100 Seiten: James Bond – Buchvorstellung

„Keine Zeit zu sterben“

Passend zum (immer noch) nicht erfolgten Kinostart des nächsten offiziellen Bond-Abenteuers (NO TIME TO DIE; 202?) schenkt uns der anglistische Literatur- und Kulturwissenschaftler Wieland Schwanebeck informative und wunderbar geschriebene Übergangslektüre über den berühmtesten Geheimagenten der Filmgeschichte. Wobei „geheim“ im 007-Franchise ja durchaus Auslegungssache ist. Sicher sind die Vor-Diskussionen um Details der jeweils jüngsten Bond-Story seither das eigentlich Geheimnisvolle, kaum jedoch die Tatsache, dass Bond sowieso gleich von jedem erkannt wird – von Publikum und Widersachern gleichermaßen. Bond ist Ultra-Pop, so viel ist sicher. Bond ist strenge Routine, betrachtet man die relativ gleichmäßige Anzahl an Nahtoderfahrungen, Wodka-Martinis oder hübschen Frauen. Bond ist weniger bröckelnde Fassade als vielmehr ein immer wiederkehrendes Spiel mit (mehr oder weniger guten) Angewohnheiten, das den wechselnden Zeitgeist seit Jahrzehnten erstaunlich gut übersteht. Diesen vielen Aspekten dieser Kultfigur nähert sich der Autor angenehm differenziert, gleichermaßen klug wie unterhaltsam in Reclams „100 Seiten“.

Die Bond-Formel

Die „100 Seiten“-Reihe aus dem Hause Reclam lässt eine*n Autor*in zu jeweils einem prägnanten Thema persönlich, kompakt und unterhaltsam Bezug nehmen. Die Themen bzw. Titel der einzelnen Bücher sind dabei so vielfältig wie ein bunter Blumenstrauß. Wenn wir hier natürlich den Fokus – entsprechend der Buchreihe – auf Film, Serien & TV legen, würde auch Literatur & Kultur ins Flux-Programm passen: „Asterix“ war da schon ein Thema bei Reclam, auch „Die Peanuts“. Zu den weiteren Themenfeldern der Reihe zählen u. a. Gesellschaft & Politik, (Zeit-)Geschichte oder Naturwissenschaft & Psychologie. Im Sektor Film bietet die junge Reihe (seit 2016) z. B. „Twin Peaks“ (Gunther Reinhardt), „Star Wars“ (Andreas Rauscher) oder „Monty Python“ (Andreas Pittler). Die Titel aller Themenfelder vereint eines: Popularität. Rand- oder Subkultur findet hier nur schwer seinen Platz. Soweit zur Einordnung.

James Bond 007 – Feuerball (1965) // © Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc.

James Bond passt natürlich hervorragend in diese Formel – hat die langlebigste Kinoserie der Filmgeschichte doch selbst eine solche zur Perfektion stilisiert. Bond ist nicht weniger als eine Institution, gleichermaßen kulturelles Aushängeschild und globale Wirtschaftskraft, die die Grenzen filmischer Erzählung schon längst gesprengt hat – und doch noch ganz nah am Kino ist. (Während Disney/Marvel nach Bedarf das Format wechseln, wartet immer noch alle Welt gespannt auf den neuen Bond in den Lichtspielhäusern.) Der Agent mit der Lizenz zum Töten hat einfach keine Zeit zu sterben, wie der kommende Titel geradezu programmatisch verdeutlicht. Bond steht wie kaum eine andere Marke für Wiederholungscharakter und Kontinuität, wenngleich nicht immer zum eigenen Vorteil. Die (überlebens-)notwendigen Anpassungen, um permanent mit dem Zeitgeist mitzugehen, sind bei 007 vorrangig in der äußeren Form zu erkennen: in Modernisierungen der Requisiten (Qs Techniklabor) und der Ästhetik/des Looks (der im Fall der Craig-Bonds konsequent rückwärtsgewandt ist). Das Innere, sozusagen das Herz und die Seele von 007, das führt auch Schwanebeck immer wieder vor Augen, hat sich über die nunmehr knapp 60 Jahre kaum verändert: „[J]ede Veränderung hieran muss eine Verschiebung des Gesamtgefüges nach sich ziehen – ein Schritt nach vorn bedeutet also mindestens einen zurück.“ (S. 58) Wenn doch einmal signifikantere Veränderungen in Bond-Plots Einzug hielten (Premiere in GOLDENEYE: M als Chefin), wurde die Rezeptur zugunsten Stabilisierungen in die andere Richtung gleich wieder ausgebügelt. Im Fall von M als Frau heißt das konkret: „Dass weibliche Bevormundung bei Bond kein Dauerzustand sein darf, muss auch die von Judi Dench gespielte, mütterliche Chefin M lernen. Liest sie Bond in GOLDENEYE noch streng die Leviten, verwandelt sie sich später zur fragilen Glucke, der ihr ‚bester Mann‘ aus der Patsche helfen muss.“ (S. 58). Oder konkreter: wenn M im ersten weiblich dominierten Dienstgespräch der Bond-Historie, zu Beginn von GOLDENEYE, ihren Gegenüber noch wunderbar meta-reflexiv als „sexistischen Dinosaurier“ abstempeln darf, fordert und fördert sie im Folgefilm schon wieder dessen fragwürdige Qualitäten, die Sex als Tauschware als gesetzt sehen (und das Wohlgefallen der Frauen daran im gleichen Atemzug): „In DER MORGEN STIRBT NIE nie erhält Bond von M die Anweisung, sich bei seiner alten Liebschaft Paris Carver (Teri Hatcher)‚ wieder in Erinnerung [zu rufen]‘, um Auskünfte zu erhalten; im Original ist die Wortwahl (‚pump her for information‘) in ihrer Zweideutigkeit wesentlich unzweideutiger.“ (S. 52).

James Bond 007 – Die Welt ist nicht genug (1999) // © Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc.

Diese Beispiele verdeutlichen auch, dass der Autor sehr genau arbeitet und zu den jeweiligen Themen die passenden bzw. überzeugenden Beispiele aus (sämtlichen) Bond-Filmen heranzuziehen in der Lage ist. Die Kategorisierung in drei verschiedene Frauentypen – Opferlamm, Femme fatale, Partnerin/Überlebende – in nahezu jedem Film des 007-Kosmos ist entscheidend, um Bonds männliche Dominanz als festes Strukturelemente der Geschichten (vgl. S. 58) zu rechtfertigen. Entsprechend spiegeln sich die Themen Männerbilder/Frauenbilder bei diesem Büchlein in allen der sieben Kapiteln, am stärksten in den mittleren drei.

Hier die Kapitel zur Übersicht:

001 Prolog: Keiner kann es besser (S. 1-12)
002 Sein Name sei Bond (S. 13-32)
003 „Ich brauch jetzt mal einen richtigen Mann!“ (S. 33-45)
004 Kiss-Kiss (S. 46-60)
005 Herren und Knechte (S. 61-73)
006 Der Botschafter von der Insel (S. 74-88)
007 „Hobbys?“ – „Auferstehung!“ (S. 89-100)
Im Anhang: Lektüretipps

Und ob!

Wer Reclam kennt, braucht keine großartige Erklärung derer Buchgestaltung. Ich selbst war schon überrascht, dass die „100 Seiten“-Reihe verhältnismäßig modern und dekorativ in der Umschlaggestaltung daherkommt. Die wichtigsten Schlagwörter und eine stellvertretende Miniaturgrafik zieren das Cover, bei Bond also „Ian Fleming“, „Lizenz zum Töten“, „Playboy“, „Aston Martin“ usw. sowie ein Martinigläschen. Dabei galt es nicht, ein ausschöpfendes, wissenschaftliches Standardwerk oder Design-Monolith (vgl. TASCHEN Verlag) für die Leserschaft anzubieten. Das gibt es alles bereits (im Anhang weist Schwanebeck auf ein paar lesenswerte Titel hin). Das Credo der Reclam-Reihe lautet eher: auf kompaktem Raum, den strikt vorgegebenen 100 Seiten, die Essenz des Themas darzubieten und eine möglichst flüssige Lektüre zu garantieren unter Berücksichtigung der mannigfaltigen Fakten, die in unserem Fall 68 Jahre Kulturgeschichte (angefangen 1953 bei Flemings erstem Roman Casino Royale) zwangsläufig mit sich bringen. Das ist eine Herausforderung und ein gar nicht mal so kleines Kunststück, 100 mal 007 publikationsreif hinzubekommen. Als Vorfazit: Schwanebeck hat voll ins Schwarze getroffen.

James Bond 007 – Der Spion, der mich liebte (1977) // © Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc.

Relativ gleichmäßig in ihrem Umfang sind die genannten sieben Kapitel ausgestaltet, je zwischen 13 und 20 Seiten, unterfüttert von insgesamt 20 Abbildungen, zur Hälfte Screenshots/Fotos bzw. selbst erstellte Grafiken/Tabellen. Das erste Kapitel ist dabei als Hinführung, als Prolog zu verstehen. Neben den Aspekten Bond und wie er die Welt sieht (ab S. 5) oder Das Phänomen (ab S. 8) erwartet man da als Leser bereits nichts weniger als die Essenz, die Bond-Formel in einem Bild oder einer Szene, die derart stellvertretend für den gesamten Begriff 007 stehen muss. Der Autor lässt uns nicht lange warten. Er beschreibt die Ski-Verfolgungsjagd einschließlich der ikonischen Fallschirmöffnung aus der Pre-Title-Sequenz von DER SPION, DER MICH LIEBTE (THE SPY WHO LOVED ME; 1977) als geradezu paradigmatisch. Darin stecke so ziemlich alles: Bond als unsterbliche Filmikone, actionreiche, spektakuläre Kinobilder sowie britische Souveränität und ewige Treue zu nur einer Frau: der Queen, Ihrer Majestät, in derer Geheimdienst des MI6 Bond stets verortet ist, allem globalen Exotismus zum Trotz. Wie belesen der Autor ist, merkt man an den regelmäßigen Bezügen zur internationalen Literaturgeschichte, die stets kompakt und passend eingeflochten werden, und die eine angenehm reflektierende Aufarbeitung des Themas anbieten. Etwa zur soeben erwähnten Fallschirm-Szene:

„Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard formuliert im 19. Jahrhundert seine Vorstellung vom Sprung in den Glauben – einem paradoxen Bekenntnis dazu, aller Skepsis und allem Zweifel zum Trotz jeden Tag aufs Neue das Wagnis einzugehen, sich zu Gott zu bekennen. Vielleicht ist James Bonds Sturz von der verschneiten Klippe ja in dieser Tradition zu sehen: als vorsätzlicher, alle Zweifel über Bord werfender Sprung ins Und ob!, der uns der sturen Gebote des Realismus enthebt und in der vage begründeten Hoffnung (bei Kierkegaard: im Gottvertrauen) geschieht, man werde schon sicher landen oder zumindest ein paar Zentimeter über dem Boden aufgefangen, wie Bond von den überdimensionierten weiblichen Händen, die ihn sachte in den Vorspann des Films hinüber gleiten.“

Das zweite und längste Kapitel (Sein Name sei Bond, S. 13-32) beschäftigt sich mit den Anfängen, Ian Flemings Leben und Wirken, den ersten Filmen und der Bond-Formel (Der Bond-Baukasten) rund um das Schaffen einer Filmreihe mit Wiedererkennungswert. Die wichtigsten Beteiligten, die Bond zur kulturellen Ikone gemacht haben, die sie bis heute ist, werden dabei durchaus berücksichtigt, obschon man hier keine seitenlangen Abhandlungen über bspw. das Set-Design von Ken Adams plus Bilder oder andere filmästhetische Exkurse erwarten sollte. Schwanebeck geht es im restlichen Großteil von 100 SEITEN: JAMES BOND vor allem um die Figur Bond, das, wofür er im film- und soziohistorischen (auch politischen) Diskurs steht. Dabei werden prägnante Ausschnitte und Szenen aus den Filmen genutzt, um die Marke Bond bestmöglich zu dechiffrieren, auf allgemeiner soziokultureller Ebene zu diskutieren. Da fehlt es bei 007 natürlich nicht an Material, dies aber treffsicher auf den Punkt zu bringen und sich dabei nicht in der Fülle von Verweisen und Referenzen zu verlieren, bedarf einer durchdachten und zugänglichen Methode, die der Autor vollumfänglich erfüllt.

James Bond 007: Casino Royale (2006) // © MGM, Inc/Twentieth Century Fox Home Entertainment

Entsprechend der bereits angesprochenen Themenfelder Männerbilder/Frauenbilder bei Bond dreht sich in den Kapiteln 003 bis 005 alles um das Eine – und doch so viel mehr. „Ich brauch’ jetzt mal einen richtigen Mann!“ ist natürlich bewusst provokativ als Überschrift gesetzt, zugleich Filmzitat, um Klischees bzw. (Ab-)Bilder von Männlichkeit bei Bond näher zu betrachten – wobei man hier, wie Schwanebeck später noch treffend formuliert, bei Bond ewig suchen darf, um die prekäre Region „zwischen Solarplexus und Oberschenkel“ (Zitat Fleming) wirklich auszumachen. Letztlich handelt es sich bei den Bond-Filmen um familientaugliche Filme entsprechend dem anglo-amerikanischen Konzept: Tote: ja, Sex: nein. Alle Hauptdarsteller der offiziellen Eon-Reihe, von Connery bis Craig, werden hier in ihrem jeweiligen Image einschließlich Alterskurve quer über alle Filme unter die Lupe genommen. Der Autor zieht dabei u. a. auch eine interessante Verbindungslinie zwischen den späteren Einsätzen jeweils verschiedener Bond-Darsteller, bezieht einmal mehr seine fruchtbaren Kenntnisse aus der Literatur ein:

„Bonds Männlichkeit mag inzwischen nicht mehr so grobschlächtig entworfen sein wie noch vor einem halben Jahrhundert im Film Diamantenfieber, in dem 007 einen in Frauenkleidern getarnten Gegenspieler bekämpft und am Schluss zwei schwule Auftragskiller hinrichtet bzw. kastriert. Aber für eine völlige Frischzellenkur ist der klassische Bond-Habitus ein zu rigides Korsett und besinnt sich 007 zu häufig auf alte Gewohnheiten. Das gilt besonders für alternde Bonds in ihren letzten Einsätzen, wenn sie plötzlich (so wie Sean Connery in Sag niemals nie oder Roger Moore in Im Angesicht des Todes) eine Rekordzahl an sexuellen Eroberungen machen. Martin Walser, der einen Roman mit dem aus der Botanik entlehnten Titel Angstblüte (2006) geschrieben hat, definiert das Phänomen so: ‚Bäume [schmeißen] in der Panik vor dem kommenden Tod noch einmal mit Samen um sich.‘“ (S. 35f)

Bei Kiss-Kiss (ab S. 46) geht es dann ans Eingemachte. Auch hier beweist der Autor Feingefühl, differenzierte Formulierungen und bietet eine ebenso kritische wie unterhaltsame Lektüre. Dabei ist es z. B. erhellend zu sehen, wie bereits in einigen (Dreh-)Buchvorlagen und Filmversionen Geschlechterfragen permanent, freilich vorsichtig, durchgespielt wurden – im Roman Moonraker (1955) wird der Held von seinem Schöpfer gar mit wiederholter Entbehrung bestraft. Übergriffe bzw. ‚gewollte‘ Vergewaltigungen – in Flemings Romanvorlagen (heikel: Der Spion, der mich liebte, 1962) zumeist ganz unverblümt beschrieben – werden analytisch und kritisch beobachtet, einmal, im berühmt-berüchtigten Fall von GOLDFINGER (1964; Roman: 1959), gar mit einer treffenden Perscheid-Karikatur unterlegt (S. 50).


Leseprobe: Einleitung

Import/Export

Das fünfte Kapitel Herren und Knechte beschäftigt sich mit Bonds Gegenspielern. Auch hier sollte man keine lückenlose Schurkengalerie mit Steckbriefen erwarten (allein darüber könnte man ein eigenes Buch schreiben). Ein Destillat daraus wird in dem durchaus ambivalenten Verhältnis zwischen Held (Bond) und Bösewichten (Opfern) beschrieben. Kalter Krieg wirkt dabei eher wie eine amüsante Spielart, besitzt Schurkenhaftigkeit bei Bond doch weit existenzialistischere Züge. Furchtsam-fasziniert vernimmt man jenen Aspekt, wonach permanent antisemitische Charakteristika im Antagonisten-Katalog aufgefahren werden: die Bosse der Unterwelt, wenngleich sie häufig Hitler-Nacheiferer sind, werden regelmäßig als Menschen mit (sichtbaren) Makeln bzw. Behinderungen dargestellt (Dr. No, Blofeld, Silva u. a.) Hier mal noch etwas Finsteres zu Le Chiffre, direkt aus der Textschmiede Flemings:

„Ian Fleming hat seine Bösewichte aus etablierten Versatzstücken der Kriminal- und Spionageliteratur seit dem 19. Jahrhundert recycelt. Der allererste Bond-Schurke, Le Chiffre, wird in Casino Royale als launige Mischung aus Fremdheits- und Effeminiertheitsklischees eingeführt, und allzu sehr weicht der Autor in späteren Büchern eigentlich nie von diesem Schema ab. Laut Geheimdienstdossier hat Le Chiffre das Konzentrationslager von Dachau überlebt; körperliche Merkmale (!) legen nahe, er habe ‚jüdisches Blut‘ in sich. […] Schnell wird klar, dass es Bond nicht mit einem ‚richtigen‘ Mann zu tun bekommen wird – strategisch eingestreute Hinweise auf Le Chiffres ‚weiblichen Mund‘ und seine zu kurz geratenen Gliedmaßen sprechen da eine unzweideutige Sprache. […] Devianz im Erscheinungsbild wird mit Hässlichkeit gleichgesetzt, die sich wiederum im hässlichen Charakter niederschlägt – das ist krude, aber keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der James-Bond-Geschichten.“ (S. 61)

Das kippende Verhältnis von Altersunterschieden zwischen Bond und bad guy (Generationenkonflikt, dazwischen: Abel-und-Kain-Metaphern) spielt hier ebenso eine Rolle, wie die nur äußerst zaghafte Unternehmung, dem ultimativen Bösen den definitiven, modernen Anstrich zu verleihen. Bonds Schurken bleiben Archetypen (zuletzt Christoph Waltz in SPECTRE, Datenkraken hin oder her), wenngleich hier das gegnerische Feld aus EIN QUANTUM TROST (2008) in seiner ökoterroristischen Aktualität gerne noch hätte Eingang finden können. Aber es schadet sicher nichts, noch einmal die universellen, bösartigen Qualitäten von Stromberg (Curd Jürgens in DER SPION, DER MICH LIEBTE, 1977) und Drax (Michael Lonsdale in MOONRAKER, 1979) kontextualisiert zu wissen, gerade auch wenn Bonds finaler Sieg, wie schon erwähnt, dem seines Widersachers häufig gar nicht so unähnlich ist:

„007 vereitelt den Triumph dieser Herrenrasse natürlich, nur suggeriert der Schluss des Films, dass Drax’ Plan ziemlich genau Bonds Weltbild entspricht. Schließlich führen Bonds Abenteuer dem Publikum permanent vor Augen, dass die körperlich potente, weiße Elite überlebensfähiger ist – weißer, attraktiver Mann besiegt Gegenspieler mit dubiosem Stammbaum und wird mit weißer, attraktiver Frau belohnt. Am Schluss von Moonraker darf sich Bond, nachdem er die Arche zerstört und Drax getötet hat, mit der schönen und schlauen Wissenschaftlerin Holly Goodhead (Lois Chiles) unter einem weißen Laken paaren. Das unterscheidet sich von Drax’ Vision eigentlich nur dadurch, dass Bond und Goodhead dabei keinen Nachwuchs zeugen möchten“ (S. 72f).

Eine Texttafel über Bonds sportliche Duelle lockert das – passenderweise – etwas finstere Kapitel auf und man darf sich darüber amüsieren, dass der Super-Agent selbst regelmäßig als Betrüger entlarvt wird (aber eben damit durchkommt). Drei denkwürdige Seiten sinnieren über Sinnhaftigkeit der doch eher unattraktiven Beschäftigungsverhältnisse mancher Handlanger (Oddjob & Co.) und enden mit einem phänomenalen Seitenhieb auf Windows 95.

James Bond 007 – Im Angesicht des Todes (1985) // © Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc.

In Der Botschafter von der Insel beschreibt Schwanebeck auf 15 Seiten Bonds Export-Qualitäten. Das beginnt mit der unverwüstlichen Treue zu Queen Elizabeth II., die zum 50. Kino-Dienstjahr ihres größten Beschützers selbst als Bond-Girl ran durfte (im Olympia-Spot, 2012, R: Sam Mendes). In Auftrag Ihrer Majestät schließlich darf 007 seither der ganzen Welt – also dort, wo es noch irgend möglich ist – britische Lebenskultur verinnerlichen. Diesbezüglich wird der eindeutige Kolonialgeist des Briten entlang prägnanter filmischer Motive untersucht. Besonders Roger Moores Inkarnation als immer älter werdender, weißer Mann trägt laut Schwanebeck sehr zum Image des immer fragwürdigeren Kolonialherren bei (wir erinnern uns: 1977, als kamelreitender Botschafter in Ägypten inkl. LAWRENCE VON ARABIEN-Filmmusik; oder 1985, in IM ANGESICHT DES TODES, der auf keinem Bond-Skript, sondern auf H. Rider Saggards König Salomons Diamanten basiert). Der Autor bemerkt ganz richtig, dass es Afroamerikaner*innen im Bond-Kosmos erst nach der Jahrtausendwende besser erging. Zuvor haftete ihnen durchweg ein verklärt-dunkler Zauber an (LEBEN UND STERBEN LASSEN; 1973) oder sie waren vor allem für Dienstleistungen gut (DR. NO, 1962; FEUERBALL, 1965).

Im letzten Kapitel resümiert Schwanebeck sechs Jahrzehnte Bond, offeriert in einer Texttafel Strukturtipps für schlagkräftige Filmtitel und schenkt uns noch ein Quiz für Fortgeschrittene, das Kenntnisse über sowohl den Filmkosmos, als auch Literaturvorlagen, Folgeromane und Computerspiele voraussetzt. Die letzten Seiten sind nicht weniger als eine Reflexion über Bonds eigene Sterblichkeit: über dessen Todessehnsüchte und Überlebenswille. Längst ist Bond als einzelne Figur nicht mehr zu begreifen, er ist eine Art Best-of gesammelter Werke über die Lust am Sterben und die (Un-)Lust am Leben. Und auch wenn wir alle noch nicht (auch nicht der Autor, obschon er den Titel immer wieder dezent einstreut) NO TIME TO DIE gesehen haben und mit gewissen Änderungen rechnen dürfen – Bond bleibt Bond. Und was noch viel gewichtiger ist: Bond will return.

Zugabe: die 007 Top-Zitate des Buchautors

Wer über einen derart superpopulären Titel wie James Bond eine möglichst sorgfältige Abhandlung für die breite Leserschaft kreiert, der kommt nicht drum herum, selbst ein paar markante Noten zu hinterlassen. Der Autor möge es mir nachsehen, dass ich seine Leidenschaft zu 007 nicht nur teile, sondern auch seinen gelegentlich eingestreuten Sprachwitz in einer Art eigener Bond-Formel für die potenziellen Lesenden zum Besten geben möchte. Spätestens hier erkennt man Mr. Schwanebecks Liebe zum auch komödiantischen Aspekt Bonds, der natürlich in der Roger-Moore-Phase (1973-1985) seine ultimative Entsprechung fand. Zwar sind die Einzelsätze etwas aus ihrem Zusammenhang gerissen – häufig beschließen sie kongenial eigene Absätze – doch es dürfte einen verbesserten Vorgeschmack auf die zu erwartende Lektüre geben (Ranking persönlich aufsteigend in Richtung 007)

001 | „Wenn man nicht spätestens in der Adoleszenz durchschaut, dass das ganze ‚nur Fiktion‘ ist, rächt es sich später im Leben – der inzwischen in Ungnade gefallene Prinz Andrew bekam zu seinem 6. Geburtstag eine funktionstüchtige Miniausgabe des Bond’schen Aston Martin geschenkt.“ (Kapitel 003, S. 35)

002 | „Leider haben es weder die riesige Wäscheschleuder-Foltermaschine noch die mechanischen Bombenhaie je in einen der Filme geschafft, und auch auf den in einer Kirche unterschlüpfenden Bond, der sich als Jesus am Kreuz tarnt, wird man wohl ewig warten müssen.“ (Kapitel 002, S. 28)

003 | „Näher ist die Bond-Reihe einem klassischen Moment reiner Schurkenhaftigkeit eigentlich nie wieder gekommen als mit diesem kleinen Revanche-Foul gegen Windows 95.“ (Kapitel 005, S. 70)

004 | „Aus dem Geheimagenten ist ein Geh-heim-Agent geworden.“ (Kapitel 004, S. 45)

005 | „Das ist schon eher die explosionsartige Entladung eines seit mehreren Jahrzehnten andauernden Samenstaus, die der französischen Orgasmusmetapher vom ‚kleinen Tod‘ (la petite morte) bedenklich nahekommt.“ (Kapitel 004, S. 46)

006 | „Manchmal muss man in den eisigen Norden Kanadas reisen, um dem Publikum einen Eindruck von der Schönheit Österreichs zu vermitteln.“ (Kapitel 001, S. 5)

007 | „Wenn Bond eine verkappte Dorian-Gray-Figur ist, dann sind Q und Moneypenny die im Dachgeschoss dahinvegetierenden Porträts.“ (Kapitel 007, S. 100)

Fazit

Bond is back. Oder war er jemals weg? Kultur- und Literaturwissenschaftler Wieland Schwanebeck legt mit seinen „100 Seiten: James Bond“ ein überaus gelungenes Exemplar filmischer Begleitlektüre vor. Er verbindet hard facts mit eigenen Beobachtungen und gibt allem mit seinem wunderbar zu lesenden Schreibstil eine schöne Form. Für 10 € bekommt man zum Thema „Bond“ nichts Aktuelleres, Unterhaltsameres und in der Informationsvermittlung Gelungeneres als dieses klug geschriebene Büchlein. Für Quasi-Außenstehende ebenso geeignet wie für 007-Vollprofis, denen den Autor dank seiner zielführenden kontextuellen Bezüge zweifellos noch Neues aufzeigen kann. Volle Flux-Punktezahl für eine Publikation, die nicht von vornherein durch ihr gewähltes Thema gewinnt, sondern durch das sprachliche Charisma, mit dem dies dargeboten wird. Wir sind uns sicher: Wieland Schwanebeck will return.

© Stefan Jung

  • 100 SEITEN: JAMES BOND
  • Reclam-Verlag
  • 100 S. 15 Abb. und Infografiken
  • Broschiert. Format 11,4 x 17 cm
  • ISBN: 978:3-15-020577-8
  • Link zur Leseprobe
  • Preis 10 € Bei Amazon bestellen oder direkt beim Verlag 

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