Joseph Gordon-Levitt Snowden Filmkritik

Snowden – Filmkritik

Ein Oliver Stone Film ohne Biss, aber dafür mit Herz

Vor politisch umstrittenen Personen hat sich Oliver Stone noch nie gescheut. Es darf für den dreifachen Oscargewinner (Drehbuch zu „Midnight Express“ (1978), Beste Regie für „Platoon“ (1986) und „Geboren am 4. Juli“ (1989)) auch gerne amerikakritisch sein. Und außerdem, welcher US-Regisseur kann schon von sich behaupten mit Vladimir Putin und Fidel Castro Interviews geführt zu haben?
Der Whistleblower Edward Snowden ist nach seinem Weg an die Öffentlichkeit direkt in Stones Fokus geraten. Er nannte ihn vor den Medien einen Helden und scheute nicht vor Kritik dafür. Das Interview-Format mit Snowden schien Stone wohl zu ausgereizt  und er wollte das Menschliche der Person in den Mittelpunkt rücken. Mit Joseph Gorden-Levitt in der Hauptrolle und der Unterstützung der deutschen Filmförderung ist ihm dies auf besondere Art und Weise mit dem Film „Snowden“ gelungen.

Der Autodidakt Edward Snowden (Joseph Gorden-Levitt) will treu seinem Vaterland dienen und beginnt seine Ausbildung bei der Special-Forces-Einheit der US Army. Dort bricht er sich beide Beine und wird, wegen seiner maroden Knochen, ausgemustert. Er beginnt, weiterhin von patriotischen Gedanken getrieben, eine Ausbildung bei dem US Geheimdienst: CIA. Dort werden seine digitalen Talente im Cyber-War-Zeitalter gern genutzt und Snowdens herausragenden Fähigkeiten bringen ihn ganz tief in den Kaninchenbau des US-Geheimdienstes. So weit hinein, dass er selbst, auch unter Einfluss seiner liberalen Lebenspartnerin Lindsay Mills (Shailene Woodley), die Verletzungen der persönlichen Grundrechte jedes Menschen auf der Welt nicht mehr erträgt und an die Presse geht. Das macht ihn zum Dissidenten und Feind der USA auf Lebenszeit.

Verstehen durch Kennenlernen

Oliver Stone findet einen für ihn untypischen Ansatz zur medialen Figur Snowden. Dem schüchternen und kamerascheuen Computer-Nerd nähert er sich auf eine sehr sympathische und menschliche Art. Allem voran steht die Beziehung von Snowden zu seiner großen Liebe Lindsay Mills im Vordergrund. Wie kann eine Beziehung zu jemanden überhaupt funktionieren, der nicht über seine Arbeit reden darf und diese ihn zusehens immer unglücklicher macht? Joseph Gordon-Levitt („Looper“, „Walk the Line“, „Don Jon“) stellt nicht nur wieder einmal seine Wandelbarkeit unter Beweis, sondern zeigt auch in seiner Mimik und Gestik, dass er Snowden perfekt studiert hat. Shailene Woodley („Die Bestimmung“) muss hier hart arbeiten, um bei Levitts punktgenauem Schauspiel nicht unterzugehen. Das gelingt vor allem in den Streitsituationen der Beiden. Sie sind dann ein Paar mit Problemen, die in jeder „normalen“ Beziehung auch vorkommen können. Zum Ende des Films, wenn einem selbst als politisch unbelesenem Bürger die Fakten gezeigt werden, macht diese Beziehung durchaus Sinn. Denn ohne seine Freundin wäre Snowden gar nicht erst bewusst geworden, wie leicht es ist in die Privatsphäre der Menschen einzudringen und bereits bei Verdacht, alles über den Anderen herauszufinden. Ohne diese Bindung hätte er sicherlich die Beziehung zur Gesellschaft verloren und wäre moralisch fragwürdig in seiner CIA-Karriere vollständig aufgegangen.

In der von Oliver Stone gewohnt wechselhaften Darstellung der Bilder wird der Film nie langweilig. Die Bildeinstellungen gehen flüssig von Blicken aus Webcams über angebundene Kameras bis hin zu detailreichen Landschaftsaufnahmen. Ein besonders gefühlvoller Unterton ist der musikalischen Arbeit von Craig Armstrong („Eiskalte Engel“, „Moulin Rouge!“) zu verdanken. Sehr schade, dass Armstrong nicht häufiger für aktuellen Filmkompositionen gebucht wird.
Was Stone ebenfalls trotz des recht bürolastigen Szenenbilds sehr gut gelingt, ist es, die komplexen digitalen Zusammenhänge zu erklären ohne sich häufig grafischer Visualisierungen zu bedienen. Das zeigt ebenfalls, wie verständlich das Drehbuch inklusive der Dialoge geschrieben ist und auch einen gewissen Respekt gegenüber der agierenden Personen.

„Snowden“  gibt einen bewussten Kommentar auf die Antwort, dass „man doch nichts zu verbergen hat“. Warum sich also aufregen?
Doch das muss man! Jeder hat seine Geheimnisse, die für eine erpresserische Handlung genutzt werden können. Selbst wenn die eigene Weste blütenweiß ist, haben sicherlich genug Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen Geheimnisse, die gegen einen selbst benutzt werden können. Dem Film kommt leider der politische Protest, aufgrund der biografischen Darstellung, ein bisschen abhanden. „Snowden“ ist dennoch ein ungewöhnlich liebenswerter Film von dem sonst rebellischen Oliver Stone und ein würdige Verbeugung vor dem Mann, der für unsere Grundrechte sein privilegiertes Leben aufgegeben hat.

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