEER HUNTERS (1978) ebenfalls eine ganze anderer Sicht auf ein bekanntes Genre beschert hatte. Seine Filme zu beschreiben bringt das Filmlexika THE REAL EIGHTIES wortgenau auf den Punkt, sie zeigen den

„ (…) Exzess, die Überzeichnung, die Gewalt auf der einen Seite, die Fetischisierung von Details, der Realismus und die meditative Ruhe auf der anderen.“ – Alejandro Bachmann

Diese meditative Ruhe kommt in 24 STUNDEN IN SEINER GEWALT zur Geltung, wenn die Kamera das Haus der Geiselnahme verlässt und die Freiheit in den Nationalparks von Utah findet. Aber dies hat auch seinen Preis, wie Albert feststellen muss, als ihn der FBI-Agent Maddox, gespielt von Dean Norris (Hank aus BREAKING BAD), einfordert.

Die Blu-ray von Koch Media

24 Stunden in seiner Gewalt Blu-ray Cover Koch Films
Die Blu-ray bei Amazon bestellen © Koch Films

Die alte MGM-DVD wurde ordentlich aufgemöbelt. Das Bild ist in den dunklen Szenen kontrastreich und die Landschaftsaufnahmen in ihrer Farbtiefe ein Genuss. Die deutsche Synchronisation ist schwierig zu ertragen, was nicht an der Audio-Qualität liegt, sondern vor allem an den Stimmen der Kinder. Sie verlieren mit den quietschigen deutschen Synchronstimmen noch ihre letzte Glaubwürdigkeit. Wenn man auf den Originalton wechselt, ist der Film weitaus angenehmer, besonders die blumige Aussprache der FBI-Chefin Branda Chandler (Lindsay Crouse) bekommt hier ihre Kraft. Leider drehen im Originalton die Nebengeräusche sehr auf, was an den improvisierten Dreharbeiten liegen wird, in denen Cimino seinen Schauspielern viel Freiraum ließ und der Ton-Assistent das Nachsehen hatte.

Fazit

24 STUNDEN IN SEINER GEWALT ist nie zu einem Filmklassiker avanciert, was auf Grund der unzugänglichen, eindimensionalen Figuren schon gerechtfertigt ist. Dennoch kann man hier Michael Ciminos ganz persönliche Handschrift erkennen und einem besonderen Beispiel beiwohnen: Der Film schafft es, dem Zuschauer die Gewissheit zu nehmen, so dass in jeder Minute alles passieren kann, vom erschossenen Klischee-Immobilienmakler bis hin zum Fünf-Sekunden-Quickie am Türpfosten.

Einen tollen Podcast-Beitrag (5:36 min) zu Ciminos IM JAHR DES DRACHEN gibt es von Stefan Jung auf dem Deep Red Radio.

Titel, Cast und Crew24 Stunden in seiner Gewalt (1990)
OT: Desperate Hours
PosterKinoposter Desperate Hours

Blu-ray
Ab dem 09.08.2018 auf Blu-ray
Bei Amazon bestellen:
RegisseurMichael Cimino
Trailer
BesetzungMickey Rourke (Michael Bosworth)
Anthony Hopkins (Tim Cornell)
Mimi Rogers (Nora Cornell)
Lindsay Crouse (Brenda Chandler)
Kelly Lynch (Nancy Breyers)
Elias Koteas (Wally Bosworth)
David Morse (Albert)
Dean Norris (Maddox)
Shawnee Smith (May Cornell)
DrehbuchLawrance Konner
Mark Rosenthal
Joseph Hayes
KameraDouglas Milsome
MusikDavid Mansfield
SchnittChristopher Rouse
Filmlänge105 Minuten
FSKab 16 Jahren

 

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