Park Chan-wook © BAFTA.

Park Chan-wook – Filmografie

Aus Liebe zur menschlichen Psyche

Die recht überschaubare südkoreanische Filmindustrie Anfang der 2000er Jahre ist hauptsächlich durch einen Namen zu internationalem Ansehen gekommen: Park Chan-wook. Der Cannes-Dauergast, Philosoph, Künstler und Vielleser schafft es immer wieder uns Filme zu zeigen, die länger als der übliche Durchschnitt in unseren Gedanken verbleiben. Das liegt nicht nur an der rohen Gewalt in seinen Filmen, sondern auch an der Spiegelung der dunkelsten Ecken unserer Psyche. Dass er sich, seit seinem international erfolgreichsten Film „Oldboy“ (2003), hauptsächlich weiblichen Protagonisten zuwendet, macht seine Arbeit nicht nur interessanter und moderner, sondern auch wichtiger gegenüber der aktuellen Filmware.

Der Beginn zum Erfolg

Park Chan-wook ist in Seoul aufgewachsen und studierte Philosophie. Er schrieb währenddessen erste Artikel zum Thema Film. Nachdem er Hitchcocks „Vertigo“ (1958) gesehen hatte, beschloss er selbst Filmregisseur zu werden. „The Moon is… The Sun´s Dream“ (1992) ist sein erster Spielfilm. Er handelt von einem Gangster aus Busan, der eine Affäre mit dem Dienstmädchen seines Bosses beginnt woraufhin beide mit dem Geld der Organisation durchbrennen. Diese simple Grundhandlung strickt sich zu einem äußerst komplizierten moralischen Geflecht, bis die Hauptfigur zu Ende des Films vor einer schweren Entscheidung steht. Chan-wooks Ideenfindung für seine Filme wird bei seinem Debüt sehr deutlich. Die Basis der Handlung muss sich „innerhalb einer Zigarettenlänge entwickelt haben“ und darf schriftlich maximal auf ein A4-Blatt passen. Daraufhin arbeitet er wochenlang an dem Drehbuch und baut eine Vielzahl von Wendungen und Metaebenen in die Geschichte ein. Seine Arbeiten sind dadurch komplex, aber trotzdem beim ersten Sehen leicht zu verstehen und für Wiederholungstäter immer wieder interessant.
Nach einem wirtschaftlichen Misserfolg seines zweiten Films „Trio“ (1997) musste er, wie er es selbst in einem Interview sagte, um „Brot auf den Tisch der Familie zu bekommen“ weiterhin als Filmkritiker arbeiten. Er leidet stark unter der Analyse von Filmen anderer und beginnt nach der Drehbucharbeit an „Anarchists“(2000) mit dem Dreh des Films „Join Security Area“ (2000).
Die Geschichte über einen Mordfall in der gemeinsamen Sicherheitszone von Nord- und Südkorea wird mit typischen Krimi-Elementen non-linear erzählt und führt Stück für Stück in eine seltene Freundschaft von Soldaten beider Seiten. So eine Geschichte ist bei aktueller politischer Lage leider unvorstellbar und das Bestreben Parks nach der Wiedervereinigung Koreas hat sich leider nicht erfüllt. „J.S.A.“ wurde einer der erfolgreichsten Filme in Südkorea und mit viel positiver Resonanz auf internationalen Filmfestivals gezeigt.

Rache wird am Besten dreifach serviert

Nach diesem finanziellen Grundstein mit J.S.A. konnte Chan-wook seine kreative Unabhängigkeit ausleben und drehte „Sympathy for Mr. Vengance“ (2002). Es ist der Beginn seiner Rache-Trilogie. Der Film handelt von dem taubstummen Ryu, der dringend eine Niere für seine todkranke Schwester benötigt. Die kontaktierten Organhändler täuschen ihn jedoch und Ruy wird Kidnapper, um Geld für die Arztkosten aufzutreiben. Der Film schafft eine Spirale der Rache unterschiedlicher Personen, die am Ende teuer dafür bezahlen werden. Mit einer Hauptfigur, die weder sprechen noch hören kann, bewies Chan-wook wie gut er visuell erzählen kann. Die noch recht rohe Ausstattung und etwas unübersichtliche, erzählerische Linie des Films wird von seinem Nachfolgefilm „Oldboy“(2003) um ein Vielfaches verbessert.

Olboy Setbild Park Chan-wook
Choi Min-sik und Park Chan-wook am Set von Oldboy

Oh Dae-su (Choi Min-sik) wird von Unbekannten entführt und in ein heruntergekommenes Zimmer gesperrt. Keiner spricht zu ihm. Er erfährt nicht, warum er eingesperrt wurde und seine einzige Kommunikation zur Außenwelt ist ein Fernseher. Nachdem er kommentarlos 15 Jahre später wieder freigelassen wird, sucht er nach Antworten und demjenigen, der dafür verantwortlich ist. Choi Min-sik, im koreanischen Raum bereits berühmt, spielt überzeugend intensiv die Hauptrolle und wird sich nach diesem, mit Preisen versehenen Meisterwerk, ab sofort Filme auch international aussuchen können. Park Chan-wook gab einmal zu, über die Freude mit Choi Min-sik zu arbeiten, erst den Filmvertrag unterschrieben zu haben ohne vorher die Manga-Vorlage zu „Oldboy“ gelesen zu haben. Das Filmergebnis ist durch vielerlei Aspekte beeindruckend und schwer mit anderen Filmen vergleichbar. Spätestens jetzt war Park Chan-wook international bekannt und wurde als Vertreter der „neuen koreanischen Welle“ gefeiert. Der finanzielle, aber auch kreative Druck auf seine Filme wuchs dadurch ebenfalls an. Er analysierte „Oldboy“ sehr kritisch und beschloss, sich ab sofort mehr auf weibliche Hauptfiguren zu konzentrieren (Er bezieht auch immer seine langjährige Ehefrau in jede wichtige künstlerische Entscheidung mit ein). Die viele Gewalt, Wut und Hass von „Oldboy“ und „Sympathy for Mr. Vengeance“ wirkte sich auch auf Park Chan-wooks Seele als Filmemacher verwüstend aus und er beschloss, die Rache-Trilogie zu beenden, indem seine „Wut anmutiger, sein Hass nobler und seine Gewalt zärtlicher“ werden sollte.
„Lady Vengeance“(2005) setzt den Schlussstrich unter die Rache-Trilogie und zeigt einen weiblichen Blick auf das Thema. Der Film begeistert nicht nur durch sein Szenenbild und die Kameraarbeit, sondern auch mit der Geschichte über die ungewollt schwangere Lee Geum-ja. Die 18-Jährige sucht  bei ihrem Vertrauenslehrer Schutz, aber dieser, wieder gespielt von Choi Min-sik, führt als Kindesentführer und -mörder ein grausames Doppelleben. Lee Geum-ja wird zu Unrecht des Mordes verurteilt und muss ihr Kind einer anonymen Adoption freigeben. Der Mord an einem Kind wird hier als höchste gesellschaftliche Verbrechensstufe zur Diskussion gestellt. Die vorstellbaren Rachegedanken des Zuschauers, bei Verlust des eigenen Kindes, werden bei „Lady Vengeance“ bei Weitem in ihrer gezielten Grausamkeit übertroffen. Lee Geum-ja hatte kein Leben als Mutter und sucht ihre Erlösung durch Vergeltung. Jedoch ist sie im moralischen Zwiespalt und kann ihre Seele nicht für solch eine Tat opfern.  Der Film endet in kollektiver Selbstjustiz als Mittel zum Zweck und führt zu einer Übersättigung der Rächer, die mit einem Stück Kuchen zelebriert wird.

Die weibliche Vielseitigkeit

Wie eine Gegenreaktion auf die düsteren Filme vorher, kam ein Jahr später der wohl fröhlichste Film, „I´m a Cyborg, But That´s OK“ (2006) von ihm in die Kinos und erzählt die Geschichte von Young-goon, die von sich glaubt ein Cyborg zu sein. Sie isst kaum noch etwas und versucht sich von Batterien und Strom zu ernähren. Dies, als Selbstmordversuch interpretiert, führt zum Einsperren von Young-goon in einer Irrenanstalt. Dort trifft sie auf den „Meisterdieb von Charakterzügen“ und schmiedet mit ihm den Plan aus der Anstalt zu fliehen. Diese zarte Liebesgeschichte könnte international als koreanische „fabelhafte Welt der Amelie“ verkauft werden. Zum Glück ist dies nicht passiert und der Film bleibt ein Geheimtipp der besonderen Art.
Mit „Thirst“ (2009) wird es wieder düsterer in der Filmografie von Park Chan-wook. Ein Priester wird ungewollt zum Vampir und beginnt zwischen Selbsterhaltung und christlicher Moral zu kämpfen. Chan-wook arbeitet an dem Filmprojekt seit über zehn Jahren und es ist die erste südkoreanisch-amerikanische Koproduktion.

Mia Wasikowska beim Dreh zu Stoker mit Park Chan-wook
Mia Wasikowska beim Dreh zu Stoker mit Park Chan-wook © 2013 – Fox Searchlight

Seine erste vollständig amerikanische Filmproduktion, prominent mit Nicole Kidman und Mia Wasikowska besetzt, betrachtet das amerikanische Familienleben als Basis der Geschichte. Die Idylle wird durch das Auftauchen des mörderisch wirkenden Onkels gestört, woraufhin sich Mutter und Tochter auch menschlich verändern. „Stoker“ (2013) ist eine Mischung aus Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“(1943) und den italienischen „Giallo“ Filmen Dario Argentos aus den 70er Jahren. Er ist auf der Suche nach dem Bösen im Menschen und ob die Bereitschaft zum Mord auch eine genetisch veranlagte ist. Die polarisierenden Kritiken zu „Stoker“ führten zu der Frage, ob Chan-wook weiter westliche Filme produzieren wird oder ob er sich wieder koreanische Handlungsorte sucht.

Die Antwort darauf ist „The Handmaiden“ (2016) (Review), eine in den 30ern spielende Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, sie sich von ihren sexgierigen, männlichen „Besitzern“ befreien. Die im japanisch-besetzten Korea spielende, mit altviktorianischem Interieur verzierte, 3-Akt-Geschichte, ist die derzeit letzte Filmarbeit von Park Chan-wook.

Park chan-wook, Kim Tae-ri, The Handmaiden
Park chan-wook mit Darstellerin Kim Tae-ri (©Christina House / For The Times)

Es sind nicht all seine Filme Meisterwerke, vor allem, weil die meisten von uns seinen Namen mit dem beeindruckenden „Oldboy“ kennengelernt haben und dadurch die Messlatte schon recht weit oben angesetzt wird. Seine Filme geben jedoch einen angenehm frischen und intellektuellen Blick auf schon verbrauchte Themen frei. Wer dem asiatischen Kino nicht abgeneigt ist und auch gerne wieder in die Abgründe der menschlichen Psyche geführt werden möchte, dem seien diese Filme dringend an das „blutende“ Herz gelegt.

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