Der seiden Faden Vicky Krieps Daniel Day-Lewis Kritik

Der Seidene Faden – Filmkritik

„Maßgeschneiderte Handwerkskunst“

Paul Thomas Anderson ist ein Regisseur, der sich Zeit lässt. Nicht nur bei seinen Filmproduktionen, sondern auch bei seinen Geschichten und bei der Entfaltung seiner Hauptfiguren. Sein drei Jahre zurückliegende „Inherent Vice“ (2014) hatte auf mich persönlich keine Wirkung entfaltet, aber die letzte Hauptrolle von Daniel Day-Lewis in „Der seidene Faden“ hat mich umso mehr begeistert. Day-Lewis hatte sich schon einmal von der Schauspielerei verabschiedet und kehrte für Martin Scorsese in „Gangs of New York“ (2002) zurück ins Showgeschäft. Er weiß sich also auch Zeit zu nehmen. Das macht Anderson und Lewis zu perfekten Arbeitskomplizen, wie „There Will Be Blood“ bereits zeigte. Aber zuerst wollen wir uns den geschichtlichen Faden von dem im Original betitelten „Phantom Thread“ ansehen.

Der seiden Faden Vicky Krieps Daniel Day-Lewis Kritik
Daniel Day-Lewis und Vicky Krieps © 2017 Focus Features, LLC.

Inhalt „Der seidene Faden“

Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist einer der wichtigsten Modedesigner im London der 50er Jahre. Die High Society und königliche Elite bestellt bei ihm regelmäßig aufwändige Kleider, die in einer separaten Etage seines eindrucksvollen Townhauses von vielen Schneiderinnen von Hand genäht werden. Er ist ein selbsternannter, eingefleischter Junggeselle und sorgt durch seine Exzentrik und indiskutablen Marotten für einen stetigen Wechsel an weiblichen Begleiterinnen. Die Trennung von selbigen übernimmt seine Schwester Cyril, großartig gespielt von Lesley Manville, die außerdem noch alle Tätigkeiten einer Geschäftsführerin des Unternehmens Woodcock ausführt. Reynolds ist für die Kunstwerke verantwortlich und ist das Gesicht des Unternehmens. Nach der Trennung einer weiteren verbrauchten Dame, fährt er aufs Land und lernt dort die einfache, aber selbstsichere Alma (Vicky Krieps) kennen, als er bei ihr ein opulentes Frühstück bestellt. Sie hat die perfekten Maße für die Präsentation seiner Mode und Reynolds nimmt sie nicht nur für diese Aufgabe mit nach London. Alma verschafft sich unerwartet erheblichen Einfluss im Hause Woodcock und sorgt in diesem fein justierten Hausbetrieb noch für einige Aussetzer.

Der seiden Faden Lesley Manville
Lesley Manville Cyril Woodcock © 2017 Focus Features, LLC.

Ein gleichseitiges Schauspiel-Dreieck.

Daniel Day-Lewis ist zu Lebzeiten bereits eine Schauspiellegende. Nicht nur wegen seiner drei Oscar-Auszeichnungen für die beste männliche Hauptrolle, sondern auch für seine Art des Schauspielhandwerks. Sie geht über den Method-Acting-Ansatz weit hinaus. Wenn Day-Lewis eine Rolle annimmt, bereitet er sich intensiv auf diese vor. Für sein Spiel als Abraham Lincoln in Steven Spielbergs „Lincoln“ (2012) nahm er sich ein Jahr Vorbereitungszeit, las über 100 Bücher zum Thema und ergründete intensiv die Kleidung und das Make-up des Idols. Für „Der seidene Faden“ hat er sich nicht nur wieder eine neue Palette an Mimik und Gestik angeeignet, sondern auch das Handwerk des Schneiders (Lewis war bereits Schuster für ein paar Jahre). Das wird gut sichtbar, wenn man seine von Nadeln durchstochenen, verhornten Finger sieht. Um dieser Urgewalt von Schauspiel die Stirn zu bieten, hat Paul Thomas Anderson als Regisseur die noch unbekannte Vicky Krieps für die Rolle der Alma gewählt. Sie schafft es auf natürlichem Weg, nur mit einem Lächeln bewaffnet, Lewis in einigen Szenen die Show zu stehlen. Da sie eine einfache und in Bildung der Figur Woodcock unterlegene Frau verkörpert, schafft sie es mit wenigen, simplen Worten immer die Essenz der Szene zu treffen, so dass man auch als Zuschauer begreift, was in Alma vorgeht. Lesley Manville verkörpert Woodcocks Schwester Cyril, die sich an die Marotten ihres Bruders gewöhnt hat, weil sie weiß, dass er ungestört am produktivsten ist. Sie nimmt jedoch in keiner Weise eine devote Haltung ihm gegenüber ein und ist der wahre Chef des Geschäfts. Lesley Manville überzeugt mit ihrem stolzen Auftreten und mit einem einzigen durchdringenden Blick.

Der seiden Faden Vicky Krieps Daniel Day-Lewis Kritik
Daniel Day-Lewis und Vicky Krieps © 2017 Focus Features, LLC.

Das Auge fühlt mit

Dieses wieder auf Film gedrehte Kunstwerk ist nicht nur spannend, weil man nie weiß, was die Figuren als nächstes tun werden, sondern ist auch im Produktionsdesign eine Augenweide und kann mit dem Oscar-Konkurrent „The Shape of Water“ mithalten. Jonny Greenwood, einflussreiches Mitglied der Band Radiohead und universelles Talent von Instrumenten, hat wieder einmal eine ausgezeichnete Filmmusik komponiert. Sie vertont die Leichtigkeit von Seide, springt melodisch auch einmal in dunkle Abgründe und lässt erahnen, wo die Geschichte hinführt. Die Kameraarbeit, ebenfalls von Paul Thomas Anderson, schwebt gefühlvoll durch die Räume, benötigt nur wenige Schnitte und lässt den Schauspielern Platz für ihr Spiel. Besonders interessant ist der Aspekt des Goldenen Schnitts (Wikipedia) bei diesem Kinofilm. In der Fotografie spricht man von einer vereinfachten Zwei-Drittel-Aufteilung. Die Filmszene wirkt am harmonischsten, wenn das Geschehen sich auf der Grenze von Zwei-Drittel des Bildes aufhält. Im Modedesign, speziell bei Kleidern, geht es aber um Symmetrie. Gesichter und Köper entsprechen dem Schönheitsideal, wenn sie symmetrisch sind. „Der seidene Faden“ bricht mit dieser Goldenen Schnitt-Regel und setzt die Figuren, dem Schönheitsideal folgend, in die Bildmitte. Anderson lässt die Hauptfiguren auch zeitweilig vom Bildzentrum direkt in die Kamera sehen. Ab und zu brechen die Akteure jedoch aus der Bildmitte aus, um zum goldenen Schnitt zu wechseln. So wie zum Beispiel in der Szene, als Alma und Reynolds sein Kleid zurückstehlen und sich küssend auf der Straße in die Arme fallen. Wenn die Emotionen im Leben von Woodcock die Oberhand gewinnen, verlässt auch die Kamera ihre strenge symmetrische Bildsprache, wie auch Alma das strukturierte Leben des Künstlers aus dem Rahmen bewegt.

Fazit

Modedesign ist ein Aspekt in „Der seidene Faden“, aber vor allem geht es um die Veränderung der Persönlichkeit durch eine Beziehung. Es ist ein Film zum Lachen, Staunen und Interpretieren. Wenn man im Mittelteil des Films denkt, dass es Paul Thomas Anderson dem Zuschauer zu einfach macht, wird sich beim finalen Akt über die vielschichtigen Deutungsmöglichkeiten freuen. „Der seidene Faden“ ist feinste Filmware, handgewebt und stilvoll!

 

Cast und Crew

Der seidene Faden (2017)
Originaltitel: Phantom Thread

Poster

Der seiden Faden Phantom Thread Kinoplakat

Kinostart Deutschland

01.02.2018

Regisseur

Paul Thomas Anderson

Schauspieler

Daniel Day-Lewis (Reynolds Woodcock)
Vicky Krieps (Alma)
Lesley Manville (Cyril Woodcook)

Trailer

Drehbuch

Paul Thomas Anderson

Kamera

Paul Thomas Anderson

Musik

Jonny Greenwood

Schnitt

Dylan Tichenor
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