2001 Odyssee im Weltraum 70 mm unrestored

„2001: Odyssee im Weltraum“ – Eine analoge Zeitreise auf 70 mm-Film

Vor 50 Jahren ist ein Film durch die Projektoren der Lichtpielhäuser gelaufen, der zur damaligen Zeit seinesgleichen suchte. Ein Science-Fiction-Blick auf die existenzielle Frage, wo kommen wir her und wo gehen wir hin: Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“.

Um dieses Jubiläum ganz besonders zu zelebrieren hat Christopher Nolan, selbst großer Fan von „2001: A Space Odyssey“, treuer Anhänger von analogem Film und dem 70 mm-Format („Dunkirk“), in den Archiven des Kameramanns Geoffrey Unsworth wertvolle Negative des Films zu Tage befördert. Für alle Nicht-Projektionisten da draußen: Als vor knapp 10 Jahren noch Filmrollen durch die Maschinen in den Kinos ratterten, hatten die kleinen Bilder eine Diagonale von 35 mm. Es gab aber bereits damals, sowie 1968 als der Film entstanden ist, eine Art IMAX-Format für das ganz besondere Kinoerlebnis, nämlich die besagten 70 mm-Filme. Das bedeutet keine Verdoppelung der Auflösung, sondern eine Vervierfachung. Kubrick hatte diese hohe Auflösung auch für sein Weltraumepos gewählt und zusammen mit Kameramann Unsworth drehten sie mit den großen, schweren und unhandlichen 70 mm-Kameras diesen monumentalen Filmklassiker.

2001 Odyssee im Weltraum 70 mm unrestored
© 1968 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

Christopher Nolan wollte jedoch davon keine restaurierte Version erstellen (Interview mit Christopher Nolan in Cannes). Also nicht den üblichen Restaurationsprozess für alte Filme beschreiten: Den Film digital einlesen, jedes einzelne Bild fein säuberlich vom Schmutz und Kratzern befreien, die Helligkeit und den Kontrast digital verändern und das Ganze wieder digital auszuspielen. Nein, der Film wurde mit den Original-Negativen von „2001: A Space Odyssey“ belichtet, ein rein physikalisch-chemischer Prozess. Keine Computer und keine 0 und 1 waren im Spiel.

Man kann dieses Unterfangen auch noch etwas komplizierter ausdrücken: Man erstellt Filmkopien von einem Film aus dem Jahr 1968 nur mit Hilfe der Technik der damaligen Zeit. Die Filmhandlung spielt in der Zukunft, 2001, welche aber für uns im Jahr 2018 schon Vergangenheit ist. Jedoch ist der Inhalt des Films, mit Hal 9000 als höchste künstliche Intelligenz und dem technischen Know-how zum Jupiter reisen zu können, für uns immer noch Zukunftsmusik. Ich denke Emmet L. Brown hätte es nicht komplizierter ausdrücken können und dieses Unterfangen hört sich nach einem kleinen Riss im Zeitkontinuum an.

Da heute die meisten Kinoketten ihre analogen Filmprojektoren in verlassenen Hallen verstauben lassen, ist es schwierig noch ein Kino zu finden, welches diese ökonomisch unsinnige Aufführung anbietet. Man braucht die vergleichsmäßig sehr teure 70 mm-Filmkopie, einen Filmvorführer, der das 70 mm-Projektionshandwerk noch beherrscht und natürlich ausreichend Cineasten, die Geld für diese einmalige Zeitreise ausgeben möchten. In Berlin findet man diese analogen Film-Sympathisanten noch zahlreich und im Kino Zoo Palast einen Geschäftsführer, für den das Erlebnis „Film“ noch im Vordergrund steht und der keine raffgierigen Investoren im Nacken hat.

2001 Odyssee im Weltraum 70 mm unrestored
© 1968 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

Als ehemaliger Filmvorführer, Filmliebhaber mit einer Schwäche für Science-Fiction, in Berlin lebend und treuer Anhänger von allen Dingen, die Christopher Nolan so von sich gibt, konnte ich nicht anders als mir diese Filmvorstellung anzusehen. Und wie es sich herausstellte, ging es zu meiner Freude an einem Montagnachmittag bei 30 Grad Außentemperatur zahlreichen anderen Cineasten genauso.

Da saßen wir nun und lauschten den ersten Tönen von György Ligetis „Atmosphères“ in den ersten drei Minuten bei schwarzem Bild. Kubrick hatte vor 50 Jahren sogar den Filmvorführern Anweisungen gegeben, wie sie sein Werk zu präsentieren haben und man wusste bereits bei diesem korrekten Beginn, als der goldene Vorhang des großen Kinosaals noch geschlossen blieb während die Musik bereits zu hören ist, dass man in guten Händen war. Dann öffnete sich der Vorhang und der erste Akt mit unseren primatenartigen Vorgängern, die um ein Wasserloch kämpfen, beginnt. Der Erste erkennt, dass Knochen auch ein Werkzeug sein können und ein wichtiger Schritt für unsere Evolution wurde gelegt. Ich ertappte mich bei den ersten mäkeligen Gedanken: Die hellen Flächen flackern etwas, ein paar Staubpartikel blitzen auf und kleine Laufstreifen sind auf der Projektion zu erkennen. Meine Gewöhnung an ein steriles digitales Bild der letzten Jahre zeigt seine Wirkung. Ich beginne die Auflösung zu begutachten, erkenne die Studiokulissen mit den gemalten Hintergründen, bemerke wie gut die Masken der Vormenschen sind und wie beeindruckend das Schauspiel der Darsteller ist. Wenn sich dann der hochgeworfene Knochen in der Luft dreht und per Schnittmontage in eine der ersten Raumstationen verwandelt, war ich hineingezogen, absorbiert in eine Zukunft, wie sie sich Stanley Kubrick ausgemalt hat und in ein Weltall, wo es keine Geräusche gibt.

Daraufhin folgten zweieinhalb Stunden purer Filmgenuss. Jegliche Art von kleineren Makeln auf der Filmkopie erzeugte eine solche Lebendigkeit, dass ich mit den Astronauten durch das Weltall reiste. Der damalige Modellbau ist immer noch um ein Vielfaches besser als digitale 3D Figuren mit Texturen darauf. Es ist so, dass man als Zuschauer ein Modell realitätsnaher annimmt als CGI-Effekte. Diese Nachbauten gab es wirklich und die immer weiter von Kubrick vorangetriebene Linsentechnik der Kameras zeigt, wie gut sein Film nach 50 Jahren immer noch ist. Die ikonischen Bilder von 2001, die eine Vielzahl von Filmbüchern (Buchempfehlung „The Making of Stanley Kubrick´s 2001“) innen wie außen schmücken, waren noch nie so wunderschön wie bei dieser 70 mm-Filmversion. Sicherlich fällt 2001 gegenüber unserem heutigen Bedürfnis nach Tempo und Spannung etwas schwerfällig aus, aber die langen Einstellungen laden dazu ein, die Perfektion Kubricks in den Aufnahmen, sowie in der Requisite zu bestaunen. Er stellt die Gravitation förmlich auf den Kopf und versteckt gekonnt die Kamera in den Spiegelungen.


© 1968 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

Als der Abspann beginnt und eine gefühlte Handvoll Mitarbeiter, denen wir diesen Klassiker zu verdanken haben, uns ihren Namen verraten, wünscht man sich doch wieder so einen Film im Kino zu sehen. „Interstellar“ von Christopher Nolan war vor ein paar Jahren ein solches Filmerlebnis oder die gelungene Neuauflage von „Mord im Orient-Express“, die ebenfalls ein paar 70 mm-Kopien spendiert bekommen hatte. Selbst bei guter Technikpflege, gekonntem Handwerk und hohem Qualitätsstandard in den Filmkopierwerken betrübt mich die Erkenntnis, dass der analoge Film nicht zurückkehren wird. Selbst wenn er, wie die Vorstellung von „2001: Odyssee im Weltraum“ bewiesen hat, einen digitalen Projektor locker in seine Schranken weist. Kein kleines Comeback wie es für die Schallplatte der Fall war.

Ich bin froh, dieses Erlebnis gemacht zu haben. Bei einer Zeitreise dieser Art muss man sich einfach bedanken: Danke Christopher Nolan, Danke Zoo-Palast und einen Dank an die beiden Genies mit Vision: Stanley Kubrick und Geoffrey Unsworth. Ich denke, die beiden haben zufrieden von ihrer Wolke auf den Kinosaal und in unsere staunenden Gesichter geblickt.

Titel, Cast und Crew

2001: Odyssee im Weltraum (1968)
2001: A Space Odyssey

Poster

2001 A space Odyssey 50 Jahre Kinoplakat

Kinostart

11.09.1968 (West-Deutschland)

Regisseur

Stanley Kubrick

Trailer

Besetzung

Keir Dullea (Dr. Dave Bowman)
Gary Lockwood (Dr. Frank Poole)
William Sylvester (Dr. Heywood R. Floyd)
Ron Livingston (Drew)
Douglas Rain (Stimme von HAL 9000)

Drehbuch

Diablo Cody

Buchvorlage

Nach der Kurzgeschichte "2001: Odysee im Weltraum" von Arthur C. Clarke

Kamera

Geoffrey Unsworth

Schnitt

Ray Lovejoy

Filmlänge

149 Minuten

FSK

ab 12 Jahren
Keinen Beitrag verpassen
20

Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

4 Gedanken zu “„2001: Odyssee im Weltraum“ – Eine analoge Zeitreise auf 70 mm-Film

  1. Bei uns in Hamburg hat sich das jahrelang geschlossene und nach aufwendigem Umbau in neuer Pracht wiedereröffnete Savoy der Aufgabe angenommen, alte Klassiker wiederaufzuführen. Ich bin zwar selten dabei, schätze dieses Angebot aber sehr, das offenbar von den Hamburgern auch gut angenommen wird.

    So großartig 2001 ist, würde ich ihn mir im Kino aber wohl nicht geben. Ich fürchte, dass ich irgendwann einschlafen würde (passiert mir gelegentlich auch bei actionreicheren Filmen). Auf Blu-ray habe ich Kubricks SF-Meisterwerk vor einigen Jahren geschaut. Etwas problematisch, wenn die Bildqualität so gut ist, dass dir der Hintergrund unmittelbar als gemalte Kulisse ins Auge springt, hehe (bei der Vormenschen-Szene).

    Ach so: Schöner Text!

  2. Bei aller Begeisterung und Motivation, analogen Film und gerade das unübertroffene 70mm-Format am Leben zu erhalten, müssen aus fachlicher Sicht leider Einschränkungen gemacht werden.

    1. Die neuen 70mm-Kopien sind leider nicht vom 65mm-Originalnegativ belichtet worden wie oben geschrieben steht. Dies wäre der Standard gewesen, der zur mittlerweile legendär gewordenen Brillanz des 70mm Verfahrens beitrug.

    2. Die neue 70mm-Kopie ist stark verlustbehaftet. Über mehrere Generationen gehend wurde vom Originalnegativ ein nass kopiertes Interpositiv und von diesem – trocken im Kontakt-Kopierverfahren – das 65mm-Dupnegativ erstellt, von welchem wiederum die jetzigen 70mm-Theater Kopien gezogen sind. Wären hiermit nicht Christopher Nolan und das Kopierwerk Fotokem.befasst gewesen, sondern das frühere Filmkopierwerk Metrocolor, haetten sich die Verluste in Grenzen gehalten. So war für Kenner des Films die Enttäuschung riesengroß. Zumal bei rechtzeitiger Einbindung von Fachkräften das Ergebnis deutlich schöner ausgefallen wäre, koennen erheblichen Mängel leider nicht verschwiegen werden, damit nicht der Eindruck entsteht, so und nicht anders sei das 70mm Verfahren auf den Markt gelangt:

    – der Bildeindruck ist deutlich koerniger als bei dem Premierenkopien und hält dem klassischen 70mm-Anspruch nicht stand
    – durch Kopierwerksfehler ist die Farbsättigung nun stark reduziert. Die Gehirnkammer des Supercomputers bspw. oder die Sessel in der Hotelsuite sind nicht mehr leuchtend rot, sondern beerenrot oder braun. Der Lichbestimmer kämpfte wohl damit, den vormaligen Grünstich des fehlerhaft belichteten Interpositivs gen weiß auszugleichen, wobei die Hauttöne in der Folge aschfahl absinken. In geradezu dramatischer Weise sind Detailverluste in den Schattenpartien und in den Lichtern auszumachen – über den gesamten Film. Ohnehin grau in grau drifteten alsbald auch noch die ehemals weiß strahlenden Sterne in ein blau-grün ab. Ein ähnlich verschobenes Farbspektrum bei bescheidener Bildschärfe und unangenehmer Körnigkeit ist dem Kurator Christopher Nolan und dem Kopierwerk Fotokem nicht erst mit “Interstellar” vorzuwerfen.
    Das beide Filme auf der existierenden Blu-ray-Disc deutlich natürlicher, brillanter, ausgeglichener, schärfer und farbfroher aussehen, ist eigentlich kein Kompliment für die geleistete Kopierwerksarbeit. Die neue Mischung zum DTS Datasat Digital-Ton lies die Brillanz des ehemaligen Magnettons vermissen. Schon der Orgel-Grundton der Zarathustra-Fanfare hörte sich eher an wie ein U-Bahn-Grollen. Noch nie habe ich eine 35 mm oder 70 mm Kopie dieses Titels gesehen, auch nicht nach 92 Sichtungen, die sich derart weit vom Original entfernt hat.

    – Im Homerheatre-Forum beklagt zurecht der Restaurationsleiter der 70mm-Filme VERTIGO, LAWRENCE OF ARABIA, MY FAIR LADY SPARTACUS die widersprüchlichen und irreführenden Presse Verlautbarungen der Verleih-Company und einen absoluten Mangel an Transparenz. Nachvollziehbar geht er zum Kurator Christopher Nolan auf Distanz.

    3. Im Report wird ein Bildflimmern, genauer gesagt Blendenflimmern konstatiert. Dieses gehört keineswegs zum Kunstwerk und ist auch kein Bestandteil filmischer Güten. Es handelt sich um einen Maschinenschaden der dortigen Kinoton DP 75 Projektoren, die bereits in Zeiten zweier Vorbesitzer des Zoo Palastes auf Biegen und Brechen abgenutzt worden. Auch wirkt der Film auf der dort für 70mm nun verkleinerten und zudem flachen Bildwand des heutigen Zoo Palast nicht annähernd so imposant wie im seinerzeitigen benachbarten Royal Palast im Europa Center: dort bei dreifacher Bildgröße und 120° gekrümmter Panoramabild und in einer atemberaubenden 70mm-Kopie (die wir trotz einiger Alterungserscheinungen erst im Mai während des 70mm Festivals im Centrum Panorama in Varnsdorf noch einmal aufführten, weil sie sich von der Nolan-Fassung diametral unterscheidet.)

    1. Hi Jean-Pierre,
      danke für deine fachliche Expertise und Einblicke in die doch unschönen Zusammenhänge. Da scheinen die Besucher dieser “70mm Kopie” nicht einmal annähernd an der besten Möglichkeit diesen Film im Kino zu erleben dran gewesen zu sein. Wenn du Empfehlungen von wirklich guten Vorführungen dieser Art hast, Festivals etc. Dann kannst du mir gerne eine Mail schreiben und ich mache darauf aufmerksam bzw. wenn ich es schaffe besuche ich die Veranstaltung selbst.
      Mit bestem Gruß
      Christoph

  3. Bei weitergehenden Interesse übermittele ich gerne Infos und Bewertungen (zum heutzutage stark nachgelassem Qualitätsmaßstab beim) 70mm-Film. Die A/B-Vergleiche sind oftmals schon erschütternd…

    Der Film selbst bleibt weiterhin überragend, trotz aller Misshandlungen.

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