Der_Hauptmann Max Hubacher

Der Hauptmann – Filmkritik

„Nur Befehle befolgt“

Soziales Gewissen, Geschichtsaufarbeitung und Politikbildung sind alles Begriffe, die mir vor einem Kinobesuch zum Film wie „Der Hauptmann“, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt, im Kopf kreisen. Meine Geschichtslehrerin hatte bei meiner Schulbildung ganze Arbeit geleistet und die nüchternen Fakten einer grausamen Vergangenheit Deutschlands gelehrt, so dass ich, trotz meiner Geburt 40 Jahre nach der Kapitulation des Deutschen Reiches, immer noch bei solchen Filmen Schuldgefühle bekomme. Sicherlich ist das gut so, damit solch grausame und fanatische Politik nicht zurückkehren kann, aber als mitfühlender Mensch ist die Sichtung eines Zweiten Weltkriegsdramas immer mit extrem hohem Unwohlsein für mich verbunden. Wenn die Handlung auf wahren Begebenheiten beruht und die handwerklichen Geschicke des Filmteams auf hohem Niveau sind, ist dieses Unwohlsein schon so stark, dass ich mit mir ringen muss mich diesem Leiden überhaupt auszusetzen. „Der Hauptmann“ erfüllt diese Kriterien und wird zu einem monochromen Blick in die höllischen Abgründe der menschlichen Grausamkeit.


© Weltkino Filmverleih GmbH

Inhalt „Der Hauptmann“

Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist nur noch einen Wimpernschlag entfernt. Die deutsche Bevölkerung fiebert jedoch nicht auf dieses Ereignis hin. Die Menschen sind ausgelaugt, kämpfen erbittert um das letzte Bisschen, was ihnen der Krieg noch nicht genommen hat. Fahnenflüchtige treiben in den Dörfern ihr Unwesen, ziehen raubend und stehlend durch die Häuser. So auch der Gefreite Herold (Max Hubacher), der aus Angst vor seiner Hinrichtung als Fahnenflüchtiger durch die winterliche Landschaft hetzt. Er findet das verlassene Gefährt eines Hauptmanns mit all seinen Dokumenten und Uniformen. Nach Wärme suchend, zieht Herold den dicken SS-Mantel über und schlüpft mit Hilfe seines schauspielerischen Talents in eine Rolle, die er gut kennt: „Der Hauptmann“. Freytag (Milan Peschel), ebenfalls ein bataillonsloser Soldat, trifft auf den neuen „Hauptmann Herold“ und erkennt ihn gleich als seinen neuen Vorgesetzen an. Dem charismatischen Offizier werden noch weitere Soldaten folgen und die „Kampftruppe Herold“ wird grausam durch die Lande ziehen.

In Hollywood seine Sporen verdient

Robert Schwentke (geb. 1968) ist sicher mit ähnlicher geschichtlicher Pädagogik wie ich aufgewachsen. Man kann sagen, dass er sich in Hollywood einen Namen gemacht hat. Es können nicht viele deutsche Regisseure behaupten mit Stars wie Bruce Willis, Morgan Freeman, Kate Winslet, John Malkovich, Ryan Reynolds oder Jeff Bridges zusammengearbeitet zu haben. Qualitativ spricht man bei seinen US-Produktionen eher von Mittelmaß: „Allegiant“, „Insurgent“ „R.E.D.“ oder „R.I.P.D.“. Das sind alles konkrete Auftragsarbeiten mit Bestseller-Literatur oder Comicvorlagen als Grundlage. Die Geschichte um die „Kampfgruppe Herold“ war jedoch schon immer in seinem Interesse und nach 13 Jahren Hollywood kehrte er für die deutsche Produktion „Der Hauptmann“ in seine Heimat zurück.


© Weltkino Filmverleih GmbH

Keine Hilfe für den Zuschauer

Kameramann Florian Ballhaus hat ohne Zweifel das Talent seines Vaters Michael Ballhaus geerbt. Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen wirken zu Beginn distanziert und erinnern eher an Archivaufnahmen. Aber mit dem schauspielerischen Einsatz von Max Hubacher als Willi Herold ist diese Distanz vorbei. Das Geschehen wird greifbar. Die Bilder sind gut komponiert und gewinnen der winterlichen Landschaft auch etwas Schönheit ab. Die Schauspielerbesetzung ist durchweg gelungen, Frederick Lau stößt sein freundliches Image ab und wird zu dem nach Gewalt süchtigen Kipinski. Milan Peschel ist als Gefreiter Freytag die Sympathiefigur für uns Zuschauer, der eine gehorsame und beobachtende Rolle übernimmt. Aber diese wird dem Publikum nach der ersten Filmhälfte  genommen und auch Freytag muss unmenschliche Befehle befolgen. „Der Hauptmann“ will ganz und gar nicht gefallen, er macht uns zu Zeitzeugen, kaut uns durch und spuckt das, was von uns übrig ist, auf den schlammigen Boden. Das ist von Robert Schwentke, der ebenfalls das Drehbuch geschrieben hat, auch so gewollt. Es gibt keinen moralischen Kompass, jeder ist auf sich selbst gestellt. Ab wann würde man selbst ins Geschehen eingreifen und die Gräueltaten beenden? Aber bei der Rezeption dieses Films sind wir zum Nichtstun verbannt.

Fazit

„Der Hauptmann“ ist ein qualitativ hochwertiger Film aus einer Welt, in der es keine Freude und moralische Orientierung gibt. Wer sich diesem monochromen Blick in die Hölle des blinden Gehorsams aussetzen möchte, wird zwei intensive Geschichtsstunden erfahren. Auch wenn der Abspann etwas über das Ziel hinausschießt, bleibt der Film ein gelungenes gesellschaftspolitisches Statement.

Titel, Cast und Crew

Der Hauptmann (2017)

Poster

Robert Schwentke

Kinostart/
Veröffentlichung

15.03.2018

Regisseur

Robert Schwentke

Trailer

Schauspieler

Max Hubacher (Willi Herold)
Milan Peschel (Freytag)
Frederick Lau (Kipinski)
Bernd Hölscher (Schütte)
Waldemar Kubus (Lagerleiter Hansen)
Alexnder Fehling (Offizier Junker)

Drehbuch

Robert Schwentke

Kamera

Florian Ballhaus

Musik

Martin Todharow

Schnitt

Michal Czarnecki

Filmlänge

119 Minuten

FSK

ab 16 Jahren

 

 

Keinen Beitrag verpassen
20

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.