Christopher Nolan – Eine filmische Reise

Zehn Spielfilme sind bereits unter der Regiearbeit von Christopher Nolan entstanden. Nolan ist jedoch viel mehr als nur ein Auftragsregisseur. Bei neun Filmen hat er sowohl am Drehbuch als auch der Produktion mitgewirkt. Neben einem festen, ausgezeichneten Produktionsteam, besetzt er wichtige Funktionen aus seinem persönlichen Umfeld. Sei es seine Ehefrau, Emma Thomas, die bei allen Filmen die Produktion übernimmt oder sein Bruder, Jonathan Nolan, der ihm Inhalte und Ideen für seine Drehbücher liefert. Gerade einmal mit zwei unterschiedlichen Kameramännern hat er zusammengearbeitet: Mit Wally Pfister, der bei „Transcendence“(2014) die Regie übernahm und deren Wege sich anschließend trennten und danach mit Hoyte Van Hoytema, seinem Mann für die IMAX-Bilder auf 70-mm-Film.

Christopher Edward Nolan wurde 1970 in London geboren. Sein Vater, Engländer, ein Werbetexter und sein Mutter, Amerikanerin, Flugbegleiterin und Englischlehrerin, zogen Christopher mit seinen zwei Brüdern auf beiden Kontinenten groß. Er entdeckte seine Liebe zum Kino und der Filminszenierung sehr früh und drehte, wie auch Steven Spielberg, in Kindesjahren seine ersten Kurzfilme auf einer Super-8-Kamera. Die ersten Protagonisten sollen Actionfiguren gewesen sein, ob eine Batman-Figur dabei war, weiß man leider nicht. Nolan studierte englische Literatur am University College of London. Dort lernte er auch seine Frau, Emma Thomas, kennen. Zusammen begannen sie Kurzfilme zu drehen. Das Management übernahm sie, den kreativen Teil er. Finanziert wurden die Projekte mit Filmvorführungen in der Nähe der Universität.

„Following“(1998) war die erste Arbeit in Spielfilmlänge. Drehbuch, Kamera und Regie lagen ausschließlich in Nolans Hand und wurden mit Hilfe von Familie und Freunden auf die Beine gestellt. Viele positive Kritiken der an das Film-Noir-Genre angelegten Geschichte konnten verbucht werden (Anm.: Darren Aronofskys erster Spielfilm „Pi“(1998) ist auch in schwarz-weiß gedreht). Der Film gab ihm die Arbeitsprobe, um bei größeren Studios vorzusprechen.

Bereits zwei Jahre später präsentierte er „Memento“ (2000) und stellte die übliche Erzählweise der Kinos auf den Kopf. Die Hauptfigur, gespielt von Guy Pearce, kann sein Kurzzeitgedächtnis nicht mehr als ein paar Minuten benutzen und versucht trotzdem beharrlich den Mörder seiner Frau zu finden. Die Szenen werden chronologisch rückwärts erzählt und führen den Zuschauer geschickt durch einen spannenden Thriller, der so noch nie erzählt wurde. Die Vorliebe zu einer non-linearen Erzählweise wurde ein Markenzeichen seiner Filme. Außerdem zeigte „Memento“, wie mit geringem Budget und wenigen Schauspielern ein unglaublich spannender Film entstehen kann.

Zwei Jahre später übernahm Nolan die einzige Auftragsarbeit, bei der er ausschließlich Regie führte. „Insomnia“ (2002), ein Thriller, in dem Al Pacino die Hauptrolle besetzte, ist ein Remake des norwegischen Originals „Todesschlaf“, in dem der Mord an einer 17-Jährigen in Alaska aufgedeckt werden soll. Durch die langen Mittsommertage und internen Ermittlungen gegen den Protagonisten, leidet dieser unter Schlaflosigkeit. Mit seinen Halluzinationen und Gedächtnislücken entsteht eine fast surreale Wahrnehmung für die Figur von Al Pacino, wie auch für den Zuschauer.

Nolan war schon immer ein Fan des dunklen Helden: Batman und das Filmstudio Warner Bros. Entertainment wollte ein Reboot der eigenen Filmreihe. Die vorherigen Produktionen entwickelten sich zu Lachnummern mit riesigem Budget. Nolan war für diesen Neustart genau der richtige Mann und zusammen mit David Goyer als Drehbuchautor erschuf er einen Batman, den sich jeder problemlos in unserer Welt vorstellen kann. Das ist auch einer der interessantesten Aspekte der Batman-Comics: Bruce Wayne hat keine Superkräfte, sondern zeigt seine Talente durch technisches Knowhow und eine unerschöpfliche Finanzierung durch sein immenses Vermögen. Einen Helden mit blauen Flecken und Prellungen zu zeigen, ist hier nur ein Beispiel der Verortung in der Realität. „Batman Begins“ (2005) war mit einem sehr hohen Budget von 150 Mio. Dollar und einem noch unbekannten Regisseur, ein großer finanzieller Erfolg. Warner Bros. Entertainment stellte eine Partnerschaft mit der Filmproduktionsfirma Syncopy Films her (Gründer waren das Paar Thomas und Nolan), die bis dato nicht beendet wurde.

Einen Blick in die Vergangenheit wagte Nolan bereits ein Jahr später. „The Prestige“(2006) spielt Ende des 19. Jahrhunderts in London. Zwei konkurrierende Magier (Hugh Jackman und Christian Bale) kämpfen mit allen Mitteln um den spektakulärsten Zaubertrick. Um Perfektion zu erreichen, müssen moralische Grenzen überschritten werden und das zeigen beide Zauberer auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Die beeindruckende Geschichte wird – Nolan-typisch – mit Zeitsprüngen und parallelen Handlungen wie ein Zaubertrick erzählt.  Der Zuschauer erkennt, wie viel Illusion auch im Medium Film enthalten und verborgen ist und fragt sich, welchen Tricks er bei diesen Portraits erlegen ist.

Die Geschichte um Batman, als den dunklen Ritter, wollte jedoch weitererzählt werden und der unerbittliche Besetzungswunsch von Nolan, dass Heath Ledger den Joker spielen sollte, wurde von Warner Bros. abgesegnet. Der überraschende Tod Ledgers vor dem Kinostart erzeugte eine geschmacklose Werbung auf „The Dark Knight“(2008). Der Film stellte jedoch alles Bisherige aus diesem Genre in den Schatten. Schauspielerisch, erzählerisch und inszenatorisch ließ dieser Film alle anderen Superheldenfilme sprichwörtlich in den Strumpfhosen dastehen. Die Grenzen zwischen Gut und Böse wurden durch das Chaos des Jokers aufgebogen und ein gesellschaftliches Spiegelbild entstand. Es war ein überwältigender Erfolg, an der Kinokasse wie auch bei den Kritikern. Nolan konnte hier bereits mit dem IMAX-Filmformat arbeiten und die zweite Zusammenarbeit mit dem Filmkomponisten Hans Zimmer wurde nun auch eine dauerhafte Kooperation.

Um sich von dem großen Erfolg zu erholen, dachten alle, Nolan würde es wieder etwas ruhiger angehen lassen und zu einer kleinen Geschichte zurückkehren. Doch „Inception“ (2010) sollte die Skeptiker Lügen strafen. Mit großem Budget und talentierter Starbesetzung (Leonardo DiCaprio, Joseph Gorden-Levitt, Michael Caine, Tom Hardy, Marion Cotillard, Ellen Page, u. v. m.) erzählt der Film von der Möglichkeit, in fremde Träume einzudringen und so das Handeln in der Realität zu beeinflussen. Eine Art Diebstahl-Thriller mit 007-Agenten-Optik wurde erwartet. Die Zuschauer bekamen jedoch viel mehr und erlebten eine Liebesgeschichte mit jeder Menge Action, der visuellen Ignoranz gegenüber physikalischer Gesetze und einer Metapher wie Kinofilme entstehen, on top. Bei der Oscar®-Verleihung erhielt „Inception“ lediglich drei Trophäen in den Nebenkategorien und einen Oscar® für die beste Kameraarbeit. Vielleicht waren die Gesichter der Akademiemitglieder zu grün vor Neid bei der Sichtung des Films. In den Herzen der Kinoliebhaber hatte dieser Film jedoch einen Fensterplatz erhalten.

„The Dark Knight Rises“(2012) setzte den Schlusspunkt in der Nolan-Batman-Trilogie und wurde auch sein größter Erfolg an der Kinokasse. Selbst ein Amoklauf bei einer Mitternachtspremiere in den USA hielt den Erfolg nicht auf. Jedoch fielen die Kritiken etwas verhaltener aus, denn zu beeindruckend waren „The Dark Knight“ und „Inception“ davor gewesen.

2014 bekam das Science-Fiction-Genre mit „Interstellar“ eine Nolan-Perspektive. Der Untergang der Erde steht bevor und die Menschheit setzt alles auf eine Karte, um einen neuen Heimatplaneten zu finden. Die Geschichte spielt in einer nicht allzu fernen Zeit und der Zuschauer wird durch minimalen Einsatz von Computeranimation emotional und intensiv auf die Reise mitgenommen. Anders als erwartet fällt ein überaus zwischenmenschlicher Film auf die Leinwand, der nicht nur dem Wesen der Zeit auf den Grund geht, sondern auch, was es bedeutet eine Familie zu haben und die eigenen Kinder aufwachsen zu sehen (Anm.: Thomas und Nolan sind selbst Eltern von vier Kindern).

Nach vielen Spekulationen, dass es endlich zu einem James-Bond-Film kommen sollte, wird nun am 27. Juli 2017 das Kriegsdrama „Dunkirk“(Kritik) in den Kinos starten und wie wir es gewohnt sind, ist der Film beeindruckend. Obwohl, gewöhnen werden wir uns hoffentlich nie an seine Filme, Kino muss beeindrucken!

 

Photo by Ron Phillips – © 2012 – WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND LEGENDARY PICTURES FUNDING, LLC

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