The Green Fog Titel Berlinale Forum

The Green Fog – Filmkritik | Berlinale Special

„Hitchcocks Vertigo im Remix“

In der Berlinale Sektion Forum sind Filme zu bestaunen, die auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Unterhaltung wandeln. Das kann manchmal sehr anstrengend und langweilig sein. Aber ab und zu öffnet sich eine Tür, zu einer Welt aus der man nicht zurückkehren und von der man mehr sehen möchte. Dies schafft der Film „The Green Fog“ auf der 68. Berlinale mit einer ganz bemerkenswerten Arbeitsweise.

The Green Fog Berlinale Guy Maddin
© Extra Large Productions

„Editing… is visual poetry.“ – George Lucas

Ein Film entsteht erst vollständig bei der Montage, also im Schnittraum. Guy Maddin hat zusammen mit Evan Johnson und Galen Johnson, die Erstellung eines Drehbuchs, das Schauspieler-Casting und den Filmdreh übersprungen. Mit dem Hitchcock-Meisterwerk „Vertigo“ (1958) als Inspiration sind sie gleich zur Filmmontage übergangen. Grundlage bildet bekanntes und unbekanntes Filmmaterial aus den Archiven Hollywoods. Um die Sehgewohnheiten des Publikums nicht zu sehr zu strapazieren, wurden ausschließlich Filme ausgewählt, die wie auch „Vertigo“ in San Francisco spielen und davon gibt es mehr als man denkt. Die Film-Monteure springen durch die Filmepochen genauso wie durch die steilen Straßen der Bay Area. Es gibt Verfolgungsjagden mit Sidney Poitier und Chuck Norris über die Dächer der Stadt, mehrere Menschen stürzen von Dächern und es wird gemütlich durch die Straßen von San Francisco gecruist. Die Kombinationen wechseln leichtfüßig durch unterschiedliche Filmqualitäten. Dies ist so flüssig geschnitten und montiert, dass man bei dieser perfekten Handwerkskunst nur noch grinsend im Kinosessel sitzen kann. In „The Green Fog“ wird kaum gesprochen und die Treffen der Figuren sind auf die großen Mimiken und Gesten reduziert. Das kann ausgesprochen lustig sein und verdeutlicht auch, dass der Dialog meist nur Beiwerk ist.

The Green Fog Berlinale Guy Maddin
© Extra Large Productions

Perfekt vertonte Filmgeschichte

Neben den präzisen Schnitten, ist der komplette Film mit der Musik von Jacob Garchik vertont. Sie ist ganz im Stil der golden Zeiten Hollywoods gehalten und weiß genau, wann sie dem Zuschauer welche Emotion zu entlocken hat. Die Filmemacher Maddin, Johnson und Johnson schneiden nicht nur die Filmszenen in eine neue Reihenfolge, sondern vergrößern auch Ausschnitte, verändern die Geschwindigkeit und setzen auch einmal Szenen in Monitore, die zu sehen sind. Das geschieht aber alles zu Gunsten des Schnittflusses und der Geschichte. Ja, eine Story entsteht nämlich unweigerlich in den Köpfen der Zuschauer, denn jahrelang hat die Filmmontage uns gelehrt Zusammenhänge zu erkennen. „The Green Fog“ ist aber nicht nur ein Beweis welche Macht die Reihenfolge von Bildern hat, sondern ist auch eine Liebeserklärung an das filmische San Francisco. Es gibt Ausschnitte aus „In the Heat of the Night“ (1967), „Bullitt“ (1968), Star Trek IV (1986) und aktuellen Produktionen wie Godzilla (2014). Selbst eine längere Montage von Chuck Norris-Szenen, zum Beispiel aus „An Eye for an Eye“ (1981), zeigt den Schauspieler in einer solch meditativen Ruhe, wie man sie so nicht von ihm kennt. Norris wird in diesem Film zu einer geheimnisvollen, sensiblen und nachdenklichen Figur.

The Green Fog Berlinale Guy Maddin
© Extra Large Productions

„The Green Fog“ macht nicht nur Lust sich wieder mit Klassikern der Filmgeschichte zu beschäftigen, sondern ist auch ein interessantes Experiment, wie weit ein Filmschnitt gehen kann ohne die Fantasie des Zuschauers zu sehr zu fordern. Ich hoffe hiermit innig auf einen Lizenzkäufer, so dass noch viele dieses Erlebnis machen können. So macht Filmkunst Spaß!

Berlinale Datenblatt

Cast und Crew

The Green Fog (2017)

Poster

The Green Fog Poster Berlinale Guy Maddin

Regisseur

Guy Maddin
Evan Johnson
Galen Johnson

Trailer

Musik

Jacob Garchik

Filmlänge

62 Minuten

Schnitt

Guy Maddin
Evan Johnson
Galen Johnson
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20

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