The Square Filmkritik Fluxkompensator

The Square – Filmkritik

Kunst im Quadrat

Vor Kurzem bekam das teuerste Kunstwerk in Privatbesitz ein neues Gesicht: Leonardo da Vincis „Salvador Mundi“. Für die Summe von 450 Millionen Dollar (ca. das Bruttoinlandsprodukt von Rumänien, 2016) ging dieser Quadratmeter Gemälde an einen unbekannten Käufer. Die Kunstbranche der Superlative unterliegt dem Gefecht zwischen Angebot und Nachfrage und löst bei vielen nur noch Kopfschütteln aus. Außerdem, welcher Durchschnittsbürger geht heute noch regelmäßig in eine Kunst-Ausstellung? Noch seltener wird es bei zeitgenössischer Kunst, die sich gegen eine monumentale Kunstgeschichte erst noch beweisen muss. Sie ist meist zu abstrakt, schwer zugänglich und ist teilweise bereits Unsummen wert. In diesem Umfeld schlägt „The Square“, der in Cannes 2017 mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, sein Lager auf, aber mit einem leichter zugänglichen Kunstmedium: Dem Film.

Inhalt von „The Square“

Der Kurator des schwedischen Museums für zeitgenössische Kunst in Stockholm Christian (Claes Bang) hat nicht nur damit zu kämpfen für seine neue Ausstellung öffentlich wirksam zu werben, sondern auch im eigenen Alltag. Ihm wird zu Filmbeginn auf dem Weg zur Arbeit, in fast theatralischer Weise, das Portmonee geklaut. Dabei wollte er eigentlich eine Frau beschützen, aber es ist ein abgekartetes Spiel und Christian verliert Geldbörse, Smartphone und Großvaters Manschettenknöpfe. Seinen gestohlenen Besitz wird er durch ein fragwürdiges Unterfangen wiederbekommen, aber dadurch auch weiteren Ärger hervorrufen. Gut und Böse sind bei „The Square“ nicht immer klar zu erkennen und der moralische Kompass von Christian ist zwar in die richtige Richtung eingestellt, lässt sich aber zu leicht ablenken: Wilde Eröffnungspartys, streitsüchtige journalistische Liebschaften, Wochenend-Vater für zwei Kinder und eine Museumsleiterin, die jedes Versagen dokumentiert.

The Square Filmkritik Fluxkompensator
© 2017 Alamodefilm

1001 Themen in einem Film

Regisseur und Drehbuchautor Ruben Östlund sorgt aber auch für Humor und der Film ist für seine 2,5 Stunden und Themen, die er behandelt unterhaltsam. Um nur ein paar Beispiele zu nennen, welche gesellschaftlichen Themen und politischen Debatten in „The Square“ angesprochen werden: Arm-Reich-Schere, soziale Verantwortung, Erziehung, Zensur, digitale Schnelllebigkeit, Toleranz und viele mehr.  Aber dieser Berg an Debatten wird in einer solch lebendigen Geschichte um Christian erzählt, dass es dem Zuschauer leicht fällt damit umzugehen. Ich wurde dann doch bei einer Kunstperformance, während einer Dinnerparty mit den großzügigen Geldgebern des Museums, aus meiner passiven Wohlfühlzone des Kinosessels gerissen. Wenn jemandem Unrecht angetan wird und alle aus Angst tatenlos sitzen bleiben, kann ich mich auch nicht gemütlich zurücklehnen. Hier beginnt „The Square“ ein Aufruf zu werden und unser passives Verhalten zu kritisieren. Die Kamera gibt uns durch ihre statischen Bildausschnitte die Ruhe zum Nachdenken und Betrachten. Es ist wie in einer Fotoausstellung von Bild zu Bild zu gehen mit genug Pausen, das Gesehene zu verarbeiten.

The Square Filmkritik Fluxkompensator
© 2017 Alamodefilm

Gegenwartskunst im Dialog

Eine Szene bleibt, neben der Dinner-Szene mit der Primaten-Kunstperformance (siehe Filmposter), welche sicherlich einen Platz in der Filmgeschichte erhalten wird, mir besonders im Gedächtnis: Die Journalistin Anne, angenehm verrückt und naiv von Elisabeth Moss gespielt, diskutiert mit Christian in den Ausstellungshallen des Museums. Im Hintergrund ist ein Berg aus Stühlen, die optisch besonders instabil aufeinander getürmt sind. Die Installation besitzt einen Motor und der Stuhl-Turm schwank geräuschvoll hin und her. Nach einer gewissen Zeit kommt das ohrenbetäubende Geräusch des Einsturzes aus Lautsprechern, ohne das der Turm zusammengebrochen ist. Kurz danach beginnt das Schwanken von Neuem. Durch dieses Kunstwerk im Hintergrund bekommt die Diskussion – Christian wollte nur Sex, Anne eine Beziehung – eine erstaunliche Dynamik. Beide sind kurz vor einem großen Streit, jedoch erledigt dies für sie das „Bersten des Turmes“ im Hintergrund und Beide argumentieren flüsternd weiter. Eine seltsame Szene mit viel Platz für Interpretationen, die sich aber auch sehr echt anfühlt.

„The Square“ zeigt wie leichtfertig skandinavische Filmemacher mit schwierigen Themen umgehen, aber trotzdem jedem Zuschauer neue Gedankenansätze mit auf den Weg geben können. Zeitgenössische Kunst muss sich nicht beweisen, weil sie mit Herz und Verstand unsere Gegenwart abbildet und dadurch die Menschen mehr bewegt als ein 500 Jahre altes Ölgemälde. Das vermittelt nicht nur die Hauptfigur Christian, wenn er über die Ausstellung redet, sondern auch „The Square“ als Kunswerk an sich!

Cast und Crew

The Square (2017)

Poster

The Square Film-Poster Filmkritik

Veröffentlichung Deutschland

ab 19.10.2017 im Kino

Regisseur

Ruben Östlund

Schauspieler

Claes Bang (Christian)
Elisabeth Moss (Anne)
Dominic West (Julian)
Molly Parker (Sheila Smith)

Trailer

Drehbuch

Ruben Östlund

Kamera

Fredrik Wenzel

Schnitt

Jacob Secher Schleusinger
Ruben Östlund
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